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Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau Ab 30 ist Schluss mit Gleichberechtigung

Anhaltende Ungleichheit: Nach wie vor werden Frauen in gleichen Berufen schlechter bezahlt als Männer. Das liegt auch an verfestigten Rollenbildern. Quelle: dpa

Der Gehaltsreport der WirtschaftsWoche hat erstmals den Gender Pay Gap in verschiedenen Branchen errechnet. Warum er in der IT eher niedrig und im Vertrieb eher hoch ist – und es auch noch aufs Alter ankommt.

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Katharina Wrohlich mag das Wort „Berufswahl“ nicht. Denn eine echte Wahl, davon ist die Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung überzeugt, haben die Menschen gar nicht. Erwartungen prägten Karrieren. Deshalb wählen Frauen seltener die Branchen mit den Spitzengehältern, wechseln der Familie zuliebe häufiger auf eine Teilzeitstelle oder pausieren, kommen seltener in die Sphären, in denen richtig gut gezahlt wird. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass unsere Berufswahl und unsere spätere Karriere zur Gänze freie Entscheidungen sind“, betont Wrohlich. „Diese Entscheidungen werden nicht losgelöst von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen getroffen.“

Das zeigt sich auch im Gehaltsreport der WirtschaftsWoche, der erstmals die Unterschiede zwischen dem, was Frauen und Männer verdienen, untersucht. Zwar wird dieser Gender Pay Gap kleiner, je genauer man darauf achtet, ob die Positionen vergleichbar sind. Auffällig aber ist an den Zahlen, die die Personalberatung Korn Ferry exklusiv für die WirtschaftsWoche erhoben hat, dass Frauen in manchen Bereichen, in denen sich Unternehmen beim Recruiting schwer tun – etwa in der IT – ihren Marktwert erfolgreich einfordern. Dort gibt es kaum einen Gehaltsunterschied.

In anderen Bereichen gelingt Frauen das nicht: Im Ingenieurwesen ist der Gender Pay Gap mit 5,1 Prozent so hoch wie in keinem anderen Bereich. „Wir wissen aus der Forschung, dass Branchen, die lange Arbeitszeiten überproportional belohnen, die Präsenzkultur pflegen, einen besonders hohen Unterschied zeigen“, skizziert Wrohlich eine mögliche Erklärung. In der IT hingegen seien flexible Arbeitsmodelle schon lange vor der Coronapandemie gelebt worden.

Wer oft verhandelt, verdient mehr

Auch im Vertrieb fällt der Gender Pay Gap in Deutschland den Daten von Korn Ferry zufolge mit fünf Prozent hoch aus. Eine Beobachtung, die auch Wrohlich aus der Forschung kennt. Ihre Erklärung: Gerade im Vertrieb spielt der variable Teil der Vergütung eine entscheidende Rolle. Der wird jedes Jahr aufs Neue austariert. Theoretisch. Denn Frauen stoßen Gehaltsverhandlungen seltener an. Und wenn sie verhandeln, holen sie weniger für sich heraus. „Das liegt nicht unbedingt daran, dass Frauen schlechter verhandeln können als Männer, sondern daran, dass Frauen, wenn sie für sich selbst hart verhandeln, als unsympathisch bewertet werden – im Unterschied zu Männern, die für harte Verhandlungen Anerkennung bekommen.“

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    Schon das verschafft den Frauen einen Nachteil im Gehaltswettlauf – der sich dann nochmal schlagartig vergrößert, sobald das Thema Familie dazukommt. So konnten Annekatrin Schrenker und Aline Zucco vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung kürzlich in einer Studie zeigen, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in Deutschland ab dem Alter von 30 Jahren stark ansteigen: Bei Beschäftigten unter 30 Jahren lag der Gender Pay Gap bei neun Prozent, bis zum Alter von 50 Jahren verdreifacht er sich auf 28 Prozent. Das liegt auch daran, dass sich Frauen ab 30 häufiger um die Familie kümmern als Männer. Aber nicht nur. „Selbst in der Frage danach, welches Gehalt als gerecht empfunden wird, gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, betont Wrohlich.

    In einem Experiment ließ sie Männer wie Frauen beurteilen, ob sie ein Gehalt als angemessen erachten. Die Befragten bekamen dazu fiktive Kollegen vorgestellt – mit vier verschiedenen Charakteristika: dem Alter, der Berufserfahrung, der Betriebszugehörigkeit und dem Geschlecht. Selbst wenn sich diese Kollegen nur im Geschlecht unterschieden, wurden höhere Gehälter bei Männern als angemessener wahrgenommen als bei Frauen. Und diese Diskrepanz wurde ebenfalls mit Alter der Kollegen immer größer. Waren Herr und Frau Müller unter 30, lagen die als gerecht empfundenen Gehälter noch gleich auf. Waren Herr und Frau Müller allerdings 50 nahmen die Probanden das gleiche Gehalt bei ihm als angemessen, bei ihr allerdings als überzogen wahr – auch wenn beide die gleiche Berufserfahrung mitbrachten.

    Ein Befund, der überraschen mag – sollte Erfahrung als Grundlage für hohe Gehälter doch für Frauen wie für Männer von Bedeutung sein. Doch Wrohlich macht auch hier soziale Normen und kulturelle Prägungen als Ursache aus. Für die ältere Frau, die eine erfolgreiche Karriere absolviert hat und entsprechend verdient, gebe es „keine sozial akzeptierte Rollenschablone, die die Menschen aus der Schublade ziehen können“, wie Wrohlich es ausdrückt. Das beobachte sie auch beim Verlauf von weiblichen Karrieren. „Junge Frauen werden manchmal auch von älteren Kollegen, die sich in einer väterlichen Rolle sehen, gefördert. Aber dieses Muster greift bei älteren Frauen eben nicht mehr. Und auf der gleichen Hierarchiestufe nehmen sie sie als Konkurrenz wahr.“

    Mehr zum Thema: Verhandlungsexpertin Ljubow Chaikevitch erklärt, warum Frauen bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdienen als Männer, wie sie das ändern können und warum es wichtig ist, die Bedürfnisse des Chefs zu kennen.

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