Mikrokosmos Büro Woher Rückenschmerzen kommen und wie sie wieder gehen

Wenn bei der Arbeit die Bedingungen nicht stimmen, sind Rückenschmerzen oft die Folge. Mit Gymnastik und ergonomischen Möbeln lässt sich einiges dagegen tun. Aber die wirklichen Ursachen sind oft psychischer Natur.

Gymnastikübungen fürs Büro
Wer in einer Sitzhaltung stundenlang einrastet, tut seiner Wirbelsäule, seiner Muskulatur und seinem Kreislauf keinen Gefallen. Denn stundenlanges sitzen ist mehr als ungesund. Deshalb hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) "Auf und nieder - immer wieder!" veröffentlicht. Eine Anleitung für "mehr Gesundheit im Büro durch Sitz-Steh-Dynamik". Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Einige Tipps für "dynamisches Sitzen": Lassen Sie das Becken vor- und zurückwippen! Verlagern Sie ihr Gewicht mal mehr auf die rechte und mal mehr auf die linke Gesäßhälfte! Schieben Sie ihren Brustkorb vor und zurück oder zur Seite! Strecken Sie hin und wieder den Nacken, indem Sie den Kopf nach hinten schieben! Stützen Sie sich in der vorderen Sitzhaltung auf dem Arbeitstisch ab! Lehnen Sie sich entspannt in der hinteren Sitzhaltung gegen die Rückenlehne! Versuchen Sie im Sitzen mit der Hüfte zu kreisen! Nutzen Sie die positiven Effekte der Atmung auf Wirbelsäule und Muskulatur: Atmen Sie ganz bewusst so tief wie möglich ein, lassen Sie den Atem anschließend langsam ausströmen und pressen Sie den Restatem aus ihren Lungen. Versuchen Sie die Übung noch mal, indem Sie beim einatmen Arme und Schultern nach hinten dehnen und beim Ausatmen klein werden wie ein Paket! Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
So sinnvoll das eben beschriebene Herumgerutsche auf dem Stuhl auch ist, Aufstehen ist noch besser: Arbeitsmediziner raten, dass der Arbeitstag im Büro zu 50 Prozent sitzend und zu jeweils 25 Prozent stehend bzw. in Bewegung verbracht werden sollte. Ein Tipp: Platzieren Sie oft benötigte Arbeitsgeräte nicht direkt auf Ihrem Schreibtisch oder daneben, sondern so weit entfernt, dass Sie immer wieder aufstehen und ein paar Schritte gehen müssen, um sie zu erreichen. Kurze Gespräche mit Kollegen, Post lesen oder telefonieren: grundsätzlich im Stehen. Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Kurze Meetings, Post lesen oder telefonieren: grundsätzlich im Stehen oder Gehen. Alternativ auch so wie die Dame auf dem Bild. Innerbetriebliche Informationen tauschen Sie nicht immer per e-Mail oder Telefon aus, sondern indem Sie persönlich vorbeigehen. Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Wenn Sie eine Tür hinter sich schließen können, oder die Blicke der Kollegen nicht scheuen, machen Sie immer mal wieder eine kleine Bürogymnastik am Schreibtisch - oder auch mit einem Bürogegenstand als Hantel. Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Verspannte Schultern, ein steifer Nacken oder ein stechender Schmerz in den Lendenwirbeln. Das sind die häufigsten von zahlreichen Symptomen von Deutschlands Arbeitskrankheit Nummer Eins: Rückenschmerzen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen leiden darunter im Laufe ihres Lebens. Meist nur zeitlich begrenzt, oft aber auch dauerhaft.

Der Rücken eines Anstreichers, eines Dachdeckers oder einer Kellnerin ist besonderen Belastungen ausgesetzt, die zu Schmerzen und irgendwann gar zur Arbeitsunfähigkeit führen können. Bei Büroarbeitern kann auch das andere Extrem die Ursache sein: Bewegungsmangel durch zu langes und möglicherweise rückenunfreundliches Sitzen.

Schwedische Forscher um Elin Ekblom-Bak vom Karolinska-Institut in Stockholm haben 2010 in einer Studie im „Britisch Journal of Sports Medicine“ festgestellt, dass langes Sitzen – unabhängig davon, ob man regelmäßig Sport treibt – nicht nur Rückenschmerzen verursachen kann, sondern auch ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes bedeutet.

Arbeitsmediziner raten daher allen sitzend arbeitenden Menschen, möglichst viel Bewegung in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. „Arbeitnehmer können etwa zum Telefonieren immer aufstehen, sich ein Stehpult ins Büro stellen oder den Drucker möglichst weit weg vom Schreibtisch positionieren“, sagt Andreas Tautz von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin. So müssten sie sich immer bewegen, wenn sie ihre Ausdrucke holen.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat eine Broschüre für „Mehr Gesundheit im Büro durch Sitz-Steh-Dynamik“ veröffentlicht (siehe oben).

Wie zu langes Sitzen den Körper belastet
MuskelnIm Sitzen werden die Muskeln nicht gefordert und gekräftigt. Langes Sitzen führt also dazu, dass sich die Muskeln zurück bilden. Wer in der Freizeit nicht mit Sport gegensteuert, sitzt sich also sukzessive schlapp. Quelle: dpa
WirbelsäuleDas hat natürlich nicht nur Auswirkungen auf unsere Fitness: Da auch die Rückenmuskulatur leidet, verliert die Wirbelsäule ihr natürliches Stützkorsett. Im schlimmsten Fall kann es zu Bandscheibenproblemen kommen. Quelle: dpa/dpaweb
BauchVom langen Sitzen werden die Muskeln aber nicht nur schwächer. Sie produzieren auch weniger des Enzyms Lipoproteinlipase, das als Katalysator beim den Fettabbau dient. Wer lange sitzt, hat also auch ein größeres Risiko, dick zu werden. Quelle: gms
FüßeEin besonders im Sommer verbreitetes Phänomen: Bei ausbleibender Bewegung sammelt sich Flüssigkeit im Gewebe an, wodurch die Füße anschwellen. Quelle: REUTERS
BeineWie in den Füßen, sammelt sich auch Flüssigkeit in den Beinen an. Gehen hilft, die Flüssigkeit abzubauen. Wer während der Arbeit gar nicht oder nur selten aufstehen kann, sollte immer wieder die Position der Füße verändern und das Gewicht abwechselnd auf Zehenspitzen und Fersen verteilen. Quelle: dpa
NackenDie über den Tag gespeicherte Flüssigkeit sorgt nämlich nicht nur für schwere Beine und dicke Füße, sie kann auch nachts beim Liegen in den Nacken wandern. Eine mögliche Folge: Schlafapnoe. Quelle: dpa
BlutdruckWer viel sitzt und sich auch nach Feierabend wenig bewegt, riskiert außerdem Bluthochdruck. Quelle: dpa
HerzDauerhaftes Sitzen kann sich so langfristig auch auf unser Herz-Kreislauf-System auswirken. Quelle: dpa
LungenBei Menschen mit Herzproblemen wegen zu langem Sitzen kann sich Flüssigkeit in den Lungen aufstauen. Quelle: Reuters
KopfWeitere Gefahr der mangelnden Durchblutung des Körpers: Im schlimmsten Fall können sich in den Blutgefäßen kleine Gerinsel bilden, die Schlaganfälle verursachen können. Quelle: dapd

Mittlerweile reagieren viele Unternehmen auf diese Erkenntnisse und statten ihre Büros mit Sitz-Steh-Arbeitstischen aus, die sowohl sitzendes als auch stehendes Arbeiten ermöglichen. Sinnvoll sind auch Bürostühle, die möglichst viele Haltungswechsel fördern. Stühle mit einer Synchronmechanik erlauben es, sich zurückzulehnen und stellen sich dabei auf die individuellen Bedürfnisse des Nutzers ein. Hochwertige Sitzmöbel lassen zudem auch seitliche Bewegungen zu. Laut einer Studie im Auftrag des Verbandes „Büro-, Sitz- und Objektmöbel“ (bso) setzen mittlerweile auch 95,4 Prozent aller Unternehmen Stühle ein, die zumindest eine einfache Form des dynamischen Sitzens mit Wechseln der Sitzposition zulassen. Allerdings kommen erst bei 19,7 Prozent der Unternehmen an allen Arbeitsplätzen Drehstühle mit einer Synchronmechanik zum Einsatz.

Um Arbeiten im Stehen zu unterstützen, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Dazu zählen Stehpulte, Caddys, Stehtische und Sitz-Steh-Arbeitstische. Das Fraunhofer IAO (Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation) hatte unter anderem im Auftrag der BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) bereits untersucht, wie intensiv die verschiedenen Sitz-Steh-Konzepte genutzt werden. Demnach kommen in der Praxis eigentlich nur Sitz-Steh-Arbeitstische im nennenswerten Maß zum Einsatz. Während Stehpulte meist nur drei- bis fünfmal täglich für durchschnittlich fünf Minuten genutzt wurden, war die Nutzungsdauer an den Sitz-Steh-Arbeitstischen sechsmal höher.

Sitzende Tätigkeiten sollten aber keinesfalls vollkommen durch Arbeiten im Stehen ersetzt werden. Einseitige Belastungen führen nämlich zu vorzeitiger Ermüdung. Ziel sollte es vielmehr sein, durch Arbeits- und Arbeitsplatzgestaltung einen Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen zu ermöglichen.

Alltagstipps für einen starken Rücken

Aber Rückenschmerzen müssen nicht immer körperliche Ursachen haben. "Wir wissen heute, dass psycho-soziale Befindlichkeiten einen deutlichen Einfluss haben auf die Verspannungen des muskulo-skelettalen Apparates. Hinter Rückenschmerzen kann sich auch eine depressive Verstimmung oder sogar eine Depression verstecken", sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher betriebs- und Werksärzte.

Unter Rückenschmerzen Leidende sollten deshalb auf der Suche nach Ursachen und zu deren Bekämpfung nicht nur die richtige Einstellung von Bürostuhl und Schreibtisch im Blick haben. „Der Rücken ist der Spiegel der Seele“, sagen viele Psychotherapeuten. Über 85 Prozent der Rückenschmerzen seien mit psychischen Ursachen verbunden, heißt es beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Deswegen hat der BDP, um die Prävention zu unterstützen, eine Broschüre „Rückenbeschwerden und Psyche“ für Büroarbeiter herausgebracht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%