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Neue Arbeitswelt Das größte Problem am Homeoffice: die Kollegen

Homeoffice-Knigge: So gelingt die Kommunikation mit Kollegen Quelle: imago images

Die Arbeit vom heimischen Schreibtisch kann Familienkonflikte verhindern, Umzüge ersparen und ist oft konzentrierter. Gäbe es da nicht ein Problem: die Kommunikation mit den Kollegen. Zeit für einen Homeoffice-Knigge.

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Wahrscheinlich hat sich die Kollegin gar nicht viel dabei gedacht. Als ich letztens gegen 15 Uhr das Büro verließ, da rief sie mir hinterher: „Viel Spaß in der Sonne!“ Und es stimmte ja auch: Ich bin danach zur Kita gefahren, auf dem Rad. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Dann bin ich an den Fluss, die Sonne strahlte. Schließlich auf den Spielplatz, die Sonne wurde langsam schwächer. Und als die Sonne nicht mehr schien, habe ich mich dann an den Rechner gesetzt und ihn um kurz vor 22 Uhr heruntergefahren.

Solche Tagesabläufe sind Alltag in unserer heutigen Arbeitswelt. Und alles in allem funktionieren sie ausgezeichnet. Nach einem Tag wie dem sonnigen bin ich zwar völlig platt, wenn ich zu Bett gehe, dafür habe ich das beste aus allen Welten kombiniert: Keinen Termin im Büro verpasst, den Nachmittag mit dem Kind verbracht und schließlich in fast klösterlicher Ruhe an einem Artikel gefeilt. Wäre da nicht dieser Satz gewesen, der mir noch abends im Ohr nachhallte. Denn auch wenn er wahrscheinlich sogar nett gemeint war, so hatte er doch einen unüberhörbaren Subtext: Du hast jetzt frei, während wir hier noch arbeiten.

Jeder, der ab und zu vom heimischen Schreibtisch arbeitet, kennt solche kleinen, vermeintlich harmlosen Sätze. Doch sie stehen für ein grundsätzliches Problem der neuen flexiblen Arbeitswelt: die Kommunikation mit Kollegen und Vorgesetzten.

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema eindeutig. Vom Homeoffice profitieren alle. Mitarbeiter, denen es ermöglicht Kind und Familie zusammenzubringen, wo sonst einer in die Teilzeit wechseln müsste. Paare mit Jobs in weit von einander entfernten Städten, die sich sonst nur am Wochenende sehen könnten. Und Arbeitgeber, die ihnen gewogene und produktivere Mitarbeiter bekommen, wie es eine Studie des Stanford-Professors Nicolas Bloom belegt: Wer von zuhause arbeitet, macht demnach weniger Pausen, arbeitet im Durchschnitt länger und empfindet es als einfacher, sich zu konzentrieren.

Wenn jemand unter der regelmäßigen Arbeit von zuhause leidet, dann höchstens die Mitarbeiter selbst: Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation IAO leiden Menschen, die zuhause statt im Büro arbeiten, häufiger an Stress und Schlafmangel.

Stress nach Sonnengruß

Ich möchte behaupten: Das liegt nicht nur an ihnen selbst. Sondern auch daran, wie die im Büro bleibenden Kollegen mit ihnen umgehen. Erst Sätze wie der Sonnengruß am Nachmittag machen aus der konzentrierten Heimarbeit eine Stresssituation. Wer im Homeoffice ist, der muss andauernd beweisen, dass er tatsächlich arbeitet – und arbeitet am Ende deshalb mehr, als gesund wäre. Im Büro genügt schon die Anwesenheit als Legitimation. Wer jeden Abend bis acht am Rechner sitzt, der wird als fleißig wahrgenommen – selbst, wenn er den größten Teil der Zeit Candy Crush spielt oder mit den Kollegen chattet.

Damit die flexible Arbeitswelt wirklich funktioniert, bräuchte es dringend einen Homeoffice-Knigge, der nur aus einer einzigen Regel bestehen müsste: Behandle jeden Kollegen so, als ob er im Büro nebenan säße. Wer ab und zu von zuhause arbeitet, der kennt die Anrufe, die mit der Begrüßung beginnen: „Ich hoffe, ich störe dich jetzt nicht…“ und implizieren damit die Annahme, dass man im Homeoffice eigentlich gerade die Wäsche macht oder den Rasen mäht.

Das gleiche gilt für Entscheidungen, die im Büro zu treffen sind. Nur weil ein Kollege gerade mal für einen Tag oder ein paar Stunden nicht am Arbeitsplatz ist, bedeutet das ja nicht, dass man mit ihm nicht kommunizieren könnte. Oft aber stelle ich, wenn ich am nächsten Tag aus dem Homeoffice zurück im Büro bin, fest, dass Dinge einfach entschieden worden sind, bei denen man mich sonst zweifelsohne zu Rate gezogen hätte. „Du warst ja nicht da gestern, deshalb haben wir das schon mal so beschlossen…“ Wer so spricht, hat den Unterschied zwischen dem Urlaub auf Bali und dem Büro in der Wohnsiedlung nicht verstanden.

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