Neugier Wissensdurst kann zum Karrierefaktor werden

Wer, wie, was? Wer nicht fragt, bleibt dumm: Wer Entdeckertrieb besitzt, lernt schneller und ist kreativer. Das nützt auch dem Arbeitgeber. Von der Entdeckung einer unterschätzten Charaktereigenschaft.

Diese grandiosen Erfindungen entstanden zufällig
Coca Cola Quelle: AP
Chocolate-Chip Cookies Quelle: Fotolia
Kartoffelchips Quelle: AP
Die Mikrowelle Quelle: obs
LSD Quelle: Fotolia
Sir Alexander Fleming Quelle: AP
ViagraAuch das Potenzmittel Viagra war eine Zufallsentdeckung. Ursprünglich sollte das Mittel gegen Bluthochdruck und Herzprobleme helfen. Das bewirkte Viagra zwar nicht, dafür sorgte es bei den männlichen Probanden für Erektionen. Quelle: AP
Corn Flakes1898 kochten die Brüder John und Will Kellogg Getreide - und ließen es ein paar Tage auf dem Herd stehen. Eigentlich wollten sie damit Müsli herstellen, heraus kamen Cornflakes. Der Grundstein des Erfolges von Kellogs. Quelle: AP
Post it Quelle: dpa
Porzellan Ursprünglich kommt das Material aus China. Als der deutsche Alchemist Johann Friedrich Böttger um 1700 allerdings versuchte, Gold herzustellen, in dem er Feldspat, Quarz und Wasser mischte und brannte, kam das Porzellan auch nach Deutschland. Quelle: dpa

Für Kinder ist es das Normalste der Welt: Fragen zu stellen – wieso, weshalb, warum? So lange, bis die Eltern genervt aufgeben. „Fünfjährige stellen sich solche Fragen bis zu 65 Mal pro Tag, Erwachsene hingegen nur noch rund viermal“, sagt der Linguist Carl Naughton. Zugegeben, die Angaben stammen aus einer Studie des US-Kreativitätsforschers George Land aus dem Jahr 1968. Gültig sind sie weiterhin: „Wir verlernen irgendwann, neugierig zu sein“, sagt Naughton.

Schade eigentlich. Denn die Eigenschaft lohnt sich nicht nur für Kinder.

Ohne Ideen hat man ein großes Problem

Eine Reihe neuer Studien beweist: Tatsächlich macht Neugier kreativ, hilft beim Lernen und löst im Gehirn echte Glücksgefühle aus. „Sie gilt in der Psychologie heute als eine der wichtigsten Charaktereigenschaften überhaupt“, sagt Naughton, der gerade ein Buch zum menschlichen Drang nach Neuem geschrieben hat. Darin widmet er sich dem menschlichen Wissensdurst und beschreibt, wie man bei seinen Mitmenschen die „Lust auf Neues und Veränderung“ fördern kann.

Denn Neugier ist inzwischen ein veritabler Karriere- und Erfolgsfaktor. Als die Unternehmensberatung PwC im vergangenen Jahr etwa 1300 CEOs aus 77 Ländern fragte, welche Eigenschaften Führungskräfte mitbringen müssen, landete die Neugier unter den ersten Plätzen. Der Gründer und Chef des Computerherstellers Dell brachte es dabei auf den Punkt: „Wenn ich auf eine Fähigkeit wetten müsste, die ein Unternehmenschef in Zukunft braucht, wäre es die Neugier“, sagt Michael Dell, „daraus entstehen Ideen. Und wenn man keine Ideen hat, hat man ein großes Problem.“

Besten Erfindungen waren Zufallsprodukte

Wie recht er hat, zeigt ein Blick in die Geschichte der großen Erfindungen. Ob Antibiotika oder die Mikrowelle: Zu vielen Innovationen kam es nur, weil sich jemand über einen Umstand wunderte und herausfinden wollte, was dahintersteckt. Wie zum Beispiel Alexander Fleming, der seine verschimmelten Petrischalen nicht wegwarf, sondern genauer untersuchte – und erst dadurch entdeckte, dass bestimmte Schimmelpilze Wirkstoffe produzieren, die Bakterien töten. Oder der Ingenieur Percy Spencer, der bei Experimenten mit Radaranlagen feststellte, dass plötzlich der Schokoriegel in seiner Jackentasche geschmolzen war. So kam er auf die Idee, dass sich mit Mikrowellen Lebensmittel erhitzen lassen. Daraufhin tüftelte er so lange weiter, bis er einen funktionierenden Miniofen entwickelt hatte.

Neugier

Besonders schön beschrieb der 1992 verstorbene Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov die Vorteile der Neugier: Der aufregendste Satz in der Wissenschaft – derjenige, der große Entdeckungen ankündigt – sei nicht „Heureka!“, meinte Asimov. Sondern: „Das ist ja komisch …“

Vom Wert der Neugier

Wer so redet, der will die Ursachen durchleuchten; möchte vermeintlich feststehende Dogmen hinterfragen; will nicht nur Fragen stellen, sondern vor allem die entsprechenden Antworten finden.

Zehn zufällige Erfindungen
LSD-Tabletten auf einer Hand Quelle: dpa
Mann legt Auflauf in die Mikrowelle Quelle: dpa
Eis am StielIn Kinderaugen das vielleicht beste Missgeschick aller Zeiten: 1905 vergisst der elfjährige US-Amerikaner Frank Epperson ein Glas Limonade mitsamt Löffel auf der Veranda. Am nächsten Morgen ist das Getränk gefroren, schmeckt aber trotzdem. 18 Jahre später lässt sich Epperson, mittlerweile Brausehersteller, die Idee patentieren. Nur kurze Zeit später legt der Amerikaner ebenfalls ein Patent vor – für gefrorenes Vanilleeis am Stiel. Quelle: dpa/dpaweb
Penizillinmoleküle von Fleming Quelle: AP
Viagra-Tabletten von Pfizer Quelle: dpa
FotografieDie Camera Obscura, der Vorläufer der Fotokamera, ist schon seit vielen Jahrhunderten bekannt. Aber nicht die Bilder, die sie erzeugt. Jacques Mandé Daguerre suchte vor über 170 Jahren nach einem Verfahren, um die flüchtigen Bilder festzuhalten. Er hatte bereits festgestellt, dass Bilder auf lange belichteten Silberplatten für eine kurze Zeit festgehalten wurden. Bei seinen Versuchen im Freien überraschte ihn ein Gewitter. Er legte eine belichtete Platte in einen Schrank in seinem Labor. Am nächsten Tag stellte er fest, dass das Bild noch zu erkennen war, weil zufälligerweise Quecksilberkügelchen in dem Schrank waren. Das Mittel zur Fixierung war gefunden. Die Daguerrotypie war das erste praktikable Fotografie-Verfahren. Quelle: GNU
Mann giesst Porzellan Quelle: dpa
Kartoffel-ChipsDie beliebten Kartoffel–Chips sind eigentlich ein Produkt der Wut. Im August 1853 brachte Eisenbahn-Magnat Cornelius Vanderbilt den Koch George Crum im US-Städtchen Saratoga Springs fast zur Weißglut. Immer wieder ließ er die Bratkartoffeln in die Küche zurückgehen, weil sie ihm nicht dünn genug geschnitten waren. Crum schwor die Rache eines gekränkten Kochs und schnitt die Scheiben so dünn, dass Vanderbilt sie nicht mit der Gabel essen konnte. Der war von dem knusprigen Snack trotzdem so begeistert, dass die „Saratoga Chips“ erst den Weg auf die Speisekarte des Restaurants und später in die Münder von Millionen Snack-Hungrigen weltweit fanden. Quelle: Invision for Ruffles
Mann auf dem Paketband unter Röntgenstrahlung Quelle: dpa
Verschiedene Teebeutel Quelle: dpa
Verschiedene Teflon-Pfannen Quelle: AP

Psychologen und Lernforscher können das bestätigen. Denn zahlreiche Studien haben inzwischen den Wert der Neugier beziffert. Für eine Meta-Untersuchung im Jahr 2011 wertete die Psychologin Sophie von Stumm von der Universität von London zusammen mit zwei Kollegen etwa 200 Studien zur akademischen Leistung von Studenten aus. Darin hatten Forscher Faktoren wie den Intelligenzquotienten (IQ) oder Charaktermerkmale wie Gewissenhaftigkeit und Neugier mit den Noten der Studenten verglichen.

Das Ergebnis: Der IQ spielte zwar die größte Rolle für die Leistungen der Studenten – doch Neugier, gepaart mit Disziplin, war fast genauso wichtig. Mehr noch: Studenten, die sich als neugierig bezeichneten und zum Beispiel angaben, dass sie gerne neue Länder bereisen oder oft neue Rezepte ausprobieren, hatten selbst mit einem niedrigeren IQ ähnlich gute Noten wie die Hochbegabten.

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