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Lebensarbeitszeitkonten Wir brauchen die Work-Life-Integration

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Das Zeitkonto bringt die Flexibilität

Obwohl all das bekannt ist, passiert außer Flickschusterei eigentlich nichts. Nach Dienstschluss sollen Angestellte keine beruflichen Mails mehr lesen. Und länger als acht Stunden pro Tag soll auch niemand arbeiten, rät die Politik. Mehr Kitaplätze und Elternzeit sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Nur: offenbar hilft das alles wenig. Weder erhöht es die Belastbarkeit, noch schont es die Beschäftigten, noch bekommen mehr Menschen Kinder oder machen wenigstens Karriere.

Die Mehrheit arbeitet weiter so vor sich hin, bespaßt nach 17 Uhr die Familie, bekommt den einen oder anderen Burnout, geht vorzeitig wegen Rückenleiden oder psychischer Probleme in den Ruhestand und hat dann zu wenig Geld, um die Miete zu bezahlen. Zumindest hat davor die Mehrheit Angst. Eine Studie der Gothaer Versicherung unter mehr als 1000 Berufstätigen im Alter zwischen 16 und 60 Jahren zeigt, dass 61 Prozent davon ausgehen, dass die gesetzliche Rentenversicherung und ihre private Altersvorsorge nicht ausreichen werden, um im Alter einen zufriedenstellenden Lebensstandard genießen zu können. Bei den unter-30-Jährigen glaubt außerdem fast die Hälfte, auch mit über 70 noch zu arbeiten zu müssen. Und diese Vorstellung begeistert weder Büroangestellte noch Handwerker.

Wann die Europäer in Rente gehen
DeutschlandDie Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Informationen der „Bild-Zeitung“ im vergangenen Jahr so spät in Rente gegangen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig sanken die Abschläge wegen vorgezogenen Renteneintritts auf den niedrigsten Wert seit 2003, berichtet die Zeitung unter Berufung auf die neueste Rentenzugangsstatistik der Deutschen Rentenversicherung. Danach stieg das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Männer 2012 von 60,9 auf 61,2 Jahre. Frauen gingen mit 61 (2011: 60,8) Jahren in Rente. Das waren die höchsten Werte seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2000 wechselten Männer noch im Schnitt mit 59,8 Jahren aufs Altenteil, Frauen mit 60,5 Jahren. Quelle: dpa
FrankreichAuch in Frankreich ist das Renteneintrittsalter gestiegen: 2009 - vor der Anhebung der Altersgrenze - gingen die Franzosen noch mit durchschnittlich 59,3 Jahren in Pension, 2012 waren sie im Schnitt 62 Jahre und 2 Monate alt (2011: 61 Jahre und 11 Monate). Wer vor seinem 20 Lebensjahr angefangen hat zu arbeiten und in die Rentenkasse einzuzahlen, darf bereits mit 60 Jahren aufs Altenteil wechseln, ohne Abschläge befürchten zu müssen. Quelle: AP
Griechenland2012 haben sich die griechische Regierung und die Troika aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Union und Internationalem Währungsfondsdarauf geeinigt, das Renteneintrittsalter in dem Schuldenstaat anzuheben. Seit dem gehen die Griechen - zumindest nach Plan - mit 67 statt wie zuvor mit 65 Jahren in den Ruhestand. 2011 betrug das durchschnittliche Renteneintrittsalter in Griechenland 61,4 Jahre. Quelle: dpa
ItalienItalienische Frauen verbringen inzwischen durchschnittlich 27,3 Jahre im Ruhestand, Männer knapp 23. In Rente gehen die Italiener im Schnitt mit 60,8 Jahren. Wenn sie keine Abschläge hinnehmen wollen, müssten sie eigentlich bis 62 arbeiten. Quelle: AP
Spanien2011 hat sich auch die spanische Regierung angesichts eines gigantischen Schuldenberges dazu entschlossen, die Altersgrenze anzuheben: Wie auch in Deutschland und Griechenland soll das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Zuvor gingen die Spanier im Schnitt mit 62,6 statt 65 Jahren in Rente. Beschäftigte, die bereits 38,5 Jahre gearbeitet haben, haben allerdings weiterhin ab dem 65 Lebensjahr einen Anspruch auf volle Rentenbezüge. Quelle: dapd
GroßbritannienSeit 2011 gibt es in Großbritannien kein offizielles Rentenalter mehr. Die Briten können also selbst entscheiden, wann sie in den Ruhestand gehen. Zuvor konnten die Briten mit 60 Jahren (Frauen) beziehungsweise 65 Jahren (Männer) die Arbeit Arbeit sein lassen. Das tatsächliche Eintrittsalter lag vor der Abschaffung des Rentenalters bei 63,1 Jahren. Quelle: AP
IrlandDie Iren arbeiten am längsten: So müssen auf der grünen Insel Männer und Frauen noch bis 65 arbeiten und tun es auch - zumindest bis sie (im Durchschnitt) 64,1 Jahre alt werden. Wegen des Schuldenberges der grünen Insel erhöht die irische Regierung nun schrittweise das Rentenalter von 65 auf 68 Jahre. Quelle: AP

Damit alle alles unter einen Hut bekommen, was sie darunter packen wollen, und so lange arbeiten gehen, wie sie können und wollen, braucht es also mehr als das Grünbuch, die x-te Podiumsdiskussion über dauerhafte Erreichbarkeit oder die tausendste Talkrunde über Work-Life-Balance und die (Un-) Vereinbarkeit von ertragsreichem Berufs- und erfüllendem Familienleben. Es braucht tatsächlich die von Riesen geforderte Work-Life-Integration. Das eine darf nicht mehr das Gegenteil des anderen sein. Das Lebensarbeitszeitkonto wäre eine denkbare Option, um Leben und Arbeiten besser zusammenzubringen, als es bisher der Fall ist. Zur Not auch als Interimslösung, bis irgendwem etwas Neues, noch nie Dagewesenes einfällt, das auf einen Schlag alle Probleme löst.

Einen Gang zurückschalten, ist kaum möglich

„Es gibt Phasen, wo einem die 60-Stunden-Woche nichts ausmacht und man für die Karriere alles gibt. Und dann gibt es Phasen, wo vielleicht Familie, Kinder und Hausbau im Vordergrund stehen und der Berufstätige nur noch 35 Stunden pro Woche arbeiten will“, sagt Sascha Grosskopf,  Demand Generation Manager bei Cornerstone OnDemand, einem amerikanischen Anbieter von Talent Management Software.

Auf welche Bereiche wirkt sich die Digitalisierung im Arbeitsalltag aus?

Bei vielen US-Unternehmen ist es keine große Sache, wenn Mitarbeiter die verschiedenen Arbeitsphasen wechseln. „Die Flexibilität muss möglich sein, dass man im Unternehmen bleiben, aber die Positionen und Aufgaben wechseln kann, ohne dass es einer Degradierung gleich kommt, wenn man einen Gang zurück schaltet“, sagt Grosskopf. Ein entsprechendes Zeitkonto könnte das in Deutschland möglich machen – ohne Jobwechsel.

Das Zeitkonto hat den Vorteil, dass sowohl Betriebe, Mitarbeiter als auch Politik schon Erfahrungen damit gemacht haben. Die Angst vor dem Neuen entfällt hier also. Unternehmen müssten dieses Instrument allerdings ein bisschen anders einsetzen, als es bislang der Fall ist.

Das Arbeitszeitkonto taucht gerne in der Debatte um den vorzeitigen Ruhestand auf und auch in einigen Tarifverträgen gibt es Zeitkonten. Die Studie der Gothaer zu Zeitwertkonten hat ermittelt, dass fünf Prozent der Unternehmen Arbeitszeitkonten anbieten. Dagegen stehen allerdings 41 Prozent der Mitarbeiter, die sofort auf ein solches Konto Zeit einzahlen würden und 35,3 Prozent, die an dem Modell zumindest interessiert sind. Klingt ja auch gut: Angestellte arbeiten quasi im Voraus und wer in jungen Jahren viel arbeitet, kann früher in Rente gehen.

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