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Peer effects Warum viele Karrieren schon in der ersten Klasse beginnen

Freie Platzwahl gibt es selten in der Schule. Deshalb bestimmt der Zufall, wer neben wem sitzt - und hat so einen großen Einfluss auf die Karriere. Quelle: dpa

Erfolg hängt nicht nur von einem selbst ab, sondern maßgeblich von den Menschen, die einem auf dem Weg dorthin begleiten. Das Problem: Wer diese Mitstreiter sind, bestimmt oft der Zufall.

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Manchmal hat Ingo Isphording das Gefühl, als sei die Entscheidung über seine Karriere an den ersten beiden Tagen an der Universität gefallen. Da nämlich hat er vier seiner bis heute besten Freunde kennengelernt. Sie wurden in einer Gruppe zusammengewürfelt aus der großen Masse an Erstsemestern, besuchten gemeinsam die Orientierungsveranstaltungen und später die Kneipen. Sie wählten im Studium die gleichen Schwerpunkte, lernten zusammen und beeinflussten so gegenseitig ihren Weg in den Arbeitsmarkt. Mit einer von ihnen arbeitet er heute noch Tür an Tür. „Diejenigen, die uns auf dem Bildungsweg begleiten, haben einen großen Einfluss darauf wie wir uns entwickeln“, sagt Isphording.

Eben diese Wirkung, die andere Menschen auf unser eigenes Fortkommen haben, erforscht der Ökonom heute am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Die so genannten „peer effects" können beeinflussen, welche Noten ein junger Mensch in der Schule erhält, ob er seinen Abschluss schafft, wie er danach auf einer Hochschule zurechtkommt und welche Jobs für ihn oder sie später interessant werden. Was Ingo Isphording daran besonders fasziniert ist die Tatsache, dass man sich seine „peers" selten selbst aussucht. Ob sie einem helfen oder nicht, das ist am Ende größtenteils Glückssache. 

Wenn ein junges Mädchen zum Beispiel in einer Mitschülerin oder einer Lehrerin ein positives Rollenvorbild findet, das sie für naturwissenschaftliche Fächer begeistert, ist das ein großes Glück. Hat ein Erstklässler einen störenden Sitznachbarn, lernt er schlechter und  hat das Pech, dass schlussendlich sein potenzielles Humankapital und damit seine Berufsaussichten leiden. „Der Zufall ist der Karrierefaktor überhaupt“, sagt Isphording deshalb, „Er hat schon in den frühesten Jahren substanzielle Effekte auf beruflichen Erfolg." Denn während Eltern zwar noch die Schule für ihre Kinder auswählen könnten, hätten sie weder auf den Jahrgang oder die Klasse noch auf Lehrer und Mitschüler einen Einfluss. 

Genau diese Zufälle machen es Isphording überhaupt möglich, die Wirkungen dieser peers zu erforschen. Nur weil die Gefährten nicht selbstgewählt sind, lassen sich die wechselseitigen Einflüsse sauber aufschlüsseln. So konnte er zusammen mit seinem Kollegen Benjamin Elsner vom University College in Dublin untersuchen, welchen Einfluss sein relatives Standing in einem Jahrgang auf die individuelle Leistung eines Schülers haben kann. Dazu machten Sie sich einen US-amerikanischen Datensatz zunutze, in dem die Werdegänge von 90.000 Schülerinnen und Schülern über 14 Jahre hinweg nachgezeichnet sind.

Der Wert der Mitstreiter

Innerhalb dieses Datensatzes versuchten sie, jeweils zwei Individuen zu finden, die in kognitiven Tests gleich gut abschnitten, das gleiche Geschlecht hatten, aus gleichen sozialen Verhältnissen stammten und die gleiche Schule besuchten. Sie unterschieden sich lediglich darin, dass sie die Schule in einem anderen Zeitraum besuchten, also andere Mitschüler hatten. Dann erstellten die Forscher Rangliste der jeweiligen Jahrgänge und ordneten jedem Schüler abhängig von seiner schulischen Leistung eine Position darin zu. Weil sich die Jahrgänge untereinander unterscheiden, können grundsätzlich sehr vergleichbare Schüler im Vergleich zu ihren Mitschülern verhältnismäßig besser oder auch schlechter abschneiden - obwohl sie die gleichen kognitiven Voraussetzungen haben. 

Das Ergebnis zeigt, dass die zufällige Zuordnung zu einem Jahrgang eine große Rolle spielen kann. Wer in einer kognitiv wenig leistungsfähigen Kohorte landet, schneidet relativ gesehen besser ab, schafft es danach eher auf eine Universität und schließt diese auch eher ab. Die Erklärung ist für Ingo Isphording klar: „Peers haben nicht nur direkte Einflüsse, sie liefern auch den Hintergrund, vor dem man sich vergleicht. Man agiert nicht unbedingt auf Basis der eigenen Fähigkeit, sondern darauf, was man glaubt, wozu man fähig ist." Er nennt dies auch den „Großer Fisch im kleinen Teich"-Effekt. Diejenigen dagegen, die relativ gesehen schlechter abschnitten, hielten sich für weniger intelligent und sahen es deshalb auch als weniger sinnvoll an, weiter in ihr Humankapital zu investieren. 

Doch nicht immer überwiegen die Vorteile solcher Abwärtsvergleiche. An der Universität, wo Leistungen eher in sehr großen Gruppen und damit unabhängig von konkreten Einzelleistungen anderer verglichen werden, überwiegt gar der umgekehrte Effekt. Je talentierter die Mitstreiter, desto besser die eigene Leistung. Das konnte Isphording in einer weiteren Untersuchung belegen, für die er zusammen mit Ulf Zölitz von der Universität Zürich  den „Value of a peer“, also den Mehrwert eines Mitstreiters berechnete. Dazu sammelten sie Daten an einer niederländischen Business School zwischen den Jahren 2009 und 2015.


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Studierende, die dort anfangen, treffen sich jede Woche mit höchstens 16 Kommilitonen in zufällig zusammengelosten Gruppen, um zu lernen und Aufgaben zu lösen. Dabei könne man Glück haben und mit sehr klugen, ambitionierten Mitstudierenden in einer Gruppe landen. Oder man kann Pech haben und im Schnitt eher schwächere Mitstudierende zugelost bekommen, so Isphording. „Ob man Glück oder Pech bei der Zuteilung der Peers im ersten Jahr hat“, sagt der Ökonom, „erklärt bis zu 15 Prozent des typischen Leistungsunterschieds zwischen zwei Studierenden.“

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Wer erfolgreich ist, begründet das gern mit Talent und Eifer, Disziplin und Mut – und unterschlägt, worauf es vor allem ankommt: auf den Zufall. Nur wer jederzeit mit dem Unberechenbaren rechnet, kann glückliche Fügungen auch nutzen.

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