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Motivation und Leistung leiden Warum Pendeln Gift für Ihre Karriere ist

Pendeln wirkt sich negativ auf den Job aus Quelle: LAIF/Zenit

Eine lange Anreise zur Arbeit kostet Zeit, Nerven und schadet der Gesundheit. Jetzt kommt eine Studie zu dem Schluss: Das Pendeln kann sich auch negativ auf den Job auswirken.

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Jeden Morgen klingelt Marc Frewerts Wecker um halb sechs. Nicht, weil der 32-Jährige zu den Menschen gehört, die das frühe Aufstehen lieben, sondern weil er es sonst nicht pünktlich zur Arbeit schaffen würde.

Frewerts Wohn- und Arbeitsort trennen knapp 100 Kilometer. 15 Minuten S-Bahn, mehr als eine Stunde Zug, weitere zehn Minuten S-Bahn. Mindestens. Hat Frewert Glück, sitzt er um 8.30 Uhr in seinem Büro in Ulm. Hat Frewert Pech, dauert die Anreise aus Stuttgart drei Stunden.
Kein Wunder, dass er häufig gestresst im Büro ankommt – bevor er mit seiner Arbeit angefangen hat. Frewert ist oft müde und kann sich schlecht konzentrieren. „Die Pendlerei ist eine zusätzliche Belastung“, sagt der Ingenieur. Er habe nicht nur „einen anspruchsvollen Job“, sondern auch einen fordernden Verkehrsalltag.

Geschichten wie diese hört Hannes Zacher oft. Der Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig erforscht die Auswirkungen weiter Arbeitswege auf Menschen. Ein Thema, das viele betrifft. Rund 18 Millionen Deutsche pendelten 2017 zur Arbeit, Tendenz steigend. Zacher ist sich sicher: Pendeln kann sich „nicht nur negativ auf die Gesundheit und Psyche auswirken, sondern auch auf die Karriere“.

Entzaubert Zacher damit eine der großen Pendlerlügen? Gilt die Fahrerei gerade den Flexiblen nicht als einkalkuliertes Übel, das sie zum Wohle ihrer Karriere auf sich nehmen? Reden sich vor allem die Ambitionierten ihre Zeit im Stau oder in überfüllten Zügen nicht mit der Aussicht auf bessere Zukunftsperspektiven schön?

Nachteile schon bei der Bewerbung

Tatsächlich legt eine neue Studie zunächst einmal das Gegenteil nahe: Wer weit weg wohnt, hat größere Schwierigkeiten, einen Job zu ergattern. Der Verkehrs- und Arbeitsökonom David Phillips von der Universität von Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana und sein Team haben rund 2300 fiktive Bewerbungen auf reale Stellenausschreibungen versendet. Dabei zeigte sich: Bewerber mit einer weiter entfernten Adresse bekamen um bis zu 14 Prozent weniger Rückmeldungen.

Natürlich lassen sich Phillips Ergebnisse nicht einfach auf Deutschland übertragen. Seine Studie untersuchte den Effekt auf Jobs, für die lediglich ein High-School-Abschluss nötig war; hierzulande gehören die meisten Pendler der Gruppe der Fach- und Führungskräfte an. Und doch: Die Vielfahrerei birgt ein Risiko. Je nachdem, wie weit und wie lange jemand unterwegs sei, könne sich das Pendeln „negativ auf Produktivität, Motivation und Leistungsfähigkeit auswirken“, sagt Psychologe Zacher.

So erreichen Pendler oft zu spät das Büro, sind daher oft angespannt. Zudem leiden sie häufiger an chronischen Krankheiten. Und wer dauernd fehle, dürfte es „bei der nächsten Beförderung vermutlich schwerer haben“ als zuverlässig Anwesende, sagt Zacher.

Marc Frewert konnte dieser Falle entgehen. Obwohl er pendelt, betreut er eigene Projekte. Das liegt auch daran, dass er in seinen mittlerweile fünf Jahren als Zugreisender einige Tricks entwickelt hat. Zunächst besprach er mit Kollegen und Vorgesetzten, dass Meetings nicht mehr frühmorgens oder spätabends abgehalten werden. Lässt es sich nicht vermeiden, nimmt Frewert einen Zug früher als üblich. „Ein ordentlicher Puffer entspannt enorm“, sagt er.

Besonders hart hat er an seiner Einstellung gearbeitet: „Man darf das Pendeln nicht als verlorene Zeit sehen.“ Mittlerweile nutzt er die Stunden, um über komplexe Probleme nachzudenken oder zu lesen. Außerdem hat er einen Blog initiiert. Darin schildert er seinen Alltag als Pendler, gibt Tipps. Das Ergebnis seiner Beschäftigungs- und Disziplinierungsmaßnahmen: „Wenn ich zu Hause bin, ist mein Kopf frei.“

Zugfahrer sind etwas entspannter

Nicht nur die Pendler selbst sind für ihr Wohl verantwortlich. „Arbeitgeber spielen bei der Anreise ihrer Mitarbeiter eine wichtige Rolle“, sagt Hannes Zacher. Schon mit Kleinigkeiten könnten sie ihnen ein besseres Gefühl vermitteln. Radständer anbringen, Duschen installieren, Fahrgemeinschaften gründen oder für einen bessere Anbindung an den Nahverkehr kämpfen – das alles hilft.

Denn auch das ergab die Forschung: Zugfahrer sind entspannter als Autofahrer. Und je aktiver die Strecke zurückgelegt werden kann, desto besser. „Wer wenigstens einen Teil mit dem Rad erledigt, kommt deutlich zufriedener und auch leistungsbereiter im Büro an“, sagt Zacher. Das Pendeln also als Karrierefalle oder Kraftlieferant? Kommt auf die Art des Pendelns an.

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