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Produktivität So klappt die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt

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Produktivere Mitarbeiter sind zufriedener

Die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn ist also eher ein Präzisionsinstrument als ein Allheilmittel zugunsten von mehr Flexibilität und Produktivität. Für Unternehmen, deren Abläufe ein solches Modell erlauben, lohnt sich der Blick nach Neuseeland aber auf jeden Fall. Denn für Firmenchef Barnes endete das Experiment nicht einfach als interessantes Nullsummenspiel. Er profitierte auf vielfältige Weise, vor allem durch zufriedene und motivierte Mitarbeiter.

Laut dem wissenschaftlichen Beobachter Haar meldete etwa jeder vierte Angestellte des neuseeländischen Unternehmens eine bessere Work-Life-Balance und kam nach dem freien Tag mit neuer Energie zur Arbeit. Aber nicht nur die zusätzliche Freiheit machte die Angestellten glücklicher. Ihre Arbeitsmoral verbesserte sich auch, weil die Aufgaben mehr zur eigenen Zufriedenheit erledigt wurden.

Die ständig am Handy hängenden Millenials sind laut dem erwähnten „2018 Workplace Distraction Report“ von Udemy übrigens keinesfalls besonders entspannt, weil sie netto so wenig arbeiten. Mehr als 40 Prozent fühlten sich durch das chronische Abgelenktsein vielmehr unmotiviert und gestresst. Die Perpetual-Guardian-Angestellte Tammy Barker stellte während des Feldversuchs fest, wie schnell sie früher bei nachlassender Konzentrationsfähigkeit von einer Aufgabe zur nächsten gesprungen war. Während des Produktivitätsexperiments habe sie hingegen bewusst eine Aufgabe nach der nächsten erledigt, sagte Barker der „New York Times“: „Zum Feierabend hatte ich das Gefühl, sehr viel mehr erledigt zu haben.“

Firmenchef Barnes machte vor allem Mütter als Gewinnerinnen seiner Vier-Tage-Woche aus. Sie würden nach dem Mutterschutz in schlechter bezahlte Teilzeit zurückkehren, oft aber die Aufgaben einer Vollzeitstelle erledigen – also genau jenes Verdichtungsszenario, vor dem Ver.di-Experte Reuter gewarnt hat.

Der neuseeländische Unternehmer profitierte während des Experiments auch von ganz profanen Begleiterscheinungen. Dazu gehörten niedrigere Stromkosten, da jeden Tag 20 Prozent weniger Menschen im Büro waren. Barnes verwies auf gesamtgesellschaftliche Folgen einer Vier-Tage-Woche: Weniger Verkehr, geringerer Bedarf an Büroflächen.

Der Unternehmer warb nach dem Experiment für ein grundlegend anderes Verständnis von Arbeit. Chefs sollten bei Neueinstellungen die Stelle über die zu erledigenden Aufgaben definieren, nicht über die pure Arbeitszeit. „Andernfalls sendet man die Botschaft 'Ich bin zu faul, um herauszufinden, was ich eigentlich von Ihnen will, also bezahle ich Sie einfach dafür, dass Sie auftauchen'“, sagte er.

Hier legen Arbeitsmarktexperten Einspruch ein und wenden sich gegen die Darstellung, Arbeitszeit werde einfach nur „abgesessen“. Diese Formulierung wertet nach Ansicht von Spermann Tätigkeiten ab, die Anwesenheit vor Ort erfordern, zum Beispiel an Rezeptionen oder bei der Objektsicherung. „Zeitlohn ist eine bewährte Form der Bezahlung“, meint der Ökonom. Reuter betont den humanen Charakter der Arbeit. „Menschen sind keine Maschinen –  ein lockeres Plaudern mit den Kolleginnen oder eine Tasse Kaffee gehören zum Arbeitsalltag hinzu“, bekräftigt der Ver.di-Experte. „Aktuell versuchen die Arbeitgeber das Arbeitszeitgesetz zu 'reformieren' weil es angeblich nicht den neuen technischen Bedingungen angepasst sei.“

Nach Ansicht Reuters hat immer der Grundsatz zu gelten: „Nicht die Beschäftigten müssen sich der Wirtschaft anpassen, sondern die Wirtschaft den Beschäftigten.“ Eben dieses Motto hallt jedoch auch beim Experiment zur Vier-Tage-Woche nach. „Warum sollte ich Ihren Lohn kürzen, wenn Sie schneller liefern?“, brachte Firmenchef Barnes seinen Grundgedanken auf den Punkt.

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