Schlagfertigkeit Vom Schweigen im Aufzug und anderen Peinlichkeiten

Die Aufzugtür gleitet auf, der Chef tritt ein. Und jetzt? Etwas sagen oder peinlich berührt auf den Boden starren? Für viele sind Smalltalk oder Reden vor Publikum der reinste Horror. Wie Sie die richtigen Worte finden.

Im Fahrstuhl oder vor Publikum fehlen Ihnen die Worte? Das kann man ändern. Quelle: Fotolia

Machen wir ein kurzes Gedankenspiel: Ihr Unternehmen feiert Jubiläum, Mitarbeiter und Manager aus sämtlichen Niederlassungen sind vor Ort. Beim Festakt hält der Vorstandsvorsitzende eine Rede, schaut anschließend ins Publikum und entdeckt Sie. Sein Gesicht hellt sich auf und er sagt: "Ach, ich sehe, Herr/Frau Mayer ist auch hier, kommen Sie doch bitte rauf zu mir und erzählen Sie uns ..." Und das auch noch in einer Fremdsprache, weil Ihr Unternehmen international aufgestellt ist.

Fühlt sich an wie früher, "Hefte raus, Klassenarbeit", nicht wahr?

Üben, üben, üben

Dem Schweizer Rhetoriktrainer Mathias Pöhm ist genau das passiert. Urplötzlich sollte er vor versammelter Mannschaft auf französisch parlieren - es wurde ein Desaster. Danach nahm er sich vor, dass ihm so etwas nie wieder passieren würde. Das ist ihm gelungen. Heute bringt er anderen das Reden bei.

Die gute Nachricht ist: Es geht. Reden halten kann man lernen. "Allerdings passiert das nicht von heute auf Morgen, das dauert", sagt Pöhm. Es hilft nur üben, üben, üben. Er empfiehlt: "Tun Sie, wovor Sie Angst haben – immer wieder. Reden Sie auf Geburtstagen, auf Hochzeiten, bei Meetings, wann immer es geht. Nur so geht die Nervosität weg."

Die vielgepriesenen Tipps für Nervöse, sich vorzustellen, das Publikum sei nicht da oder spärlich bekleidet, könne man dagegen vergessen. "Dieser Rat 'Stellen Sie sich vor, die Zuhörer sitzen dort in Unterhosen' liest sich immer nett, aber ich habe noch keinen erlebt, bei dem das funktioniert", sagt Pöhm.

So geht es nicht: Die populärsten Irrtümer, wie eine gute Rede aussieht

Dabei muss es nicht gleich die Rede vor dem gesamten Unternehmen sein, die einen ins Schwitzen bringt. Auch Alltagssituationen sind für viele ein Graus. "Mit einem leisen Ping öffnet sich die Aufzugstür, Sie steigen ein und nicken dem Vorstandsvorsitzenden kurz zu. Es folgt beklemmendes Schweigen und der Blick geht gen Boden oder bleibt an der Stockwerksanzeige hängen", beschreibt Thomas Skipwith eine Szene, wie sie sich täglich in zig Unternehmen ereignet.

Tauscht man Vorstandsvorsitzender gegen Mitarbeiter, passiert es jedem, der irgendwo arbeitet, wo es einen Fahrstuhl gibt. Und das mehrmals täglich.

Zehn Benimm-Regeln für den Aufzug
Regel 1: Halten Sie AbstandViele Menschen im Aufzug, viele unterschiedliche Auffassungen zum gebotenen Abstand. Jeder hat schließlich seine eigene Wohlfühlzone, in die niemand eindringen soll. Also gilt es, den größtmöglichen Abstand zu halten, den ein Aufzug zulässt. Das heißt: Zwei Personen platzieren sich stets an den zwei gegenüber voneinander liegenden Wänden, drei bis vier Menschen nehmen die Ecken des Aufzugs ein. Fünf oder mehr Leuten verteilen sich gleichmäßig, schauen nach vorne und lassen die Hände gerade am Körper herunter, um niemanden zu berühren. Quelle: Fotolia
Regel 2: Nicken und lächeln Sie Ihren Mitfahrern kurz zuEin Lächeln bricht das Eis. Wer einen vollen Aufzug betritt, sollte jedem Mitfahrer kurz freundlich zunicken und anlächeln, um die unangenehme Situation des engeren Beieinanderstehens zu entspannen. Wichtig ist, das tatsächlich kurz zu machen, und niemanden anzustarren. So wird nur das Gegenteil erreicht: Die Situation wird noch unangenehmer. Quelle: dpa Picture-Alliance
Regel 3: Blockieren Sie die Türen nur, wenn der Lift nicht zu voll istAufzug blockieren oder nicht? Zählt Anstand oder Zeit? Das müssen Menschen abwägen, wenn sich die Türen schließen und gerade jemand dem Lift entgegen rennt. Wer allein oder nur mit wenigen Menschen im Aufzug ist, sollte die Tür aufhalten. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Schließlich müssen die anderen Liftfahrer auch berücksichtigt werden. Quelle: Fotolia
Regel 4: Kümmern Sie sich um die KnöpfeBei wenigen Menschen drückt jeder selbst den Knopf für seine Etage. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Dann kümmert sich die Person, die der Tür am nächsten ist, dass jeder an sein Ziel kommt. Der Aufwand ist gering und so kommt jeder – auch der freundliche Helfer selbst – schneller zum Ziel. Wenn jemand neues den Aufzug betritt, gilt es also nicht beiseite zu gehen und ein zeitraubendes Rücken zu verursachen, sondern direkt zu fragen: „Auf welche Etage möchten Sie?“ Quelle: Fotolia
Regel 5: Benutzen Sie den Lift nicht für nur eine EtageWer böse Blicke und rollende Augen der anderen Aufzugfahrer vermeiden will, sollte den Aufzug nur benutzen, um mindestens zwei Stockwerke weiter zu fahren. Wer nur in die nächste Etage möchte, ist mit dem Aufzug kaum schneller – und stiehlt die Zeit der anderen. Quelle: AP
Regel 6: Ladies First – nur in der FreizeitOb Ladies First oder nicht, hängt von der Situation ab: Bei einer Aufzugfahrt in der Freizeit steigen Damen zuerst ein oder aus, auf der Arbeit macht das die Person, die am nächsten zur Tür steht. Schließlich erwarten männliche und weibliche Kollegen gleich behandelt zu werden. Quelle: Fotolia
Regel 7: Machen Sie Platz für AussteigendeDamit Menschen aus einem vollen Aufzug aussteigen können, müssen alle ihren Beitrag leisten. Das heißt beiseite treten oder – für Leute, die an der Tür stehen – auch kurz aussteigen und mit einer Hand die Tür fest halten. Quelle: REUTERS
Regel 8: Keine Telefonate im LiftAus Rücksicht vor den Mitfahrenden sind Telefonate im Aufzug tabu. Betritt man beim Telefonieren den Aufzug, sagt man seinem Gesprächspartner einfach, gleich zurück zu rufen. Gleiches gilt, wenn während der Aufzugfahrt das Handy klingelt. Quelle: Fotolia
Regel 9: Stehen Sie mit dem Gesicht zur AufzugtürIm Lift steht man nicht mit dem Rücken zur Tür. Das erschwert es, schnell auszusteigen, und schafft eine unangenehme Konfrontationssituation mit den anderen Aufzugfahrern. Quelle: dpa
Regel 10: Stellen Sie sich hinten anGerade vor Aufzügen vergessen viele Menschen das Prinzip der Warteschlange. Anstatt sich hinter die anderen zu stellen, gehen sie nach vorne, drücken den bereits gedrückten Knopf und bleiben an der Tür stehen stehen. Stattdessen gilt: Hinten anstellen und warten. Quelle: dpa

Jeder frage sich: "Soll ich schweigen oder einen Smalltalk beginnen?", so Skipwith. Wie Pöhm hat auch er reden zu seinem Beruf gemacht.

Über die Experten

Seiner Erfahrung nach starrt sich die Mehrheit der Liftfahrer lieber auf die Schuhspitzen, anstatt ein Gespräch zu beginnen. "Grundsätzlich fürchtet ein jeder von uns, abgelehnt zu werden oder sich lächerlich zu machen. Man könnte ja unbewusst etwas Falsches sagen oder der Vorstandsvorsitzende könnte denken: 'Was ist das für eine blöde Frage?'."

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