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Leistungssteigerung Wie Automatenmusik bei der Arbeit hilft

Dass Musik bei der Arbeit helfen kann, hat offenbar ein Großteil der Büroarbeiter erkannt. Eine Umfrage im Auftrag von Spotify und des Karrierenetzwerks LinkedIn ergab, dass 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer regelmäßig Musik am Arbeitsplatz hören. Quelle: imago images

Die richtige Musik macht selbst die tumbsten Tätigkeiten erträglicher, dafür gibt es sogar eine eigene App: Endel komponiert den individuellen Soundtrack fürs Büro – per Algorithmus.

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Wenn Oleg Stavitsky konzentriert arbeitet, wenn er „in the zone“ ist, wie er das gerne nennt, dann geht das nicht ohne seine Kopfhörer. Darauf hört er bevorzugt Musik aus dem Ambient-Genre: langsamer Takt, lang gedehnte Klänge, ohne auffällige Rhythmen. Brian Eno ist einer der bekanntesten Komponisten dieser Gattung und einer von Oleg Stavitskys Lieblingskünstlern.

Eines hat den Programmierer daran aber schon lange gestört: „Entweder man hört sich das gleiche Album wieder und wieder an, das nervt irgendwann. Oder man muss ständig per Hand ein neues aussuchen, das lenkt auch ab.“ Einem Mann mit Stavitskys Fähigkeiten stellt sich da zwangsläufig eine Frage: Kann man die klangliche Untermalung der Arbeit nicht einfach einem Automaten überlassen?

Die Antwort: Man kann. Beziehungsweise: Stavitsky und sein Team können. Und sie sind sogar noch einen Schritt weitergegangen. Sie haben einen Algorithmus namens Endel programmiert, der die Musik nicht nur auswählt, sondern gleich selbst erzeugt. Endel komponiert Klänge, die an Brian Eno erinnern, und spielt sie quasi live ins Ohr. Direkt aus einer Smartphone-App, smarten Lautsprechern oder Fernsehern oder aus dem Webbrowser. Gerade erst hat die Plattenfirma Warner Music die Verbreitungsrechte für 20 Alben mit 600 von Endel komponierten Songs gekauft.

„Der Algorithmus wurde auf der Grundlage verschiedener wissenschaftlicher Erkenntnisse entworfen“, sagt Stavitsky. Forscher aus Musik- wie Sozialwissenschaften haben mittlerweile viele Einsichten darüber gewinnen können, wie Musik die Leistungsfähigkeit beeinflusst.

So kann besonders fröhliche, tempo- und variantenreiche Musik das Gehirn aktivieren – das hilft insbesondere bei langweiligen, repetitiven Tätigkeiten. Der passende Klang kann aber auch bei anspruchsvollen Aufgaben helfen, die Konzentration aufrechtzuhalten, wie die Psychologen Manuel Gonzalez und Johan Aiello in einer gerade veröffentlichten Studie ermitteln konnten. Und nach besonders stressigen Tagen sorgt der richtige Hintergrundsound auch dafür, dass Menschen sich besser entspannen oder sogar leichter einschlafen können.

Dass Musik bei der Arbeit helfen kann, hat offenbar ein Großteil der Büroarbeiter erkannt. Eine Umfrage im Auftrag von Spotify und des Karrierenetzwerks LinkedIn ergab, dass 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer regelmäßig Musik am Arbeitsplatz hören. 82 Prozent der Befragten glauben, dass dadurch ihre Produktivität steigt.

Es scheint bitter nötig, denn insbesondere in den Großraumbüros und Co-Working-Umgebungen der heutigen Arbeitswelt raschelt, murmelt und klappert es immer lauter. Laut einer Umfrage des Büromöbelherstellers Steelcase so sehr, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer täglich 86 Minuten an produktiver Arbeitszeit durch Lärmunterbrechungen verliert.

Wer sich den passenden Soundtrack fürs Büro bislang selbst aussuchen wollte, hatte verschiedene Möglichkeiten. Er musste sich tief in die eigene Sammlung eingraben, um genau die passenden Tracks für die richtige Situation zu finden. Er konnte auf vorgefertigte Playlisten von Streaminganbietern wie Spotify setzen, die unter Schlagwörtern wie „Beats to think to“ oder „Deep Focus“ laufen. Oder er setzte auf Zusammenstellungen wie die der Wirtschaftswoche, die zu verschiedenen Situationen und Aufgaben passend gewählt sind.

Playlist für die Konzentration


Endel nimmt diese Arbeit nun selbst in die Hand. Derzeit kann man die App in vier unterschiedlichen Situationen einsetzen: Da wäre zum einen der Focus-Modus, den auch Oleg Stavitsky zum konzentrierten Arbeiten verwendet; der Relax-Modus, der beim Entspannen helfen soll; der On-the-go-Modus, der sich unterwegs der eigenen Geschwindigkeit anpasst; und der Sleep-Modus, der vor dem Einschlafen beruhigt. „Das Wichtigste dabei ist die Personalisierung“, sagt Stavitsky.

Und diese Personalisierung funktioniert nur, wenn die App Zugriff auf viele unterschiedliche Daten hat. Endel nutzt zum Beispiel die Tageszeit, den Terminkalender, den Herzschlag, das Wetter, im Auto auch die Verkehrslage oder in der Wohnung die Temperatur. Je nachdem welchen Modus der Nutzer wählt, strukturiert er dann die Musik: Kommt man nach einem stressigen Tag nach Hause und stand davor auch noch zwei Stunden im Stau, baut Endel im Entspannungsmodus eine beruhigende Klangkulisse. Will man in den frühen Morgenstunden konzentriert arbeiten, gibt der Algorithmus einen schnelleren Takt zur Arbeit vor. Bald soll die App sogar erkennen, welcher Modus gerade anhand der Daten angebracht wäre, um diesen dann automatisch zu starten.

Playlist zur Entspannung


Die Klänge stammen von Dmitry Evgrafov, einer der Mitgründer und professioneller Komponist. Seine nur wenige Sekunden langen Tonfragmente werden vom Algorithmus automatisch angepasst und so eingesetzt, dass keine wiederkehrenden Muster auftreten – damit sich das Gehirn nicht langweilt. Auch wenn Endel arbeitet wie ein Komponist aus Fleisch und Blut – laut CEO Oleg Stavitsky müssen die sich keine Sorgen machen: „Der Algorithmus ist nicht hier, um menschliche Musiker zu ersetzen.“

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