MINT-Herbst-Report Wo sind die Techniker und Naturwissenschaftler?

Alle lieben Technik - nur im naturwissenschaftlich-technischen Bereich arbeiten will offenbar niemand. Der Wirtschaft fehlen rund 360.000 Fachkräfte aus dem MINT-Bereich. Dem gegenüber stehen zig arbeitslose MINT-Kräfte.

Die Digitalisierung verspricht ein Jobparadies für digitale Talente. Quelle: dpa

Physik und Chemie findet der 18-jährige Linus Wiora so faszinierend wie andere Teenager in seinem Alter Popmusik und Fußball. Seit der zweiten Klasse verbringt er seine Freizeit im Schülerforschungszentrum (SFZ) im oberschwäbischen Bad Saulgau - zunächst mit Physikexperimenten, dann im Robotics-Kurs mit dem Bau kleiner Roboter. Für SFZ-Gesamtleiter Tobias Beck sind die kostenlosen Angebote angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland dringend notwendig: „Bei Sport und Musik haben wir eine perfekt ausgeprägte außerschulische Förderung“, sagt der Naturwissenschaftler. „Was wir nicht haben, sind Vereine für die MINT-Fächer. Wer Fußballer werden will, muss kicken dürfen. Wer eine Karriere in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik anstrebt, muss sich auch hier in der Freizeit austoben dürfen.“

Doch während viele Kinder von einer Karriere als Profifußballer träumen, stehen der Elektrotechniker, der Physiker oder der Informatiker nicht sonderlich hoch im Kurs - und zwar weder bei Jungen noch bei Mädchen. Das macht sich auch später an den Universitäten bemerkbar, wo immer noch alle Arzt oder Anwalt werden wollen, aber eben nicht Chemiker oder Big Data-Scientist.

Diese Tech-Jobs werden im Jahr 2020 gesucht

Die Folgen spürt die deutsche Wirtschaft bereits jetzt sehr deutlich. Obwohl derzeit rund 6,5 Millionen Menschen in einem MINT-Beruf arbeiten - je 1,2 Millionen sind Akademiker beziehungsweise Meister- oder Techniker, 4,1 Millionen sind MINT-Facharbeiter - reicht es nicht. Laut dem MINT-Herbstreport 2015 von der Initiative "MINT Zukunft schaffen" fehlten allein Ende September in Deutschland 363.800 Naturwissenschaftler und Informatiker. 2020 sollen es 600.00 sein. Und zwar sowohl Frauen als auch Männer.

Den derzeit fehlenden 363.800 MINT-Kräften stehen jedoch 215.958 Deutsche gegenüber, die arbeitslos gemeldet sind und gerne in einem der MINT-Berufe arbeiten würden. Wie kommt das zustande? Ein Teil dieser arbeitslosen Naturwissenschaftler passt nicht auf die Vakanzen: Wer einen Elektrotechniker braucht, stellt keinen Physiker ein und umgekehrt. Im Herbstreport ist in diesem Zusammenhang vom "qualifikatorischen Mismatch" die Rede. Trotzdem bleiben immer noch 36 Berufe aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich übrig, in denen Fachkräfte fehlen.

Rechnet man die Mismatches heraus - Physiker in Hamburg passt nicht auf Chemikerstelle in Hamburg, findet aber Arbeit in Stuttgart - bleibt immer noch eine Lücke von 164.400 Personen. Dabei geht es allerdings nicht nur um fertige Fachkräfte: Insgesamt fehlen 77.800 Lehrlinge in technischen Ausbildungsberufen und 56.800 MINT-Experten - jedenfalls wenn man die aggregierte Arbeitskräftelücke als Maßstab nimmt.

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Doch das größte Problem ist und bleibt der Nachwuchs. Ausbildungen - auch in technischen Berufen - verlieren für Jugendliche an Attraktivität. Sie wollen lieber studieren. Und dann wählen nur wenige naturwissenschaftlich-technische Studiengänge. "Es ist zu befürchten, dass in den nächsten Jahren die Fachkräftelücke vor allem bei MINT-Ausbildungsberufen weiter steigen wird, da die unerschlossenen Erwerbspotenziale bei Älteren abnehmen, und die bisherigen Hauptzuwanderungsregionen ebenfalls vor demografischen Herausforderungen stehen. Auch führt die Rente mit 63 zu negativen Beschäftigungseffekten bei älteren MINT-Arbeitnehmern", heißt es in der Studie.

Da bleibt nur, auf die Strahlkraft von Projekten wie dem SFZ zu hoffen, die schon bei Kindern im Grundschulalter ansetzen und nicht erst im Studium, wenn die Mehrheit für diese Berufe schon verloren zu sein scheint.

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