Niedriglohn Immer mehr verdienen weniger

Acht Millionen Menschen arbeiten in Deutschland für einen Lohn unterhalb der 9,15-Euro-Grenze. Die Zahl ist besonders in Westdeutschland hoch. Die Bundesregierung sieht in den Befund der Universität Duisburg-Essen "keine Dramatik".

Im Einzelhandel müssen ungefähr 38 Prozent der Beschäftigten mit einem niedrigen Lohn auskommen. Quelle: dpa

Die Zahl hat es in sich: Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland müssen einer Studie zufolge mit einem Niedriglohn von weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde auskommen.
Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" und beruft sich dabei auf eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen.

Die Zahl der im Niedriglohn Beschäftigten ist zwischen 1995 und 2010 um mehr als 2,3 Millionen gestiegen. Demnach sind etwa 23 Prozent - fast ein Viertel der Beschäftigten - im Niedriglohnsektor tätig. Die Studie zieht auch Schüler, Studierende und Rentner mit ein.

Anstieg in Westdeutschland

Die Geringverdiener bekamen im Durchschnitt im Jahr 2010 6,68 Euro im Westen und 6,52 Euro im Osten. Von ihnen erhielten mehr als 4,1 Millionen weniger als sieben Euro, gut 2,5 Millionen weniger als sechs Euro und knapp 1,4 Millionen nicht einmal fünf Euro die Stunde. Knapp jeder Zweite der niedrig bezahlten Menschen arbeitet dabei voll und nicht Teilzeit. So gibt es nach den Berechnungen allein fast 800 000 Vollzeit-Beschäftigte, die weniger als sechs Euro kassieren können. Sie kamen auf einen Monatslohn unter 1000 Euro brutto.

Stark gestiegen ist die Zahl der Niedrigbezahlten vor allem in Westdeutschland. Der Studie zufolge wuchs sie in 15 Jahren in den alten Bundesländern um 68 Prozent, im Osten dagegen nur um drei Prozent.

Niedriglohnsektor: Wo die Unterbezahlten arbeiten

Die Forscher rechnen laut dem Bericht auch vor, dass jeder fünfte Beschäftigte von einem gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro profitieren würde.

Die Bundesregierung kritisierte in einer ersten Stellungnahme das Forschungsdesign der Studie. Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums kritisierte an der IAQ-Studie, dass darin Studenten und Rentner einbezogen worden seien. Allein dies führe zu rund einer halben Million Betroffener mehr in der Statistik.

Der Sprecher sehe in der Entwicklung des Niedriglohnsektors „keine Dramatik“. Betrachte man die Entwicklung seit 2003, so habe der Anteil der Geringverdiener in Deutschland unter Schwankungen relativ konstant bei 21 Prozent verharrt, sagte der Ministeriumssprecher der Nachrichtenagentur dpa.

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Wenngleich aus den Zahlen „kein dramatischer Trend abzulesen ist, so muss man doch auf die Lohnspreizung achten. Deswegen wäre es gut, wenn noch in dieser Legislaturperiode ein von den Tarifparteien unabhängig ausgehandelter Mindestlohn käme“, sagte der Ministeriumssprecher.

Die Chancen dazu stehen nicht schlecht: die Stimmen für die Einführung eines Niedriglohns mehren sich – auch in der schwarz-gelben Koalition. Im November 2011 hatte sich die Union auf ihrem Parteitag für eine verbindliche Lohnuntergrenze ausgesprochen. Es war eine Abkehr von traditionellen Linie: CDU/CSU vertraten bis dahin die Position der Wirtschaftsverbände. Diese lehnen nach wie vor einen Mindestlohn ab.

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