Neugier: Wissensdurst kann zum Karrierefaktor werden
Coca Cola
Das Getränk ist kaum mehr wegzudenken. Erfunden wurde es einst vom Apotheker John Stith Pemberton in Atlanta. Damals wurde es noch mit Wein gemischt und als Heilmittel gegen Kopfschmerzen und Befindlichkeitsstörungen gehandelt. Als 1885 ein Alkoholverbot in Atlanta verhängt wurde, kreierte Pemberton eine kinderfreundliche Version mit Mineralwasser - so begann der weltweite Siegeszug.
Foto: APSchokoladenkekse
Die Leckereien entstanden durch eine unfreiwillige Improvisation. Als Ruth Wakefield 1930 beim Backen mit Bedauern feststellte, dass sie keine Blockschokolade mehr hatte, brach sie handelsübliche Milchschokolade in kleine Stücke und streute sie in den Teig. Eigentlich wollte sie die Schokolade zum Schmelzen bringen, um daraus Schokokekse zu machen - doch die kleinen Stücke blieben kleben.
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Kartoffelchips
Ein Restaurant im US-Bundesstaat New York hatte im Sommer 1853 mit einem unzufriedenen Gast zu kämpfen. Er ließ seine Pommes Frites zurückgehen, weil sie ihm zu dick waren. Der Koch des Restaurants soll die Fassung verloren, die Kartoffeln dann extrem dünn geschnitten und in Fett frittiert haben - bis sie steinhart waren. Wider Erwarten des Kochs liebte der Kunde die Chips.
Foto: APDie Mikrowelle
Der Ingenieur und Erfinder Percy Spencer erkannte, dass man Speisen erwärmen kann. Bei einem Experiment mit einer neuen Vakuumröhre begann der Schokoriegel in seiner Tasche zu schmelzen. Spencer, der schon damals 120 Patente angemeldet hatte, schnappte sich ein paar Maiskörner und hielt sie in die Nähe des Geräts. Natürlich platzten sie. Die Geburtsstunde des Geräts für faule Köche.
Foto: CLARK/obsLSD
Der Chemiker Albert Hofmann schluckte unfreiwillig eine kleine Dosis LSD, als er die chemikalischen Eigenschaften von Lysergsäure 1938 in einem Labor in Basel untersuchte. Wenig später schrieb er Geschichte mit dem ersten LSD-Trip aller Zeiten. Die psychedelische Droge prägte nicht nur die Subkultur geprägt, sie hinterließ auch bleibenden Eindruck bei Steve Jobs. In einem Interview sagte er, dass LSD zu den zwei oder drei wichtigsten Erfahrungen seines Lebens gehörte.
Foto: FotoliaPenizillin
Eine grünliche Brühe rettete Millionen Menschen das Leben - und machte den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming berühmt. Und das kam so: Im September 1928 fuhr er in den Urlaub und vergaß eine Petrischale mit Bakterien in seinem Büro. Nach drei Wochen war von den Bakterien nichts mehr übrig - der keimfressende Pilz namens Penicillium notatum hatte die Kultur vernichtet. Das Penizillin war entdeckt.
Foto: APViagra
Auch das Potenzmittel Viagra war eine Zufallsentdeckung. Ursprünglich sollte das Mittel gegen Bluthochdruck und Herzprobleme helfen. Das bewirkte Viagra zwar nicht, dafür sorgte es bei den männlichen Probanden für Erektionen.
Foto: APCorn Flakes
1898 kochten die Brüder John und Will Kellogg Getreide - und ließen es ein paar Tage auf dem Herd stehen. Eigentlich wollten sie damit Müsli herstellen, heraus kamen Cornflakes. Der Grundstein des Erfolges von Kellogs.
Foto: APPost-its
1968 entwickelten die Forscher Spencer Silver und Art Fry von den 3M Laboratories einen lösbaren Klebstoff. Zunächst fanden die beiden jedoch keine Verwendung für ihre Erfindung. Jahre später kam Fry auf die Idee, mit dem Kleber kleine Zettelchen zu bestreichen, um die Seiten in seinem Gesangbuch für den Gottesdienst zu präparieren.
Foto: dpaPorzellan
Ursprünglich kommt das Material aus China. Als der deutsche Alchemist Johann Friedrich Böttger um 1700 allerdings versuchte, Gold herzustellen, in dem er Feldspat, Quarz und Wasser mischte und brannte, kam das Porzellan auch nach Deutschland.
Foto: dpaFür Kinder ist es das Normalste der Welt: Fragen zu stellen – wieso, weshalb, warum? So lange, bis die Eltern genervt aufgeben. „Fünfjährige stellen sich solche Fragen bis zu 65 Mal pro Tag, Erwachsene hingegen nur noch rund viermal“, sagt der Linguist Carl Naughton. Zugegeben, die Angaben stammen aus einer Studie des US-Kreativitätsforschers George Land aus dem Jahr 1968. Gültig sind sie weiterhin: „Wir verlernen irgendwann, neugierig zu sein“, sagt Naughton.
Schade eigentlich. Denn die Eigenschaft lohnt sich nicht nur für Kinder.
Ohne Ideen hat man ein großes Problem
Eine Reihe neuer Studien beweist: Tatsächlich macht Neugier kreativ, hilft beim Lernen und löst im Gehirn echte Glücksgefühle aus. „Sie gilt in der Psychologie heute als eine der wichtigsten Charaktereigenschaften überhaupt“, sagt Naughton, der gerade ein Buch zum menschlichen Drang nach Neuem geschrieben hat. Darin widmet er sich dem menschlichen Wissensdurst und beschreibt, wie man bei seinen Mitmenschen die „Lust auf Neues und Veränderung“ fördern kann.
Denn Neugier ist inzwischen ein veritabler Karriere- und Erfolgsfaktor. Als die Unternehmensberatung PwC im vergangenen Jahr etwa 1300 CEOs aus 77 Ländern fragte, welche Eigenschaften Führungskräfte mitbringen müssen, landete die Neugier unter den ersten Plätzen. Der Gründer und Chef des Computerherstellers Dell brachte es dabei auf den Punkt: „Wenn ich auf eine Fähigkeit wetten müsste, die ein Unternehmenschef in Zukunft braucht, wäre es die Neugier“, sagt Michael Dell, „daraus entstehen Ideen. Und wenn man keine Ideen hat, hat man ein großes Problem.“
Besten Erfindungen waren Zufallsprodukte
Wie recht er hat, zeigt ein Blick in die Geschichte der großen Erfindungen. Ob Antibiotika oder die Mikrowelle: Zu vielen Innovationen kam es nur, weil sich jemand über einen Umstand wunderte und herausfinden wollte, was dahintersteckt. Wie zum Beispiel Alexander Fleming, der seine verschimmelten Petrischalen nicht wegwarf, sondern genauer untersuchte – und erst dadurch entdeckte, dass bestimmte Schimmelpilze Wirkstoffe produzieren, die Bakterien töten. Oder der Ingenieur Percy Spencer, der bei Experimenten mit Radaranlagen feststellte, dass plötzlich der Schokoriegel in seiner Jackentasche geschmolzen war. So kam er auf die Idee, dass sich mit Mikrowellen Lebensmittel erhitzen lassen. Daraufhin tüftelte er so lange weiter, bis er einen funktionierenden Miniofen entwickelt hatte.
Besonders schön beschrieb der 1992 verstorbene Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov die Vorteile der Neugier: Der aufregendste Satz in der Wissenschaft – derjenige, der große Entdeckungen ankündigt – sei nicht „Heureka!“, meinte Asimov. Sondern: „Das ist ja komisch …“
Vom Wert der Neugier
Wer so redet, der will die Ursachen durchleuchten; möchte vermeintlich feststehende Dogmen hinterfragen; will nicht nur Fragen stellen, sondern vor allem die entsprechenden Antworten finden.
LSD
Der Chemiker Albert Hofmann forschte 1938 am Mutterkorn-Pilz auf der Suche nach einem Wirkstoff zur Stimulation des Blutkreislaufs. Im Rahmen dieser Versuche synthetisierte er erstmals Lysergsäurediethylamid. Nachdem die erhoffte Wirkung von LSD im Tierversuch nicht eintrat, verlor Hofmann zunächst das Interesse. 1943 prüfte er erneut mögliche Wirkungen von LSD, weil er befürchtete, etwas übersehen zu haben. Beim Selbstversuch bemerkte Hofmann an sich selbst eine halluzinogene Wirkung. In den 50er Jahren wurde LSD in der Psychiatrie eingesetzt – und gleichzeitig zum gepriesenen Seelenöffner der psychedelischen Bewegung. Verboten wurde es in den USA erst 1966.
Mikrowelle
Percy Spencer war in den Vierzigerjahren als Ingenieur für die Firma Raytheon schon sehr erfolgreich. Er entwickelte Magnetrons zur Erzeugung von Radarwellen für amerikanische Kampfflugzeuge. Dass Magnetrons auch Wärme erzeugen, war schon bekannt, aber niemand sah darin einen Nutzen. Als Spencer sich einem Magnetron näherte und in seiner Hosentasche ein Schokoriegel schmolz, kam Spencer auf die Idee des Mikrowellenherdes. Das erste Modell wurde 1947 produziert.
Eis am Stiel
In Kinderaugen das vielleicht beste Missgeschick aller Zeiten: 1905 vergisst der elfjährige US-Amerikaner Frank Epperson ein Glas Limonade mitsamt Löffel auf der Veranda. Am nächsten Morgen ist das Getränk gefroren, schmeckt aber trotzdem. 18 Jahre später lässt sich Epperson, mittlerweile Brausehersteller, die Idee patentieren. Nur kurze Zeit später legt der Amerikaner ebenfalls ein Patent vor – für gefrorenes Vanilleeis am Stiel.
Foto: dpa/dpawebPenicillin
Die Entdeckung des ersten Antibiotikums begann mit einer verschimmelten Bakterienkultur. Der Mediziner Alexander Fleming forschte 1928 am St. Mary’s Hospital in London mit Staphylokokken. Eine seiner Bakterienkulturen auf Nährboden hatte er verlegt. Als er aus den Sommerferien zurückkehrte, fand er sie wieder und entdeckte am 28. September 1928, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz (Penicillium notatum) wuchs und dass um diesen herum keine neuen Bakterien entstanden. Fleming untersuchte den Pilz, aber er kam nicht auf die Idee, daraus ein Medikament zu entwickeln. Das taten erst zehn Jahre später Howard W. Florey, Ernst B. Chain. Gemeinsam mit Fleming bekamen sie 1945 den Nobelpreis.
Viagra
In den Neunzigerjahren suchten die Pharmazeuten des amerikanischen Konzerns Pfizer nach einem Medikament, das die Durchblutung des Herzmuskels verbessern sollte. Sie fanden den Wirkstoff Sildenafil. Zur großen Freude der Probanden durchblutete das Mittel nicht nur das Herz, sondern auch den Penis. Bei 70 Prozent der Männer mit Erektionsproblem hilft das Mittel. Am 27. März 1998 ließ die Arzneimittelbehörde der USA das Medikament unter dem Namen „Viagra“ zu. Es wurde schnell das erfolgreichste Medikament des Konzerns.
Fotografie
Die Camera Obscura, der Vorläufer der Fotokamera, ist schon seit vielen Jahrhunderten bekannt. Aber nicht die Bilder, die sie erzeugt. Jacques Mandé Daguerre suchte vor über 170 Jahren nach einem Verfahren, um die flüchtigen Bilder festzuhalten. Er hatte bereits festgestellt, dass Bilder auf lange belichteten Silberplatten für eine kurze Zeit festgehalten wurden. Bei seinen Versuchen im Freien überraschte ihn ein Gewitter. Er legte eine belichtete Platte in einen Schrank in seinem Labor. Am nächsten Tag stellte er fest, dass das Bild noch zu erkennen war, weil zufälligerweise Quecksilberkügelchen in dem Schrank waren. Das Mittel zur Fixierung war gefunden. Die Daguerrotypie war das erste praktikable Fotografie-Verfahren.
Porzellan
Porzellan hatten im 7. Jahrhundert die Chinesen erfunden. In der frühen Neuzeit war es in Europa ein begehrtes Luxus-Gut – gerade weil die Herstellungsweise in Europa unbekannt war. Der Alchemist Johann Friedrich Böttger sollte eigentlich für Sachsens Kurfürst August den Starken Silber in Gold umwandeln. Bei seinen Versuchen mischte er gemahlene Tonerde mit Feldspat, Quarz und Wasser und brannte das Ganze. Heraus kam Porzellan. Sachsens König August der Starke richtete 1710 in Meißen eine Manufaktur ein, wo unter gefängnisähnlichen Bedingungen produziert wurde. Das "weiße Gold" machte August reich und schuf mit den gekreuzten Schwertern eine der ältesten Marken der Welt.
Kartoffel-Chips
Die beliebten Kartoffel–Chips sind eigentlich ein Produkt der Wut. Im August 1853 brachte Eisenbahn-Magnat Cornelius Vanderbilt den Koch George Crum im US-Städtchen Saratoga Springs fast zur Weißglut. Immer wieder ließ er die Bratkartoffeln in die Küche zurückgehen, weil sie ihm nicht dünn genug geschnitten waren. Crum schwor die Rache eines gekränkten Kochs und schnitt die Scheiben so dünn, dass Vanderbilt sie nicht mit der Gabel essen konnte. Der war von dem knusprigen Snack trotzdem so begeistert, dass die „Saratoga Chips“ erst den Weg auf die Speisekarte des Restaurants und später in die Münder von Millionen Snack-Hungrigen weltweit fanden.
Foto: Invision for RufflesRöntgenstrahlung
In einer Novembernacht des Jahres 1895 experimentierte Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Labor mit Elektronenstrahlen, die gerade erfunden worden waren. Als die Strahlenquelle, obwohl sie mit dunkler Pappe abgedeckt war, dennoch fluoreszierende Gegenstände zum Leuchten brachte, erkannte Röntgen die Bedeutung dieser Strahlen. Er bat seine Frau, ihre Hand auf eine Fotoplatte zu legen, um diese durchleuchten zu lassen. Das Bild der durchleuchteten Hand samt Ehering machte ihn berühmt. Die Strahlen tragen seither seinen Namen. 1901 erhielt Röntgen den Nobelpreis.
Teebeutel
Der Teebeutel wurde vor dem Ersten Weltkrieg versehentlich von dem amerikanischen Teehändler Thomas Sullivan erfunden. Um Teeproben an Kunden zu verschicken, füllte er sie in kleine Seidenbeutel ab – nur zu Transportzwecken. Die Empfänger aber nutzten die kleinen Beutel gleich so, wie wir das heute gewöhnt sind - in dem Glauben, dass dies so von Sullivan vorgesehen gewesen sei. So sparten sie sich die Prozedur des Abseihens und Umfüllen des Tees in eine zweite Kanne. Der heute übliche Teebeutel mitsamt einer Teebeutelpackmaschine wurde 1929 von Adolf Rambold von der Firma Teekanne erfunden.
Teflon
Polytetrafluorethylen (PTFE) ist kein Nebenprodukt der Raumfahrtforschung, wie bisweilen behauptet, sondern wurde bereits 1938 von dem Chemiker Roy Plunkett entdeckt. Als er auf der Suche nach Kältemitteln für Kühlschränke mit Tetrafluorethylen (TFE) experimentierte, entdeckte er in seinem Reaktionsgefäß farblose Krümel. Die erste Nutzung dieses extrem reaktionsträgen Materials ergab sich erst fünf Jahre später als Korrosionsschutz bei der Urananreicherung für die erste Atombombe. Später beschichtete angeblich der französische Chemiker Marc Grégoire seine Angelschnur mit PTFE, um sie leichter entwirren zu können. Seine Ehefrau Colette kam 1954 auf die Idee, Töpfe und Pfannen damit zu beschichten. Teflon ist der Handelsname der Firma DuPont.
Psychologen und Lernforscher können das bestätigen. Denn zahlreiche Studien haben inzwischen den Wert der Neugier beziffert. Für eine Meta-Untersuchung im Jahr 2011 wertete die Psychologin Sophie von Stumm von der Universität von London zusammen mit zwei Kollegen etwa 200 Studien zur akademischen Leistung von Studenten aus. Darin hatten Forscher Faktoren wie den Intelligenzquotienten (IQ) oder Charaktermerkmale wie Gewissenhaftigkeit und Neugier mit den Noten der Studenten verglichen.
Das Ergebnis: Der IQ spielte zwar die größte Rolle für die Leistungen der Studenten – doch Neugier, gepaart mit Disziplin, war fast genauso wichtig. Mehr noch: Studenten, die sich als neugierig bezeichneten und zum Beispiel angaben, dass sie gerne neue Länder bereisen oder oft neue Rezepte ausprobieren, hatten selbst mit einem niedrigeren IQ ähnlich gute Noten wie die Hochbegabten.
Und der Psychologe Patrick Mussel von der Universität Würzburg konnte 2012 mit einer Studie unter 320 Auszubildenden eines Automobilzulieferers zeigen, dass Neugierige bessere Arbeitsergebnisse abliefern. Dabei verwendete er einen speziellen Neugier-Test, den er zuvor mit drei Forscherkollegen aus Deutschland und den USA entwickelt hatte. Wer bei diesem Test besonders gut abschnitt, bekam von den Vorgesetzten auch regelmäßig die beste Leistung attestiert.
Matthias Gruber wundern diese Ergebnisse nicht. Der 36-jährige Psychologe forscht am Neurowissenschaftlichen Institut der Universität von Kalifornien in Davis und sagt: „Neugier ist zentraler Bestandteil des Lernprozesses.“ In einem Experiment, das Gruber zusammen mit seinen Kollegen Bernard Gelman und Charan Ranganath 2014 konzipierte, zeigte er 19 Probanden mehrere Quizfragen, während sie in einem Magnetresonanztomografen lagen. Nach jeder Frage dauerte es 14 Sekunden, bis die Antwort auf einem Monitor erschien.
Da die Teilnehmer zuvor auf einem Fragebogen angekreuzt hatten, wie neugierig sie auf die einzelnen Antworten waren, konnten Gruber und seine Kollegen genau beobachten, wie sich Neugier im Gehirn zeigt. Und dabei fiel den Forschern auf: Kam eine Frage dran, auf deren Antwort ein Teilnehmer besonders gespannt war, wurden Gehirnregionen aktiv, die mit dem Belohnungssystem zusammenhängen.
Nachdem sie alle Fragen und Antworten gesehen hatten, mussten die Teilnehmer bei einem Wissenstest zeigen, was sie von dem Stoff behalten hatten. Das eindeutige Ergebnis: An Antworten, auf die sie besonders neugierig gewesen waren, konnten sich die Probanden am besten erinnern. „Neugier zeigt dem Gehirn an, dass es sich lohnt, jetzt aufzupassen“, sagt Gruber. „Informationen werden dann besonders gut gespeichert.“ Das wissensdurstige Gehirn saugt Informationen also förmlich auf – sogar solche, die mit der eigentlichen Frage, auf deren Antwort man so neugierig war, gar nichts mehr zu tun haben.
Neugierige Menschen haben ein besseres Gedächtnis
Im weiteren Verlauf des Experiments zeigten die Psychologen den Probanden während der Wartezeit zwischen Frage und Antwort für einen kurzen Augenblick unterschiedliche Gesichter, die sie später in einem Test wiedererkennen sollten. Auch hier erinnerten sich die Teilnehmer leichter an jene, die sie in Momenten gesehen hatten, als sie neugierig auf die Antwort waren. „Das Gehirn muss ständig entscheiden, welche Informationen gespeichert werden und welche nicht. Bei dieser Entscheidung spielt Neugier eine entscheidende Rolle“, sagt Gruber.
Doch nicht nur die Merkfähigkeit ist bei neugierigen Menschen besser. Sie kommen auch auf bessere Ideen. Der polnische Psychologe und Soziologe Maciej Karwowski von der Akademie für Spezialpädagogik in Warschau untersuchte 2012 in einer Studie unter rund 300 Schülern, ob Neugier und Kreativität zusammenhängen. Die Schüler mussten mehrere Fragebögen ausfüllen und dabei unter anderem angeben, wie sie an komplexe Probleme herangehen und wie sie sich Neuem gegenüber verhalten. Schüler, die keine Angst vor Unsicherheit hatten und neue Situationen nicht bedrohlich, sondern spannend fanden, waren besonders kreative Problemlöser. „Neugier ist ein zentraler Bestandteil von Kreativität“, schrieb Karwowski. „Das ist eine wichtige Erkenntnis für alle, die Einfallsreichtum fördern wollen – seien es Lehrer, Eltern oder Manager.“
„Umparken im Kopf“
Die Welt ist voller Missverständnisse – das greift die Werbekampagne „Umparken im Kopf“ auf ihren zahlreichen Plakaten in deutschen Innenstädten auf: „Aus Sicht der Physiker kann die Hummel unmöglich fliegen – Der Hummel ist das egal“ heißt es auf dem einen Plakat, auf dem anderen „68 Prozent der Männer halten rothaarige Frauen für feuriger – 90 Prozent davon haben noch nie eine kennen gelernt.“ Die dazugehörige Internetseite zeigt Videos von Prominenten, die sich über Vorurteile aufregen.
Das werbende Unternehmen dahinter kommt nicht zum Vorschein. Dabei handelt es sich um eine sogenannte „Teaser“—Kampagne, die Neugier wecken will. In solchen Fällen folgt meist eine Auflösungs-Kampagne, die klar stellt wer oder was dahinter steckt. Hierbei soll es der angeschlagene Autobauer Opel sein, der dies jedoch nicht bestätigt.
Werbeexperte Ronald Focken sieht darin einen Versuch, Opel von seinem staubigen Image zu befreien: „Opel hat seit seiner Neuaufstellung gute Kampagnen gemacht, aber konnte mit den herkömmlichen Werbemechanismen nicht von den alten Vorurteilen loskommen“, sagt der Geschäftsführer der Münchner Werbeagentur Serviceplan, die nicht in der Opel-Kampagne involviert ist. Solche Neugier weckenden Kampagnen lohnen sich immer dann, wenn es darum geht, eine alte Marke neu zu entdecken, oder neue Marken vorzustellen. Dies zeigen folgende Beispiele.
Foto: Screenshot„Sind Sie on?“
Zwei Jahre nach seiner Gründung griff E.On auf eine Teaser-Kampagne zurück, um bekannter zu werden. 2002 klebte der Energieriese das Land mit roten Plakaten zu mit der Aufschrift „Sind Sie on?“. Fünf Wochen lang verfolgte Schriftzug die Deutschen gefühlt an jeder Bushaltestelle und in jeder Zeitung – ohne auf E.On hinzuweisen. „Es gab einen neuen Namen, eine neue Markenfarbe, ein komplett neues Branding – und dies sollte schrittweise etabliert werden“, erklärt Serviceplan-Geschäftsführer Ronald Focken. Daher stellte das Unternehmen in der ersten Phase auf den Plakaten und Anzeigen auch nur die neue rote Werbefarbe und einen Teil des Markennamens vor – „on“.
Auf der Internetseite ich-bin-on.de konnten Menschen ihre persönliche „On-Story“ berichten. Dabei sollte es nicht um ihre Erfahrung mit E.On oder Energieversorgung generell gehen, sondern das Leben wollte Geschichten von Menschen hören, die „entschlossen und zielstrebig“ ihren eigenen Weg gegangen sind. Daraus wurden sogenannte „On-People“ ausgewählt, die das Unternehmen in der Auflösungskampagne vorstellte – mit dem Slogan „Ich bin on“.
Foto: imago/Enters„Don’t be a Maybe“
Das forderte die Zigarettenmarke Marlboro ab 2011 auf zahlreichen Plakaten. Teils stand auf den Werbepostern auch nur groß das Wort Maybe mit einem durchgestrichenen „May“ – der Hinweis auf Marlboro fehlte zunächst. „Marlboro wollte damit weg von der Cowboy-Werbefigur der 80er Jahre und den Marlboro-Typen neu und zeitgemäß ausrichten“, sagt Werbeexperte Ronald Focken. Der Mutterkonzern Philip Morris griff auf diese Teaser-Kampagne auch zurück, um den Bekanntheitsgrad Marlboros trotz der zahlreichen Werbebeschränkungen für die Zigarettenindustrie zu halten. 2013 hat das Landratsamt München jedoch auch diese Kampagne verboten, da sie vor allem Jugendlichen suggerieren würde Zauderer (Maybe) zu sein, wenn sie nicht rauchen würden.
Foto: imago / steinachDaewoo und Du
Schon 1995 bediente sich der südkoreanische Autohersteller Daewoo einer Teaser-Kampagne, um sich den deutschen Kunden vorzustellen. Die damals unbekannte Automarke bewarb sich, indem rote Lippen vor weißem Hintergrund eingängig „Daewoo! Daewoo und Du! Daewoo und Du, eine Freundschaft beginnt!“ sangen. Die Stimme dahinter kam von Popstar Jennifer Rush. Daraufhin wurde der Text eingeblendet: „Wenn Sie wissen wollen, wer oder was sich hinter Daewoo verbirgt, rufen Sie bis zum 27.02.1995 an und gewinnen Sie eine Reise nach Fernost.“
Auch hier sollte die Neugier wieder für eine ganze Marke geweckt werden, erklärt Ronald Focken von der Werbeagentur Serviceplan. „Wegen ihrer hohen Kosten gibt es Teaser-Kampagnen meist nie für einzelne Produkte, sondern immer für ganze Markenauftritte.“ Grundsätzlich gehen solche Kampagnen zurück – vor allem sind sie nicht mehr in dem großen Ausmaß zu finden, wie bei E.On 2002. Opel ist aktuell etwa mit weniger Plakaten vertreten und setzt stattdessen stärker aufs Internet. „Marketingchefs haben heutzutage gar nicht mehr das Budget, in eine Kampagne mit so vielen Plakaten und Printanzeigen zu investieren, die letztlich nur Neugier schaffen soll.“
Foto: ScreenshotDoch warum beeinflusst die Neugier derart stark unser Verhalten? Weil wir einen angeborenen Hunger nach Neuem haben, sagt der Neurologe Irving Biederman von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles. Das Gehirn lechze nach noch unbekannten Sinneseindrücken und belohne uns mit einer Art Drogenrausch, wenn wir etwas Neues anschauen, hören oder fühlen, schrieb Biederman 2006 in einem Aufsatz. Darin stellte er mit Daten aus mehreren Laborexperimenten eine neue Theorie zur Informationsverarbeitung des Gehirns auf.
Biederman glaubt: Wenn das Gehirn zum ersten Mal ein neues Bild sieht oder ein unbekanntes Geräusch hört, wird eine große Zahl an Verbindungen zwischen Nervenzellen aktiv. Gleichzeitig kommt es zu einer verstärkten Ausschüttung von Endorphinen – körpereigenen Opiaten, die ein Hochgefühl auslösen. So entsteht der Drang, einer neuen Sache nachzugehen und herauszufinden, was dahintersteckt.
Diesen Kick gibt es jedoch nur bei wirklich brandneuen Sinneseindrücken, wie Biederman und der Neurologe Edward Vessel in einem Experiment zeigen konnten. Dabei präsentierten sie Probanden eine Abfolge von Bildern und beobachteten währenddessen ihre Gehirnaktivität in einem Magnetresonanztomografen. Tauchte ein Bild auf dem Bildschirm zum ersten Mal auf, wurden weite Teil des Gehirns gleichzeitig aktiv. Doch schon beim zweiten Mal war die Reaktion auf das gleiche Bild deutlich schwächer und ließ mit jeder weiteren Wiederholung ein Stückchen mehr nach.
Neugier-Mechanismus hat jeder
Dieser grundlegende Neugier-Mechanismus ist laut Carl Naughton bei allen Menschen vorhanden. „Trotzdem gibt es Unterschiede, wie neugierig jemand ist“, sagt er. „Ein großer Teil ist angeboren, in Zwillingsstudien zeigt sich ein Erbanteil der Neugier von 58 bis 68 Prozent“, sagt er. Und dann sei eben das Alter ein wichtiger Einflussfaktor. „Das ist der Fluch der Erfahrung“, sagt Naughton. „Als Erwachsener habe ich das Gefühl zu wissen, wie die Welt läuft, und meine daher, nicht mehr interessiert sein zu müssen.“
Wie stark die Lust auf Neues mit zunehmendem Alter nachlässt, belegen auch Daten des Musikstreamingdienstes Spotify. Dessen Mitarbeiter Ajay Kalia verglich im vergangenen Jahr den Musikgeschmack von US-Nutzern in unterschiedlichen Altersgruppen und fand dabei ein eindeutiges Muster. Teenager und Menschen in ihren Zwanzigern durchstöbern den Spotify-Katalog stets nach neuer Musik und hören vor allem aktuelle Popmusik. Dieser musikalische Entdeckertrieb lässt jedoch nach dem 30. Geburtstag immer mehr nach. Mit 33 Jahren kommt es dann zum „taste freeze“, wie es Kalia nennt: Neue Popmusik wird nur noch selten gehört, es laufen immer öfter die gleichen Songs.
Neugier lässt sich trainieren
Komplett verloren ist die Neugier jedoch nie, sagt Naughton. „Sie lässt sich immer wecken und trainieren.“ Das lohne sich vor allem für Unternehmen. „Neugierige Mitarbeiter kommen auf gute Ideen“, sagt Naughton, „und wer neugierig auf ein Ergebnis ist, arbeitet sich richtig in eine Aufgabe hinein.“
Unternehmen, die die Neugier ihrer Mitarbeiter wecken wollen, sollten laut Naughton vor allem eine Kultur der Offenheit etablieren. „Neugier entsteht durch Fragen“, sagt er. „Bewertungen, Regeln und Besserwisserei zerstören sie und damit die Kreativität.“ In Besprechungen könne man zum Beispiel die Tagesordnung in Frageform umformulieren.
Wie das gehen kann, zeigt die US-Nichtregierungsorganisation HopeLap, die ihre Konferenzen komplett nach diesem Prinzip gestaltet. Jede Sitzung wird von einem anderen Mitarbeiter moderiert und mit einer Reihe von offenen Fragen zum Thema der Besprechung eröffnet. „Das lädt die Teilnehmer ein, Fragen zu beantworten, statt fertigen Aussagen zu lauschen“, sagt Naughton. Wissenschaftler Matthias Gruber rät Unternehmen, genauer herausfinden, welche Interessen ihre Mitarbeiter haben, und sie in ihren Ideen zu ermuntern – selbst wenn die auf den ersten Blick gar nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. „Dort wo Interesse ist, entsteht auch Neugier“, sagt Gruber. „Diesen Umstand haben die Technologieunternehmen in Kalifornien früher als alle anderen erkannt und genutzt.“ Auch deswegen kommen momentan die großen Erfindungen – von selbstfahrenden Autos bis zu virtueller Realität – aus den Labors von Google, Apple und Facebook.
Außerdem sollten Führungskräfte den Fokus der Mitarbeiter auf das Endprodukt legen – und nicht auf die konkreten Arbeitsschritte. „So wird Raum gelassen, damit Neugier entstehen kann“, sagt Gruber, „und damit der innere Drang, etwas immer besser zu machen.“