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Orientierungsangebote Kurse für ein Leben nach dem Abitur

Sie sind jung, sie sind motiviert – und haben trotzdem keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. „Abi – und was kommt danach"? Unterschiedliche Angebote sollen Orientierung geben.

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Den starren Schulstrukturen entwachsen, tut sich für viele Jugendliche nach dem Abitur erst einmal ein großes schwarzes Loch auf. Sie fragen sich:

Endlich das Abi in der Tasche, die Schule ist vorbei, das Leben kann losgehen. Aber wo und wie? Viele Jugendliche stehen nach dem Schulabschluss erst einmal planlos da. Sie wollen studieren, eine Ausbildung machen, sich weiterbilden, klar. Doch vielen fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen oder eine Vorstellung zu entwickeln, was sie mit den nächsten Jahren ihres Lebens eigentlich genau anfangen wollen. Der organisierten Schulstruktur entwachsen, stehen sie auf einmal auf eigenen Beinen und müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Das war zwar schon immer so, aber die junge Generation steht noch vor ganze anderen Herausforderungen: Durch die Umstellung auf die verkürzte Abiturzeit G8 fehlt ihnen ein ganzes Jahr, um sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich wollen. Sie sind jünger als ihre Vorgänger, der Unterschied beträgt bis zu drei Jahre. Hinzu kommt der abgeschaffte Wehrdienst, frühe Einschulungen, der ein oder andere überspringt eine Klasse. Und auf einmal ist das Abi da und mit ihm die große Frage: „Abi, und dann?“

Die Lösung für viele lautet „Gap Year“. Sie kommt aus England und ist an sich nichts weiter als ein Jahr Pause zwischen Abitur und was immer danach kommt. Ein Lücke, die Entscheidungshilfe sein kann, Selbstfindungskurs oder Abenteuerreise. Scheitern, das gilt hier nicht, Ausprobieren und Erfahrungen sammeln sind erwünscht. Daran müssen sich viele Jugendliche aber erst einmal gewöhnen, sie haben Angst, etwas falsch zu machen und stellen harte Anforderungen an sich selbst.

Turbo-Abi, schön und gut, aber sollte die Schulzeit nicht auch der Selbstfindung dienen? Bei acht Jahren Schulzeit bleibt die Frage: „Wer bin ich und was will ich?“ schlichtweg auf der Strecke. Gerhard Teufel, Direktor des „Salem Kolleg“ meint: „ Früher konnten Schulabgänger eine Reifephase durchlaufen. Aber mit der Verkürzung auf das achtjährige Gymnasium und dem Wegfall des Wehrdienstes gibt es diese Möglichkeit nicht mehr.“ So kann es passieren, dass 30 Prozent der Studienanfänger ihr Studium nach kurzer Zeit wieder abbrechen oder den Studiengang mehrfach wechseln.

Studien- und Berufsberatung schaffen kaum Abhilfe und das stundenlange Wälzen von Studienführen verwirrt wegen der Masse an Studiengängen mehr, als es nützt. So geben viele Schüler nach dem Abi an, erst einmal Zeit zu brauchen. Zeit für sich selbst, Zeit für Entscheidungen.

Schlüsselwort "Gap Year"

Die besten Bundesländer für Schüler und Azubis
Passanten gehen am Dienstag (28.08.12) in Bremen an der Fassade des Empfangsgebaeudes des Bremer Hauptbahnhofes vorbei. Quelle: dapd
Ein Brunnen vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München Quelle: dpa
Die St. Johann-Basilika in der Altstadt von Saarbrücken Quelle: dpa/dpaweb
Abendhimmel hinter der Baustelle der Elbphilharmonie am Hafen von Hamburg. Quelle: dpa
Die Rücklichter fahrender Autos werden am Mittwochabend (21.03.2012) auf der Karl-Marx-Allee in Berlin dank einer Langzeitbelichtung zu roten und gelben Linien. Quelle: dpa
Birds sit on a statue in the park of Sanssouci Palace Quelle: dapd
Gäste am Kreuzfahrtterminal in Warnemünde Quelle: dpa/dpaweb

Ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr kann da Abhilfe schaffen, der Bundesfreiwilligendienst oder ein Auslandsjahr. Freiwilligenarbeit in afrikanischen Waisenhäusern, eine Rucksacktour durch Lateinamerika oder Arbeiten auf Kiwi-Plantagen in Australien. Die Angeboten sind vielfältig – und teuer. Wer sich für kleineres Geld orientieren will, kann ein sogenanntes „Studium generale“ absolvieren. Dabei können sie in verschiedene Studiengänge und Fachrichtungen hinein schnuppern und sich kreuz und quer ausprobieren. Die Uni Tübingen bietet ein solches Programm an, ebenfalls die Uni Freiburg, Mannheim und Duisburg-Essen.

Ein ähnliches Programm hat das „Salem-Kolleg“ ins Leben gerufen. Rektor Gerhard Teufel will so Jugendlichen helfen herauszufinden, was sie machen wollen. Ein Jahr lang dauert dort das Studium generale – und das hat seinen Preis. Bis zu 24.000 Euro müssen die Teilnehmer zahlen. Orientierungskurs für die Oberschicht? Der Eindruck trügt. Neun von zehn Teilnehmern bekommen ein Teilstipendium, zahlen „nur“ 200 bis 1000 Euro pro Monat.

Gänzlich kostenlos ist dagegen das freiwillige soziale oder ökologische Jahr (FSJ oder FÖJ) und der Bundesfreiwilligendienst (BFD), das sowohl im In- als auch im Ausland absolviert werden kann. Voraussetzungen gibt es keine – man muss nur zwischen 16 und 27 Jahren alt sein, um teilnehmen zu können. Die Einsatzfelder beim FSJ und BFD sind vielfältig: Kinder- und Jugendeinrichtungen, Kulturzentren oder Altenheime. Naturfreunde können sich während eines FÖJs unter anderem in Umweltorganisationen, Naturparks oder Landschaftsverbänden ausprobieren.

Beruf



Auch ein Jahr als Au-Pair im Ausland kann helfen, sich zu orientieren und bietet außerdem eine tolle Möglichkeit, ein fremdes Land und eine fremde Sprache kennen zu lernen. Dabei lebt man ein Jahr lang bei einer fremden Familie im Ausland, betreut deren Kinder und lernt das Leben im Ausland kennen. Vor allem bei Mädchen ist diese Form des Gap Year sehr beliebt. Auch das sogenannte „travelworken“, eine Mischung aus reisen und arbeiten im Ausland ist beliebt, da nicht exorbitant teuer. Für eine bestimmte Zeit arbeitet der Teilnehmer bei diesem Programm im Ausland, beispielsweise in Nationalparks oder auf einer Farm und bekommt dafür Kost und Logis. Dann kann er weiter ziehen, sich einen neuen Job suchen und dabei Land und Leute kennenlernen.

Die Palette der Orientierungsangebote wächst – und das nicht ohne Grund. Denn die Diskussion um die beschleunigte, ratlose Generation „G8“ ist gerade erst angestoßen worden. Weniger „Turbo-Ausbildung“ und dafür mehr Orientierung und Erfahrungssammeln, weniger Praktikumsmarathon und dafür mehr Zeit, sich Gedanken zu machen, was man eigentlich will, viele Eltern und Schüler schalten schon jetzt einen Gang zurück.

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