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Runter von der Karriereleiter Chef auf Zeit – so funktioniert’s

Wenn Chefs freiwillig einen Karriereschritt zurück machen Quelle: imago images

Hermann Arnold ist als Chef zurückgetreten. Er meint: Solch ein Schritt nützt ihm selbst und der Firma. Doch der freiwillige Rückzug mit Option aufs Comeback birgt auch Risiken.

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Vor sieben Jahre hat Hermann Arnold etwas gemacht, das viele als Rückschritt bezeichnen würden. Er gab die Leitung des von ihm mitgegründeten Softwareunternehmens Haufe-umantis ab und trat in die zweite Reihe. Doch was die meisten Menschen als Niederlage ansehen, selbst wenn sie gleichzeitig über den ständigen Leistungsdruck in ihrem Job stöhnen, das bezeichnet Arnold, noch immer ganz und gar Manager, als „Win-Win-Win-Situation“. Die Sache habe sich gelohnt. Für ihn persönlich, weil er neue Freiheiten gewann. Für seinen Nachfolger, der nun stattdessen aufstieg. Für die Firma, die für den strategischen Wechsel den passenderen Mann an der Spitze hatte.

Solch ein Schritt zurück, gerne auch mit Option auf ein späteres Comeback, ist keinesfalls eine Erfindung der agilen Arbeitswelt. Experten sprechen von der Spiralkarriere. Der Begriff findet sich seit 1996 in der Fachliteratur, berichtet Ursula Wagner, Inhaberin des Coaching Center Berlin – und macht deutlich, dass ein Werdegang nicht nur in eine Richtung verlaufen muss. Die Spiralkarriere – auch Zick-Zack-Karriere genannt – verspricht die berufliche Veränderung zur Seite oder nach unten, ohne dass dies als Scheitern verbucht wird. Sabbatical, Babypause, aber auch Degradierung oder Kündigung fallen laut der Expertin darunter. „Es gibt mehr, als man sieht“, hat auch Arnold festgestellt. „Ich treffe immer wieder auf Menschen, die mir von ihrer Spiralkarriere berichten – aber meist erst, wenn sie von meiner gehört haben.“

Karriere selbst bestimmen 

Noch scheint es ein Tabu zu sein, offen zu bekennen: Ich will gar nicht (ständig) Karriere machen. Doch immer mehr Menschen reizt offenbar gerade der vollständig selbstbestimmte Rückzug von einer prestigeträchtigen und hart erarbeiteten Position. Janina Kugel, lange Zeit Personalchefin beim Industriekonzern Siemens, hat ihren Abschied aus dem Vorstandsbüro vor einem guten Jahr als eine Befreiung bezeichnet. Und Umfragen zeigen, dass viele Manager führungsmüde sind und selbst jene, die nicht ganz so viel Verantwortung tragen wie einst Kugel oft gern weniger arbeiten möchten, trotz der entsprechenden Lohneinbußen. „Vor allem jüngere Menschen sind weniger interessiert an dem alten Karrierebild und dem alten Führungsverständnis“, stellt Wagner fest. „Aber es betrifft auch viele der mittleren Altersgruppen, die noch nie für hierarchische Führung zu haben waren, aber hochqualifiziert sind.“ Für diese selbstbewussten Fachkräfte soll der Job oft nicht nur den Lebensunterhalt sichern, sondern das Dasein bereichern und dabei auch genug Raum für das Privatleben lassen.

Die Spiralkarriere kann da nach Ansicht der beiden Experten eine ideale Lösung bieten. Mitarbeiter sammeln im Rückzug neue Energie und Ideen, Unternehmen können Führungspositionen mit Kandidaten besetzen, die wirklich am besten geeignet und nicht nur an der Reihe sind.

Allerdings herrschen in den meisten deutschen Unternehmen eben doch noch strenge Hierarchien mit einer fast militärischen „mehr ist mehr“-Mentalität vor, wie Wagner festgestellt hat. „Man denkt in der maximalen Anzahl von Mitarbeitenden, die man 'unter sich hat' und nennt das 'Männer unter Waffen' - ein Spruch, den ich selbst noch in den 2000er Jahren von einem leitenden Personaler gehört habe.“ In solchen Firmen sei die Spiralkarriere eigentlich immer ein „Unfall“, der mit einem Verlust an Reputation und Macht einhergehe, auch aus Sicht der Kollegen.

Vorurteile beim freiwilligen Rückzug

Die Frage, ob die Spiralkarriere für die eigene Laufbahn eine gute Idee ist, hängt deshalb laut Wagner zum einen maßgeblich davon ab, wie hierarchisch die Firma organisiert ist. „Wer sich für einen Rückschritt entscheidet, muss sich ehrlich fragen: Kann ich mit dem Urteil meines Umfelds leben?“, gibt sie zu bedenken. Die eigene Persönlichkeit ist der zweite entscheidende Faktor. Wer von Natur aus dazu neigt, die Führung zu übernehmen, wird laut Wagner schwerer auf Macht und Einfluss verzichten können: „Es liegt ihnen einfach im Blut.“ Das gelte auch für Menschen, die mit ihrer Karriere vor allem dann zufrieden sind, wenn sie im direkten Vergleich mit Kollegen gut abschneiden.

„Es braucht eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, um dieser empfundenen 'Degradierung' innerlich etwas entgegenzusetzen“, sagt Wagner. Ausschlaggebend sei am Ende auch die Überzeugung, das Beste für sich selbst zu tun. „Personen, die freiwillig einen Rückschritt in der Hierarchie machen, tun dies bewusst. Sie entscheiden sich 'für etwas' und nehmen das 'gegen die Führungsposition' in Kauf“, sagt Wagner, die auch Mitglied des Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC) ist.



Bei Arnold gab die Überzeugung den Ausschlag, dass sein Nachfolger das Unternehmen besser auf die anstehenden Herausforderungen vorbereiten konnte als er. Auch deshalb fiel es ihm leicht, den  Chefposten bei Haufe-umantis zu räumen. „Ich hatte mir nicht so viele Gedanken gemacht über die Konsequenzen, weil ich der Meinung war, das Richtige zu tun“, erinnert sich der Unternehmer. Tatsächlich lief zunächst alles bestens. „Die größten Schwierigkeiten hatte ich viele Jahre später, als sich das Unternehmen anders entwickelte, als ich dies gewünscht hätte, und ich keinen Einfluss mehr darauf nehmen konnte“, erzählt Arnold. Ende vergangenen Jahres haben sich die Wege der Haufe Gruppe und des einstigen Chefs getrennt. „Die neue Geschäftsführung sah keine Aufgabe für mich“, sagt Arnold.

Karriereknick nach Rückzug

Der Unternehmer hat die Entscheidung für die Spiralkarriere trotzdem nicht bereut und auch den Wiederaufstieg geschafft. „Aktuell gründe ich gerade wieder Unternehmen, bei denen ich mit in der Leitung bin“, berichtet er. Spiralkarriere-Interessenten sollten aber laut Arnold über mögliche Konsequenzen im Klaren sein. „Es kann schon durchaus einen Karriereknick bedeuten, je nachdem, wie man damit umgeht.“ Der Arbeitgeber könne da aber helfen, etwa, indem der Zurückgetretene mit einem wohlklingenden, neuen Jobtitel Prestige behält und in der Anfangszeit zunächst das gewohnte Gehalt bezieht. Zwar wäre es naheliegend, einer ehemaligen Führungskraft das Gehalt zu kürzen. Das ist arbeitsrechtlich aber nicht ohne weiteres möglich. Außerdem käme das einer doppelten Degradierung gleich, warnt Wagner.

„Auf jeden Fall benötigt der Übergang Fingerspitzengefühl“, sagt die Karriereberaterin. Sie empfiehlt unter anderem regelmäßige Treffen zwischen Ex-Chef und Nachfolger, auch nach der Machtübergabe: „Das verhindert, dass sich Themen aufstauen, die dann unweigerlich ins Team streuen und die Produktivität gefährden.“ Außerdem könne durch die Treffen signalisiert werden, dass eine ehemalige Führungskraft nach dem Rückzug nicht in der Versenkung verschwindet.

Arnold hat sich nach seinem Abschied vom Chefposten erst einmal 100 Tage aus dem Unternehmen zurückgezogen, um seinem Nachfolger nicht im Weg zu stehen. Seiner Ansicht nach ist es für diejenigen, die mit solch einem Schritt nicht gleich ihre Karriere beenden wollen, entscheidend, den Wiederaufstieg nicht aus den Augen zu verlieren. „Es kann sein, dass man mit der Zeit das Selbstvertrauen verliert, gut führen zu können“, warnt der Unternehmer. „Führung ist auch eine Trainingssache und wenn man diesen Muskel für längere Zeit nicht nutzt, verkümmert er eventuell.“ Sein Tipp: „Ich würde allen, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder Führung übernehmen wollen, empfehlen, sich spätestens nach drei bis fünf Jahren wieder in eine Führungsrolle zu bewegen – egal, auf welchem Niveau.“

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Führungskräften, die in einer Sinnkrise stecken, rät Arnold zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Sie sollten „innehalten und sich fragen, ob man bei gleichem Lohn und gleichem Ansehen auch einen Job ohne Führung machen würde – eventuell sogar lieber machen würde.“ Beim Absprung von der Karriereleiter hilft zudem ein klares Bild davon, was man überhaupt im und mit dem Job erreichen möchte. „Für mich bedeutet beruflicher Erfolg, einen möglichst großen positiven Einfluss für möglichst viele Menschen zu erreichen“, sagt Arnold.

Mehr zum Thema: Jahrelang war er Vorgesetzter, jetzt ist er bloß noch Kollege: Wenn in Wirtschaftskrisen wie dieser in Konzernen ganze Managementebenen entfallen, müssen sich entmachtete Chefs neu orientieren.

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