Mit Bachelor zum Offizier Lohnt sich ein Job bei der Bundeswehr?

Mit Bachelor zum Offizier: Bundeswehr wirbt um mathematische und naturwissenschaftliche Absolventen. Quelle: Bundeswehr

Die Zeitenwende braucht MINT-Absolventen. Sie haben zwar in der Privatwirtschaft meist bessere Verdienstaussichten. Dennoch spricht einiges für den zivilen oder gar militärischen Dienst in der Truppe.

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Die Bundeswehr startet im Kampf um Nachwuchskräfte jetzt eine Offensive: Erstmals seit Jahren wirbt die Truppe im Fernsehen um Bewerber. Der Slogan lautet: „Wir schützen Deutschland“. Bereits im Frühjahr waren Kinogänger vor dem Blockbuster „Top Gun: Maverick“ mit gewagten Kampfjetszenen aufgefordert worden, doch über einen Job bei der Bundeswehr nachzudenken.

Der Spot dürfte einen Nerv treffen: Die öffentliche Stimmung hat sich seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine und der von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) proklamierten Zeitenwende gedreht. In einer ZDF-Umfrage sprachen sich im Sommer nur noch 19 Prozent der Teilnehmer gegen eine Beteiligung Deutschlands an internationalen Friedenseinsätzen aus – fast halb so viele wie noch 2010.

Die Bundeswehr sucht nun in erster Linie Absolventen der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Aber diese hochqualifizierten Nachwuchstalente werden auch von der Privatwirtschaft umworben. Lohnt sich also für sie ein Job bei der Truppe? Auf den ersten Blick nicht unbedingt, meint Falk Runge, früher Kompaniechef bei der Bundeswehr, jetzt Partner bei der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Er stellt fest: „Die Bundeswehr hat schon größte Mühe, ihre eigenen teuer und durchaus gut akademisch ausgebildeten Offiziere als Berufsoffiziere langfristig zu binden.“

von Sonja Álvarez, Max Biederbeck

Direkteinstieg als Offizier

So plagt die Bundeswehr seit Jahren ein Fachkräfteproblem. Sie versucht gegenzusteuern. Ein wichtiger Faktor war dabei die Reform der Offiziersausbildung. Externe Fachkräfte mit Hochschulabschluss haben seit 2020 die Möglichkeit, auch ohne vorherige Erfahrung an der Waffe direkt als Offizier eingestellt zu werden. Sie müssen die militärische Ausbildung dann nachholen.

Mit dieser Veränderung sollte das Bild vom Offizier als vorrangig militärischem Anführer hin zur hochspezialisierten Fachkraft erweitert werden – und das Einstiegsgehalt für die gefragten Talente konkurrenzfähiger werden. „Wenn ein Spezialist bei BMW monatlich 7000 Euro verdient, kann die Bundeswehr mit den starren Vorgaben für Beförderungen im Beamtenrecht nicht mithalten“, sagt ein Insider. „Der militärische Bereich bietet da sehr viel mehr Freiraum, um neue Mitarbeiter bei der Besoldung sofort höher einzustufen.“
Doch auch das kann den Ex-Offizier Runge nicht wirklich überzeugen. „Für die allermeisten hochqualifizierten Fachkräfte hat die Bundeswehr ganz grundsätzlich eine eher geringe Attraktivität, weil sie in Sachen Gehalt im Vergleich zur Privatwirtschaft nicht konkurrenzfähig ist“, meint der Berater. Diese umworbenen Fachkräfte ließen sich meist auch nicht mit der Aussicht auf einen Beamtenstatus ködern. Denn letztlich sind die Gehälter von Beamten des Bundes, zu denen Soldaten zählen, durch die Besoldungsgruppen gedeckelt.

Die allermeisten Beamten und Soldaten fallen in die Besoldungskategorie A. Sie reicht in diesem Jahr von 2371 bis 8100 Euro brutto pro Monat. Für die Besoldungsgruppe B muss die Karriere bis in den Aufgabenbereich des Verteidigungsministeriums führen. Hier liegen die Grundbezüge pro Monat bei rund 7250 bis 15.100 Euro. Hinzu kommen etwaige Aufschläge, beispielsweise für Soldaten mit Kindern.

Bonus für Soldaten

Bei der Truppe sieht man die Gehaltsfrage naturgemäß etwas anders. „In vielen Bereichen sind wir mit der Besoldung durchaus konkurrenzfähig“, sagt ein Sprecher der Bundeswehr in Köln. Er verweist auf geringere Abzüge als bei den meisten Angestellten in der Privatwirtschaft, sodass netto mehr vom Brutto bleibt. Aber auch er muss einräumen: In bestimmten technischen Berufen steht die Truppe im Wettstreit mit zahlreichen und nicht selten prestigeträchtigeren Unternehmen. Hier schöpfe die Bundeswehr alle Möglichkeiten aus, um mit Zulagen oder Prämien qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu binden. So gewährt die Bundeswehr beispielsweise im Bereich IT einigen Bewerbern einen monatlichen Bonus von bis zu 1000 Euro.

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Geld ist für immer mehr Arbeitnehmer aber längst nicht mehr alles. „Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt, dass Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen Dienst verlässlicher sind als die in der Wirtschaft und der Industrie, die in Teilen von Kurzarbeit bis hin zu Insolvenzen und Schließungen betroffen waren“, betont der Bundeswehrsprecher. Bei seinem Arbeitgeber winkt hingegen ein Job auf Lebenszeit. Wer mit einem Bachelor oder Master bei der Bundeswehr anfängt, habe gute Chancen auf eine Verbeamtung.

Dies kann je nach Qualifikation und Berufserfahrung sofort oder nach einer Probezeit geschehen. Beamte im zivilen Bereich der Bundeswehr, also bei der Bundeswehrverwaltung, sind laut dem Sprecher in der Regel ebenfalls Beamte auf Lebenszeit. Vor dieser Stufe gibt es Beamte auf Probe oder Beamte auf Widerruf. „Tarifbeschäftigte haben in der Regel die im öffentlichen Dienst übliche Arbeitsplatzsicherheit durch unbefristete Arbeitsverträge“, so der Bundeswehrsprecher. 

Der Staat will begehrte Nachwuchskräfte zudem durch gute Arbeitsbedingungen von sich überzeugen. Homeoffice, Teilzeit oder Vier-Tage-Woche werden grundsätzlich angeboten, hängen aber vom jeweiligen Dienstposten ab. Das muss auch der einstige Kompaniechef und heutige Berater Runge mal loben: „In Sachen Flexibilität und Familienfreundlichkeit hat die Bundeswehr zuletzt durchaus Fortschritte gemacht.“ Dafür droht seiner Ansicht nach bei der Bundeswehr aktuell eine Arbeitsbelastung der anderen Art.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren hätten die sporadischen Auslandseinsätze gut auch vom Technischen Hilfswerk übernommen werden können. Heute müssten sich Rekruten hingegen real auf weltweite Kampfeinsätze einstellen. „Das ist dann schon eine besondere Form von Work-Life-Balance“, gibt der Ex-Militär zu bedenken. „Die Zeiten, wo man sich weitgehend gefahrlos im Glanz seiner Sterne auf den Schulterklappen sonnen konnte, sind definitiv vorbei.“

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