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Mehr Erfolg mit Englisch
Quelle: imago images

Bewahren Sie die eigene Persönlichkeit – statt sich streberhaft anzupassen

Egal ob „Gin Tonic“ oder Gin and Tonic, ob verbal oder non-verbal: Mit der englischen Sprache gehen viele kulturelle Zwischentöne einher, die sich mit Erfahrung und aus Fehlern erlernen lassen – aber nicht mit peinlichen Nachfragen, zwanghafter Mimikry und scheinbarer Perfektion.

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Wie unauffällig – also subtle, gesprochen [sattl] – die Unterschiede zwischen englischem English unserem Englisch manchmal sind, wurde auch in diesem Sommer wieder an der Bar offenbar! Während wir im Urlaub oder zum Feierabend gerne einen „Gin Tonic“ bestellen, lautet der vollständige Name dieses traditionellen britischen cocktail seit mehr als 300 Jahren Gin and Tonic. Oder kurz: G and T.

Ob und wie sich das fehlende and auf unsere Bestellungen auswirkt, liegt selbstverständlich in den Händen der Damen und Herren, die hinter den Bars dieser Welt arbeiten. Am Rande jeder Bar sei bemerkt, dass man sie besser bartender statt barkeeper nennt, jedenfalls dann, wenn man nicht weiß, ob sie die Bar auch besitzen. Und was die „Gin Tonic“ order betrifft: Mir ist kein Fall bekannt, in dem sie abgelehnt oder sprachlich korrigiert worden wäre.

Allerdings sind mir schon häufiger Unterschiede in der non-verbalen Reaktion und vor allem der handfesten Zubereitung aufgefallen, die ich so zusammenfassen würde: and kann als Zauberwort für das versierte Barpersonal dienen, einen wirklich trockenen, großartigen G and T zu servieren. Denglische Patienten laufen unterdessen Gefahr, einen süßen, um nicht zu sagen fancyig-feuchten „Gin Tonic“ zusammengerührt zu bekommen. Kenner würden ihn wohl genauso ablehnen wie einen Martini Cocktail mit zu wenig Gin und zu viel Wermut …



Das Beispiel zeigt, dass Sprache immer auch ein Ausdruck unterschiedlicher kultureller Gewohnheiten ist. So unwichtig und unauffällig sie einem erscheinen mögen – noch einmal: the differences may seem subtle –, so hürdenartig und sogar lebensbedrohlich können sie sich auswachsen, selbst wenn nicht einmal ein Wort gesprochen wird! Eindrucksvoll vorgeführt hat es Regisseur Quentin Tarantino im (absichtlich völlig falsch geschriebenen) Film „Inglourious Basterds“. Seitdem wissen wir, wie man im englischen Sprachraum drei Gläser G and T, Whisky oder vielleicht auch nur beer bestellt, ohne dabei überhaupt den Mund aufzumachen. Man hebt nicht wie bei uns Daumen – thumb (das „b“ wird nicht gesprochen) –, Zeige- und Mittelfinger – index and middle finger –, sondern man streckt index, middle and ring finger in Höhe, indem der thumb den little finger herunterdrückt. Weil der von Michael Fassbender gespielte Lieutenant Archie Hicox – gesprochen [läff-tännönt] – das nicht weiß, verrät er er sich gegenüber den deutschen Soldaten als britischer Spion und reißt am Schluss die versammelte Mannschaft in den Tod.

Eine andere, bis heute verbreitete (Un-) Art der deutsch-englischen Kommunikation hat unterdessen Christoph Waltz zum Besten gegeben. Alleine für sie lohnt es sich den mittlerweile zwölf Jahre alten Film „Inglourious Basterds“ noch einmal zu sehen. Waltz spielt einen gnaden- und skrupellosen – ruthless and unscrupulous – SS-Mann, der sich selbst als „Judenjäger“ bezeichnet und trotz seiner Gräueltaten die Chuzpe besitzt, von den USA freies Geleit, eine eigene Insel und einen Haufen Geld zu verlangen. Als die Amerikaner zustimmen, ruft er laut „That's a bingo!“ und fragt dann in streberhaft perfektionistischer Manier nach, ober er auch sprachlich alles korrekt gemacht habe: „Is that the way you say: ,It's a bingo!‘?“ Die entnervte Antwort der Amerikaner, dass Bingo! ausreiche, ist ihm Anlass sich noch einmal feierlich zu korrigieren, selbst wenn es wieder daneben geht: „Bingo! How fun!“

Es ist diese Szene und der mit ihr dargestellte Zwang zur interkulturellen Mimikry, an die ich gelegentlich denken muss, wenn Kolleginnen, Kollegen und nicht zuletzt ich selbst versuchen mit astreinem Englisch zu glänzen.

Am Ende einer Videokonferenz habe ich erst neulich genau das erlebt: Die deutsche Gastgeberin verabschiedete sich bei der Moderation mit den Worten „Thank you for the moderation“, um dann „inglouriously“ nachzufragen: „Is this what you say: moderation?“ Damit machte sie nicht nur ihre Unsicherheit offenkundig, sondern verwirrte die Runde, so dass sie sich am Ende nur noch peinlich kichernd verabschieden konnte. Unklar blieb jedoch, dass man besser Thank you for chairing the session sagt – weil schließlich keiner der anwesenden Amerikaner oder Briten die Chefin korrigieren wollte. Und selbst wenn sie es gemacht hätten, wäre eine perfekte Verabschiedung unter keinen Umständen mehr möglich gewesen. Oder um noch einmal das Beispiel von Lt Hicox zu bemühen: Hätte er nach der Bestellung mit den falschen Fingern nachgefragt, ob man es an einer deutschen Bar etwa anders macht, wäre ihm als einziger der sofortige Kopfschuss sicher gewesen.

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Mein Tipp lautet deshalb: Egal, wie ehren- oder zweifelhaft Ihre englischsprachige Mission ist, lassen sie derartige interkulturelle Spontanmanöver besser bleiben! Schreiben Sie sich sich ihre Fragen auf. Danach können Sie sich am besten mit einem perfekten Gin and Tonic an einen native speaker wenden, um alles in Ruhe und ohne Zwang zu klären. Bingo!

Peter Littger beschäftigt sich mit deutsch-englischen Sprachverwirrungen und ist Autor unter anderem der Bestseller-Buchreihe „The Devil lies in the Detail – Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache“. Sie können Peter Littger auf Instagram und Twitter folgen.

Mehr zum Thema: „Let’s become concrete!“ – konkrete Tipps, um solche englischen Patzer zu vermeiden.

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