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Prämie für Geringqualifizierte Andrea Nahles' Weiterbildungsprämie ist rausgeworfenes Geld

Arbeitsministerin Andrea Nahles will ein Recht auf Weiterbildung. Das geht so weit, dass sie Hartz-IV-Empfängern und Geringqualifizierten 2500 Euro zahlen will, wenn sie sich weiterbilden. Das ist gleich aus drei Gründen Unsinn.

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Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Quelle: dpa

Mit Blick auf den digitalen Wandel in der Arbeitswelt setzt sich Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für ein Recht auf Weiterbildung ein. "So stellen wir sicher, dass Beschäftigte ihr Know-how halten, sich weiter qualifizieren oder bei Bedarf umschulen und beruflich neu orientieren können", schreibt die SPD-Politikerin in einem Beitrag für "Causa", das Online-Debatten-Magazin des Berliner "Tagesspiegels". Auch auf der Berliner re:publica sagte sie, dass sich die Arbeitswelt stark verändern werde und Weiterbildung der Schlüssel für alle sei, um am Ball zu bleiben. Das gelte natürlich auch für die bestehende Belegschaft. Und damit hat sie völlig Recht.

Weiterbildungsförderung für Einkommensschwache

Entsprechend bietet das Bundesbildungsministerium schon seit Jahren finanzielle Unterstützung für Menschen, die sich - unabhängig vom Arbeitgeber - weiterbilden wollen, es sich finanziell aber nicht leisten können. Schließlich kostet eine Weiterbildung Geld und je nach Thema ist das nicht wenig.

Fakten zur Weiterbildung

So bietet das Bildungsministerium Arbeitnehmern und Selbstständigen, die das 25. Lebensjahr vollendet haben und deren zu versteuerndes Jahreseinkommen bis zu 20.000 Euro (bei gemeinsam Veranlagten sind es 40.000 Euro) beträgt, einen Prämiengutschein an. Mit diesem Gutschein übernimmt der Staat die Hälfte der Veranstaltungsgebühr für Maßnahmen, die maximal 1000 Euro kosten. Ein Bildungsgutschein kann also maximal 500 Euro wert sein, den restlichen Betrag müssen die Arbeitnehmer selbst beisteuern. Mehr Informationen zur Bildungsprämie des Bildungsministeriums finden Sie hier.

Außerdem besteht die Möglichkeit des sogenannten Weiterbildungssparens. Das heißt: Wer einen Bausparvertrag, eine Lebensversicherung oder ein ähnliches Sparguthaben bei einer Bank oder Versicherung hat, kann daraus Geld entnehmen, um eine Weiterbildung zu finanzieren, auch wenn die Auszahlungsfrist noch nicht erreicht ist. Die Arbeitnehmersparzulage geht dabei nicht verloren. Damit können an Weiterbildung Interessierte aufwändigere und langfristigere Weiterbildungen leichter finanzieren. Beide Angebote - Gutschein und Weiterbildungssparen - können miteinander kombiniert werden.

2500 Euro fürs Durchhalten

Dieses Angebot richtet sich aber nur an Erwerbstätige mit einem geringen Einkommen - und Nahles will Weiterbildungen für alle. Damit auch Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte Lust auf lebenslanges Lernen bekommen und sich selbstständig bei einer der Beratungsstellen um eine für sie passende Weiterbildung bemühen, will sie eine Prämie etablieren. So heißt es in einem entsprechenden Entwurf zum neuen Weiterbildungsgesetzes, das der Bundestag im Juni verabschieden soll:

"Der Zugang zur beruflichen Weiterbildung wird insbesondere für gering qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Langzeitarbeitslose und ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbessert. [...] Langzeitarbeitslose und Arbeitslose mit schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen können zur besseren Eignungsfeststellung durch längere Maßnahmen oder Maßnahmeteile bei einem Arbeitgeber gefördert werden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die noch nicht über eine Berufsausbildung verfügen, können Förderleistungen zum Erwerb von Grundkompetenzen erhalten, wenn dies für eine erfolgreiche berufliche Nachqualifizierung erforderlich ist."

Und weiter:

"Zur Stärkung von Motivation und Durchhaltevermögen erhalten sie bei Bestehen von Zwischen- und Abschlussprüfungen jeweils eine Prämie."

Diese Prämie für die Zwischenprüfung soll 1000 Euro betragen, die für die Abschlussprüfung 1500 Euro - insgesamt gibt es also 2500 Euro für eine erfolgreich absolvierte Weiterbildung. Das muss man erstmal sacken lassen.

172 Millionen Euro Kosten in den nächsten drei Jahren

Entsprechende Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände sind – wen wundert's – gegen diese Art der Motivation. Warum sollten Jugendliche noch eine dreijährige Lehre absolvieren, wenn sie stattdessen eine Weiterbildung machen können, die ihnen der Staat auch noch vergoldet? Die Prämie, die Erwachsene motivieren soll, könnte also junge Leute demotivieren. Das ist das eine.

Hinzu kommen die Kosten: Laut einem Bericht der Zeitung "Der Westen" rechnet die Bundesregierung bis 2019 mit 172 Millionen Euro Kosten für den Bundeshaushalt. Dem Bericht zufolge geht die Bundesagentur für Arbeit allerdings jetzt schon davon aus, dass 172 Millionen Euro nicht ausreichen werden, um allen Geringqualifizierten und Langzeitarbeitslosen die Zwischen- und Abschlussprüfung zu vergolden.

Geld ist keine Motivation

Und schon sind wir beim dritten Problem: Die ganze Sache ist nicht nur teuer und bringt andere vielleicht auf dumme Ideen, sie wird auch ihr Ziel verfehlen. Denn mit Geld kann man niemanden auf Dauer motivieren. Motivation ist nicht käuflich, sie muss von innen kommen. Das belegen zahlreiche Studien: Wer mehr Geld bekommt, strengt sich nicht mehr an und wird auch nicht zufriedener in einem Job, den er hasst. Auch die belohnende Wirkung von Gehaltserhöhungen verpufft schnell, wie der britische Psychologe Chris Boyce von der University of Warwick belegt hat. Wer eine Weiterbildung macht, tut das in der Regel, weil er sich davon einen Effekt für sich selbst verspricht:

Willst du gelten, mach dich schlau

Weil er etwas besser können möchte, sicherer im Umgang mit einer Sprache oder Technologie sein will, weil er oder sie mehr Verantwortung haben, Karriere machen oder schlicht für den Arbeitgeber beziehungsweise Arbeitsmarkt unverzichtbar oder begehrt sein will.

Warum Menschen eine Weiterbildung machen

Die Motivation kommt also von innen, der Weiterbildungskandidat ist intrinsisch motiviert, wie es im Fachjargon heißt. Und woanders kann Motivation nicht herkommen. Alles andere sind nur Befehle oder Verführungsversuche.

Die Zielgruppe, an die sich Nahles' Maßnahme richtet, bildet sich laut dem Gesetzesentwurf zu selten weiter und lässt sich deshalb schlecht in den Arbeitsmarkt integrieren. Das mag stimmen. Aber mit Locken und Bestechen kommt man hier - wie bei allen anderen - nicht weiter.

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