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New Work Wenn Agilität zur Falle wird

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„In der agilen Welt ist die reife Individualität eine Lebensnotwendigkeit“

Eine reife Persönlichkeit spräche eher für ältere Mitarbeiter – wobei es heißt, die Generations Y sei besonders geeignet für agiles Arbeiten …
Eine hohe Veränderungsbereitschaft ist nicht nur eine Generationenfrage, es ist einfach auch nicht jedermanns Sache, sich jederzeit anzupassen. Es ist immer schwierig, das so pauschal zu sagen. Die Älteren sind nicht immer so agil, sie sind einfach nicht so aufgewachsen – bei der jungen Generation wiederum ist die persönliche Reife noch nicht so vorhanden. Dafür ist Teamarbeit für die Generation Y selbstverständlich. Die Y Generation weiß auch, dass sie in zehn Jahren nicht mehr im selben Unternehmen sein wird, deshalb hält sie sich gern viele Optionen offen.

Die Generation Y handelt nach dem Motto „love it or leave it“, nicht mehr nach dem alten Grundsatz „Love it, change it or leave it“. Sie suchen nicht unbedingt nach Lösungen oder danach, etwas im Unternehmen zu ändern. Sie wechseln einfach. Und bis zu einem gewissen Grad ist das Gehen ja auch von wirklich agilen Unternehmen gewünscht.

Studien zufolge sind Unternehmen noch viel zu wenig auf agiles Arbeiten vorbereitet – ist das denn überhaupt für alle Unternehmen sinnvoll?
Das ist ein bisschen wie beim Lotto: Da haben wir jede Woche einen Lottomillionär, bei dem das funktioniert hat. Aber die vielen anderen Spieler, die nichts gewonnen haben, die werden nicht erwähnt.

Agilität und Projektarbeit funktionieren in ausgewählten Bereichen  ausgezeichnet. Das heißt aber noch lange nicht, dass es sinnvoll ist, dass die gesamte Organisation agil agiert. Agilität kommt aus der Softwareentwicklung, eine Organisation ist aber ein System aus Menschen und die lassen sich nicht einfach so „updaten“.

Gerade in Führungspositionen trifft man ja eher auf Persönlichkeiten, die Kontrolle ausüben und nicht unbedingt abgeben wollen …
Das stimmt. Man kann es auch umdrehen und sagen: In der geführten Rolle besteht das Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Deshalb sollten Führungskräfte das auch mitbringen, um die Bedürfnisse der Geführten zu stillen...

Jetzt aber müssen Führungskräfte von Kontrolle und Hierarchie in der Führung Abstand nehmen und sich selbst organisierende Teams zulassen, die damit sozusagen ein Subsystem im Unternehmen bilden, das schwierig zu kontrollieren ist. Sie haben heute Teams in Unternehmen, die mit dem Kunden arbeiten, die den Chef womöglich gar nicht kennen.

Dann hat sich Führung mit Agilität und Digitalisierung also doch abgeschafft?
Noch kann ich mich als Führungskraft nicht verabschieden: Ich muss gut informiert werden und steuernd eingreifen können, auch wenn ich selbst nicht mehr mit den verschiedenen Kunden und Interessengruppen in Kontakt bin. Aber die Führung im alten Stil hat sich abgeschafft. Es wird eine adaptive Führung geben, die nur noch ermöglicht, dass sich Teams organisieren und nur noch im Falle des Falles intervenieren.

Deshalb braucht es eigenverantwortliche Menschen, die liefern. Da sind wir wieder beim Thema: Es braucht reife Persönlichkeiten mit einer gewissen inneren Robustheit als Mitarbeiter – und als Führungskraft.

Führungskraft als Ermöglicher, nicht Macher. Wer ist dann verantwortlich bei Misserfolgen?
Operativ liegt die Verantwortung zwar beim Team, aber letztlich bleibt die Führungsraft verantwortlich. Das ist auch eine Frage der wirtschaftlichen und rechtlichen Verantwortung und lässt sich nicht abschaffen. Und das macht es auch so schwierig: Neben den vorhandenen informellen, faktischen Machteinflüssen gibt es die formellen, rechtlichen Machtstrukturen im Unternehmen. Jetzt gibt es auch noch die kaum kontrollierbaren, agilen Subsysteme.

Ihr Fazit – nur noch die Anpassungsfähigsten bestehen in der heutigen Arbeitswelt?
Mitarbeiter und Führungskräfte müssen heute funktionieren und liefern. Der Mensch als Person, als Individuum kann dabei schnell auf der Strecke bleiben. Eben deshalb ist die reife Individualität in einer agilen Welt eine Lebensnotwendigkeit. Ein Schutzmechanismus, damit man eben auch sagen kann: Bis hier hin und nicht weiter. Die Stopptaste eben!

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