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Redenschreiber von Barack Obama So schrieb Terence Szuplat die Reden für Barack Obama

Der ehemalige Redenschreiber von Barack Obama spricht im Interview über seine Arbeit im Weißen Haus. Quelle: Privat

Terence Szuplat gehörte acht Jahre lang zum Redenschreiberteam des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Im Interview erzählt er, wie er sich dessen Sprechweise aneignete, wie es ist, in der Air Force One zu schreiben und warum er manche Rede auf dem Bürgersteig fertigstellen musste.

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WirtschaftsWoche: Gibt es eine Rede, auf die Sie besonders stolz sind?
Terence Szuplat: Das war beispielsweise eine Rede, die US-Präsident Barack Obama 2016 auf der Hannover Messe hielt. Er sprach über die Bedeutung der Europäischen Union und der partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Länder. Es war ein Appell an Europa, aber auch an die Menschen weltweit nicht dem Nationalismus zu verfallen. Den Flüchtlingen und Menschen in Not nicht unsere Türen zu schließen, keine Mauern zwischen Ländern hochzuziehen. 

Wo haben Sie die Rede verfolgt?
Als Redenschreiber gehen wir mit auf Reisen, aber wir sind nicht bei jeder gehaltenen Rede vor Ort. Die nächste Rede will schließlich geschrieben werden. In diesem Fall schaute ich auf dem Computer in meinem Hotelzimmer zu. 

Wie entsteht eine solche Rede?
Der Chef-Redenschreiber war häufig der Präsident selbst. Die Kernideen kamen von ihm. Ein oder zwei Wochen vor der der Rede, trafen wir uns mit dem Präsidenten im Oval Office und diskutierten darüber, hörten uns seine Ideen an, was ihm wichtig war und worauf er sich fokussieren wollte. Danach tauschten wir uns mit Politikberatern, Europa-Experten, Botschaften aus, um so ein gutes Gefühl für die Stimmung im Land zu bekommen. Drei oder vier Tage vor der Rede zirkulierte ein erster Entwurf zwischen ein paar Dutzend Menschen im Weißen Haus. Die hatten dann die Möglichkeit diese gegenzulesen und zu kommentieren. 

Das klingt nach vielen verschiedenen Meinungen.
Ja, schon, aber unsere Aufgabe war es, diese teils gegensätzlichen Meinungen zu koordinieren und die Stimme und Vision des Präsidenten zu bewahren.

Wie erfüllend ist es, die eigenen Worte aus dem Mund des Präsidenten zu hören?
Es sind ja nicht unsere Worte und unsere Ideen. Wir haben dabei geholfen, dass die Stimme des Präsidenten gehört wird.

Wie schafft man es so zu schreiben, wie jemand anderes spricht?
Jede Person hat eine einzigartige Art zu reden und über Probleme nachzudenken. Eine der wichtigsten Fähigkeiten von uns Redenschreibern ist es daher zuzuhören. 

Gibt es bestimmte Worte, die typisch für Präsident Obama sind?
Bei ihm ist es eher die Struktur einer Rede, die durch seine Vergangenheit als Jurist häufig einem Plädoyer ähnelt. Er hat sich nicht so viele Gedanken um einzelne Zeilen gemacht. 

Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, bis sie sich die Sprechweise von Präsident Obama angeeignet hatten?
Es dauert natürlich eine Weile. Wie gesagt, ist das Zuhören das Wichtigste. Als Redenschreiber eines US-Präsidenten hat man das Glück, dass nahezu jedes Wort von ihm aufgenommen wird. Daher habe ich mir seine Reden auf dem Computer abgespielt, die Kopfhörer aufgesetzt und einfach nur zugehört. Manchmal habe ich auch den Bildschirm ausgeschaltet, sodass ich nicht vom Video abgelenkt wurde. Ich wollte seinen Worten, den Mustern seiner Stimme lauschen. Man schreibt nicht das, was man selber sagen würde, sondern ein Skript für jemand anderen. Daher muss man deren Stimme in seinem eigenen Kopf hören. Man könnte sagen, wir Redenschreiber sind ein wenig verrückt, da wir die Stimmen anderer Leute in unserem Kopf hören. 

Acht Jahre lang arbeitete Terence Szuplat mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama zusammen, hörte ihm zu und besprach mit ihm, was er in seinen Reden thematisieren wollte. Quelle: Privat

Woher haben Sie Ihre Inspiration für die Reden gezogen?
Vom Präsidenten. Der Traum eines Redenschreibers ist es, dein Herz und deine Seele in die Worte zu legen und dass der Präsident sie mit der gleichen Passion und Eloquenz präsentiert. 

Es gab also keinen besonderen Ort, an dem sie ausgesprochen gut schreiben konnten?
Unser Büro im Westflügel des Weißen Hauses war nur ein wenig größer als ein Schrank und hatte auch keine Fenster. Daneben haben wir auch sehr viel in der Air Force One geschrieben, während andere Leute um uns herumsaßen. Das hat mich aber nicht sehr gestört. Aber wenn ich in einem Hotelzimmer mit Aussicht über eine Stadt oder einen Fluss schreiben konnte, war das immer sehr inspirierend. 

Lenkt es nicht ab, in der Air Force One zu sitzen und eine Rede schreiben zu müssen, während um einen herum die Menschen diskutieren.
Dafür hatten wir Kopfhörer, die die Geräusche abschirmen. 



Wie lange hat es durchschnittlich gedauert, bis Sie eine Rede fertig hatten?
Wenn es eine kurze Rede war und wir nicht viel Zeit hatten, haben wir das innerhalb von ein oder zwei Stunden geschafft. Aber bei einer Rede wie der in Hannover, kann es mehrere Wochen dauern, bis auch die letzte Anmerkung eingearbeitet ist.

Gab es viele Anmerkungen?
Wenn der Präsident bereits am Anfang des Prozesses wusste, worüber er sprechen wollte und wir Redenschreiber gut zugehört hatten, waren es weniger, als wenn der Präsident und seine Berater lange darüber nachgrübelten, was sie thematisieren wollten. 

Gab es einen Moment, in dem es mit den finalen Änderungen noch sehr knapp wurde?
Präsident Obama war eigentlich sehr entspannt, was das anbelangt. Wir Redenschreiber waren jedoch häufig eher panisch. Wenn wir hinter der Bühne waren, das Publikum bereits hören konnten und der Präsident noch mal in Ruhe über die Rede las. Denn wir mussten anschließend die Anmerkungen so schnell es irgendwie ging in das Skript einarbeiten, Seiten austauschen. Das konnte nervenzerreißend sein. 

War denn immer die nötige Technik wie ein Drucker in der Nähe?
In den meisten Fällen schon. Aber einmal saß ich noch in der Autokolonne mit meinem Laptop auf dem Schoß und versuchte die letzten Änderungen einzuarbeiten. Nur gab es keine gescheite Internetverbindung. Am Ende kniete ich tatsächlich auf dem Bürgersteig neben der Veranstaltungshalle und versuchte ein WLAN-Signal zu bekommen. 

Klingt anstrengend.
Am schwierigsten waren die Auslandsreisen nach Europa oder Asien. Die dauerten meist sieben bis zehn Tage und an jedem standen mehrere Reden an. Als Redenschreiber denkst du eigentlich immer zwei, drei Tage voraus. Du bist beispielsweise in Berlin, aber diese Rede ist ja bereits geschrieben, daher denkst du darüber nach, was der Präsident in London sagen könnte. 

Die Kernideen zur Rede kommen vom Redner Barack Obama selbst, erzählt Terence Szuplat. Quelle: Privat

Es klingt, als müsste man sehr strukturiert sein.
Ja, genau, du kannst deine Abgabefristen niemals reißen, denn der Präsident wird die Bühne betreten und muss dort eine Rede vorfinden. Da gibt es keine Entschuldigungen.

Wollten Sie schon immer Redenschreiber werden?
Bereits hier an der Universität in Washington D.C. war ich an Regierungen und Politik interessiert. In meinem Abschlussjahr bekam ich dann ein Praktikum im Redenschreiberteam des Weißen Hauses. Für mich war es der beeindruckendste Job, dem Präsidenten dabei zu helfen zur amerikanischen Bevölkerung, zur ganzen Welt zu sprechen. Seitdem war ich von dem Beruf fasziniert. 14 Jahre später kam ich als echter Redenschreiber zurück ins Weiße Haus.

Was waren die größten Unterschiede zu Ihrer Praktikumszeit?
Als Praktikant durfte man ein paar Dinge schreiben und ausprobieren. Aber am Ende schrieben die Verantwortlichen alles um, weil ich so schlecht war. Wenn man als Redenschreiber zurückkehrt, hat man seinen eigenen Praktikanten, kann ihnen Tipps geben, wie sie selbst zu Schreibern heranreifen.

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Was ist denn am Ende wichtiger: Eine gute Rede oder ein guter Redner?
Ein guter Redner, definitiv. Du kannst eine wunderbare Rede schreiben, aber wenn der Redner sie nicht überzeugend hält, bringt das alles nichts. Es ist erst dann eine Rede, wenn sie jemand hält. Bis dahin sind es nur Worte auf Papier.

Mehr zum Thema: Auf Aktionärstreffen oder Mitarbeiterversammlungen zeigt sich regelmäßig, dass Chefs nicht danach ausgesucht werden, ob sie überzeugende Redner sind. Die gute Nachricht: Auch ohne Naturtalent lässt sich der rhetorische Auftritt lernen.

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