Sabine Hansen Frauen scheitern ohne Netzwerk

Wo Frauen an der Spitze sind, kommen noch mehr Frauen nach oben, weiß die Personalberaterin Sabine Hansen.

Sabine Hansen

WirtschaftsWoche: Frau Hansen, eine norwegische Studie sagt: Wo Frauen im Management sitzen, werden auch insgesamt mehr Frauen befördert. Weibliche Angestellte trauen es sich dann auch eher zu, selbst in die Führungsverantwortung zu gehen, wenn sie ein Vorbild in der eigenen Company haben. Welche Unternehmen in Deutschland stehen für diese Erkenntnis?

Sabine Hansen: Als Daimler vor gut zwei Jahren die amerikanische Managerin Andrea Jung, Ex-CEO von Avon Products, in den Aufsichtsrat berufen hatte, wurde das Unternehmen anfangs ob dieser Personalie belächelt. Heute ist klar, dass Berufungen wie diese einen Kulturwandel im Unternehmen möglich gemacht haben. Jetzt sitzen bei Daimler auf allen Ebenen des Unternehmens deutlich mehr Frauen als je zuvor. Für die Anteilseigner sind heute drei Frauen im Aufsichtsrat vertreten. Das Unternehmen strebt eine Frauenquote von 20 Prozent auf allen Managementstufen bis zum Jahr 2020 an.

Diese Fehler verbauen Frauen die Karriere
1.  Frauen lassen sich von Stellenanzeigen einschüchternKeine Frage, Bewerber sollten Stellenanzeigen sorgfältig durchlesen. Aber zu viel Sorgfalt schadet eher. Ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Online-Stellenbörse Jobware. 151 Männer und 79 Frauen lasen darin 150 Stellenanzeigen. Währenddessen wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet, hinterher bewerteten die Studienleiter ihre Aussagen. Das Ergebnis: Frauen klickten im Schnitt nicht nur auf mehr Jobprofile, die sie auch länger durchlasen. Mehr noch: Sie ließen sich wesentlich stärker von vermeintlich männlichen Stellentiteln und Qualifikationen beeindrucken – und wollten sich gar nicht erst bewerben. Ein Indiz dafür, dass sich Frauen von manchen Anforderungen immer noch zu stark beeindrucken lassen. Ein Problem, das schon früh beginnt... Quelle: Fotolia
2. Schon Mädchen scheuen WettbewerbMatthias Sutter und Daniela Rützler von der Universität Innsbruck untersuchten in einer Studie das Verhalten von mehr als 1000 Kindern im Alter zwischen 3 und 18 Jahren. Sie sollten verschiedene Tests lösen, etwa Wettläufe oder Matheaufgaben. Als Belohnung erhielten sie kleine Geldbeträge. Im Verlauf des Spiels konnten die Kinder dann gegen Gleichaltrige antreten und dabei mehr verdienen. Bei den Jungen entschieden sich 40 Prozent für den Wettkampf unter Gleichaltrigen. Von den Mädchen wollten das nur 19 Prozent wagen. Quelle: Fotolia
3. Frauen unterschätzen ihre LeistungErnesto Reuben von der Columbia Business School gewann für sein Experiment ( .pdf) 134 Studenten. Alle hatten zwei Jahre zuvor verschiedene Aufgaben absolviert, jetzt sollten sie ihre damalige Leistung bewerten. Das Ergebnis: Die Männer überschätzen ihre tatsächliche Leistung um rund 30 Prozent überschätzt, die Frauen hingegen um weniger als 15 Prozent. Im zweiten Schritt teilte Reuben die Teilnehmer in Gruppen. Sie sollten einen Vertreter wählen, der für die Gruppe Geld gewinnen konnte. Das Ergebnis: Weil sie zu ehrlich waren, schafften es weibliche Teilnehmer drei Mal seltener als Männer, die Rolle des Anführers zu übernehmen. Quelle: Fotolia
4. Frauen lassen sich von Klischees beeinflussenMarina Pavlova vom Universitätsklinikum Tübingen reichte für ihre Studie im Jahr 2010 83 Medizinstudenten den Abschnitt eines Intelligenztests. Dabei sollten sie eine Reihe von Bildern in die richtige Reihenfolge zu bringen. Doch vorab gaukelte Pavlova der einen Hälfte der Teilnehmer vor, dass Frauen bei dieser Aufgabe generell besser abschneiden. Die andere Hälfte erfuhr, dass Männer darin bessere Ergebnisse erzielen. Ergebnis: Die Frauen ließen sich von negativen Aussagen viel stärker beeinflussen als Männer. Deren Leistung litt kaum unter der Vorab-Information. Quelle: Fotolia
5. Frauen sind schneller zufriedenDer Soziologe Stefan Liebig von der Universität Bielefeld analysierte für seine Studie ( .pdf) Daten des Sozio-oekonomischen Panels. In dieser Langzeitstudie machen 10.000 Deutsche regelmäßig Angaben zu Ihrem Beruf und Privatleben. Liebig wollte wissen, ob sie ihr aktuelles Einkommen als gerecht empfanden - und falls nein, welches Nettogehalt angemessen wäre. Wenig überraschend: Etwa jeder dritte Befragte fand sein Einkommen ungerecht. Doch das Einkommen, das Frauen als gerecht empfanden, lag noch unter dem tatsächlichen Gehalt von Männern. Egal ob Akademikerin oder Reinigungskräfte: Frauen hatten finanzielle geringere Ansprüche. Quelle: Fotolia
6. Frauen scheuen Jobs mit WettbewerbAndreas Leibbrandt und John List schalten für ihre Untersuchung Stellenanzeigen in neun US-Städten – in zwei verschiedenen Versionen. Die eine Ausschreibung suggerierte, dass das Gehalt nicht verhandelbar sei. Die andere behauptete, dass das Gehalt Verhandlungssache sei. Fazit: Bei letzterer Stelle bewarben sich wesentlich mehr Männer. Offenbar meiden viele Frauen Jobs mit starkem Konkurrenzdenken. Quelle: Fotolia
Ein Mann hält einen Zettel mit der Aufschrift "Job gefällig?" in der Hand Quelle: dpa

Es sind aber nicht die Frauen an der Spitze, die quasi persönlich dafür sorgen, dass mehr Frauen nachkommen?

Leider gibt es diese Agenda von Top-Frauen bislang tatsächlich noch nicht. Oft befinden sich Unternehmen in Umbruchsituationen wie zum Beispiel in einer Krise, die es möglich macht, dass sich für Frauen die gläserne Decke öffnet.
Bei der Deutschen Telekom wurde der Weg 2010 geebnet, als der magentafarbene Riese aus Bonn versuchte, mit der Frauenquote seine Abhöraffäre in der Öffentlichkeit vergessen zu machen. Oder es finden sich männliche Top-Manager mit internationalen Wurzeln, die in ihren Unternehmen ihre Überzeugung auch gegen teilweise massive Widerstände aus den eigenen Vorstandsreihen umsetzen. Kasper Rorstedt bei Henkel – als Däne - oder Peter Terium bei RWE – als Niederländer – etwa sind so geprägt von der Managementkultur ihrer Heimatländer. Dort sind auch gemischte Teams an der Unternehmensspitze keine Seltenheit.

Was ist denn der entscheidende Fehler der Frauen, die es zwar kurzfristig an die Unternehmensspitzen schaffen, dann aber verhältnismäßig schnell wieder draußen sind – ohne dass es handfeste Gründe für ihren Abgang gibt?

Frauen, die es an die Spitze gebracht haben, scheinen da oft noch zu sehr mit ihrer eigenen Machtabsicherung beschäftigt zu sein und versuchen eher durch Leistung und Effizienz zu punkten, als dass sie sich ihr eigenes Netzwerk aufbauen beziehungsweise nach sich ziehen. Hier scheint auch ein kausaler Zusammenhang für das vorzeitige Scheitern einer weiblichen Spitzenkraft im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen zu bestehen. Im Klartext: Würden sie wie Männer agieren und Seilschaften bilden, würden viele von ihnen auch nicht scheitern.

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Wie schwer wiegt das Argument, junge Frauen brauchen Beispiele, also weibliche Vorbilder im Management heute tatsächlich?

Ganz klar hat eine ausgewogene Besetzung von Spitzenpositionen mit Frauen Vorbildfunktion. Zum einen signalisiert es nach innen und außen das Wertesystem des Unternehmens, dass ein Aufstieg über die Ebenen hinweg nicht nur möglich, sondern auch gewollt ist. Zum anderen ändert sich die Unternehmenskultur massiv, wenn mehr als drei Frauen im Management-Team sind. Wenn diese kritische Masse erreicht ist, haben sie auf ihre männlichen Counterparts auch Einfluss. Und zwar auf die Art und Weise der Kommunikation. Das typische Macht- und Balzverhalten wie – wer sitzt wo in Meetings beziehungsweise wer hat welchen Redeanteil – nimmt messbar ab. Stattdessen entsteht eine offene Gesprächskultur, wo Widerspruch und neue Ideen ausdrücklich erwünscht sind und Vorstandsvorlagen kritisch diskutiert werden. Frauen benötigen eben dieses Umfeld, um sich sowohl fachlich als auch persönlich entwickeln zu können.

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