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New Work Insights

Happy Birthday, neue Arbeit! Oder: Was bist du eigentlich?

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Zwischen Feelgood-Management und Effizienzsteigerung

New Work steht also für die gesamte neue Arbeitswelt, unser Privatleben und auch noch für Sinnstiftung? Irgendwie ja. Aber (wie) soll das nun in die Realität umgesetzt werden? Zurzeit driften da die Vorstellungen noch weit auseinander: Für Unternehmen zählen Gewinn und Effizienzsteigerung. Für Mitarbeiter eine Arbeit, die ihr Leben besser macht. Und dazwischen ist die HR-Abteilung mit Maßnahmen zur Mitarbeitermotivation und Nachwuchsrekrutierung bemüht. Das ruft Berater, Trainer und Bürogestalter auf den Plan, die „New Work“ bewerben und verkaufen – und wegen Kostendrucks und Zeitmangels der Unternehmen greifen viele Aktionen dann manches Mal zu kurz.

Der Unternehmensberater sagt New Work und verkauft seinen Kunden digitale Geschäftsmodelle. Coaches und Psychologen verstehen unter New Work die intrinsische Motivation und bieten Trainings an. Der Büromöbelhersteller nutzt New Work als Synonym für Telefonkabinen, Lärmschutzwände und Sitzecken. Der Abteilungsleiter sagt New Work und meint: Arbeitsmethoden zur Effizienzsteigerung wie Scrum. Die Recruiterin meint Fachkräftemangel und wirbt mit Sabbaticals während ihr HR-Chef vielleicht denkt: Homeoffice einmal pro Woche ist grad noch so okay. Die jungen Talente wiederum wollen Arbeit auf Augenhöhe und eine authentische Führung. Und ja, auch Freiräume, um Beruf und Privatleben sinnvoll miteinander vereinbaren zu können.

Wenngleich Sozial- und Digitalisierungsromantiker von einer durch und durch demokratisierten Arbeitswelt und Arbeit auf Augenhöhe träumen, so ist diese in etablierten Unternehmen doch kaum zu finden – und wächst sich selbst in Start-ups schnell heraus. Spätestens dann, wenn sie beginnen, Strukturen aufzubauen und Macht zu verteilen.

Seitens der (etablierten) Unternehmen ist es oft das Missverständnis, dass sie New Work mit flexiblen Arbeitszeiten und schicken Büros einführen können. Das zeigt eine Kienbaum-Studie zum Implementierungsgrad von New Work in Deutschland: Zwar halten drei Viertel der befragten Unternehmen New Work für wichtig und zwei Drittel tun auch bereits „etwas“. Aber nach konkreten Initiativen befragt, handelt es sich zu 70 Prozent um Homeoffice, zu 61 Prozent um Smartphones und Laptops für Mitarbeiter und zu 47 Prozent um neue, offene Büros. Demokratisierung von Entscheidungen (17 Prozent) oder neue Leadership-Modelle mit Führung auf Augenhöhe (19 Prozent) finden eher selten ihren Weg in die Unternehmen.

Seitens der Mitarbeiter ist meiner Meinung nach oft das Missverständnis, dass es bei New Work – am Arbeitspatz – um Spaß und Selbstverwirklichung geht. Am besten bei voller Gehaltsfortzahlung. Aber hieße das denn nicht auch, Eigenverantwortung zu übernehmen und das Leben konsequent neu auszurichten? So wie es damals die Fließbandarbeiter von General Motors im ersten New Work Center taten?

Manchmal ist es dann eben doch nur der Teilzeitjob, der es uns finanziell ermöglicht, in der übrigen Zeit unserer Berufung nachzugehen und das zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen. Das war ja letztlich auch bei den Kurzzeitarbeitern von General Motors so.

Und um es weiterzuspinnen, dann wäre auch Arbeit für alle da. Bergmann erwirkte Arbeitszeitverkürzung statt (sofortiger) Entlassung. Das Model aus dem Michigan der 80er wäre auch heute und volkswirtschaftlich durchaus sinnvoll – und würde uns viele kostspielige Debatten ersparen, wenn alle arbeiten dürften (und müssten).

Aber wozu dann das ganze Gerede von New Work und Sinnstiftung? Über 17.000.000.000 Google-Einträge für den deutschsprachigen Raum können doch nicht nur für die Binsenweisheit von Beruf und Berufung stehen. Vielleicht eher dafür, dass uns die Utopien abhandengekommen sind, wir nach Vordenkern und Vorbildern suchen? Nicht zuletzt deshalb ist Bergmann wohl noch immer der Vorreiter und Impulsredner. Damit ist die Geburtsstunde von New Work dann wohl doch noch festzulegen: Bergmann wird am 24. Dezember 2020 90 Jahre alt. Happy Birthday, Frithjof!

Wie definieren Sie New Work? Als Unternehmer? Als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin? Als (neue) Führungskraft? Als Mutter oder Vater, die Arbeit und Familie vereinbaren wollen? Und welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit gemacht? Gerne nehme ich Ihre Anregungen in einer meiner nächsten Kolumnen auf.

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