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Schreibtisch-Forscher „Der Ein-Quadratmeter-Schrein“

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Der Mercedes unter den Schreibtischen

Klebezettel und Fotos sind besonders beliebte Ausstattungen am Arbeitsplatz. Aufgrund geteilter Schreibtische nimmt die Individualität an den Desks aber weltweit ab. Quelle: Uta Brandes & Michael Erlhoff: My desk is my Castle

Wie würde der Mercedes der Schreibtische aussehen?
Erlhoff: Größer müssen sie nicht sein, aber mit mehr Raffinesse gestaltet. Die Hersteller müssten stärker in flexibleren Modulen denken. Und eben auch Areale definieren, die Platz lassen für ein bisschen persönlichen Nippes, die man etwa hinter einer mobilen Wand so platzieren könnte, dass man sie selbst sieht, aber niemand sonst damit behelligt.

Brandes: Die Arbeit rückt ja auf scheinbar überdekorierten Schreibtischen nur vermeintlich in den Hintergrund. Oft schaffen sich diese Menschen durch ihre Inszenierungen erst die Voraussetzung dafür, am Arbeitsplatz engagiert und motiviert arbeiten zu können. Die Menschen wollen sich selbst darstellen, ihre Individualität ausleben.

Wofür Arbeitgeber kaum Verständnis haben. Mitarbeiter mit einem ordentlichen, übersichtlichen Schreibtisch gelten als effizienter, erfolgreicher und beliebter beim Chef. Wer einen chaotischen Schreibtisch hat, kann lange auf die Beförderung warten. Ist das gerechtfertigt?

Erlhoff: Das Primat der Ordnung ist doch ein riesiger Denkfehler. Denn das würde den Glauben an die lineare Logik untermauern. Und wer legt überhaupt fest, was ordentlich, was unordentlich ist. Ab wann ein Schreibtisch zu voll ist? Außerdem wissen wir doch längst: Ordnung führt nicht per se zum Erfolg. Wir müssen ein Bewusstsein für die Qualität von Chaos entwickeln. Assoziative Kompetenz zulassen. Und uns klar machen, dass die besten Lösungen für Probleme meist aus Fehlern entstanden sind.

Eine willkommene Ausrede für Chaoten ...

Erlhoff: Natürlich ist einer, der in seinem Chaos versinkt nicht kreativer als einer, der Ordnung zum Selbstzweck erhebt. Aber klar ist: Wer ein Glas ordentlich hinstellen kann und Ordnung zum Selbstzweck erhebt, kann noch lange keine Menschen anleiten. Aber wem seine Unterlagen, Notizen, Zeitungsausrisse scheinbar über den Kopf wachsen, wer aber dennoch alles in kurzer Zeit wiederfindet, kann durchaus erfolgreich arbeiten – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag. Neueste amerikanisch Studien zeigen: Diese Erkenntnisse sind auch bei den Chefs angekommen.

Es gibt auch Studien, die einen Zusammenhang zwischen Ordnung und Leistung beziehungsweise beruflichem Erfolg belegen.
Erlhoff: Zumindest in Asien und Südamerika gilt: Je höher einer in der Hierarchie geklettert ist, desto mehr steht auf einem Schreibtisch. Womöglich wirkt es auf den ersten Blick hochwertiger und etwas strukturierter als die Figürchen und Fotos seiner Untergebenen. Letztlich ist es aber nichts anderes als Nippes auf hohem Niveau.

Und was steht auf Ihrem Schreibtisch?
Brandes: Bei mir steht ein Art-Deco-Schreibfüller-Set mit einem sehr schönen Füllfederhalter. Schlimm.

Warum? Sieht hübsch aus und hat einen deutlichen Bezug zur Arbeit.
Brandes: Ist aber sinnloser Nippes – den Füller benutze ich nie, die Tintenfässer sind leer. Außerdem kann man das gute Stück leicht übersehen zwischen all dem Material, das sich wie in geologischen Schichten auf meinem Schreibtisch türmt. Alles viel zu chaotisch, mein Schreibtisch müsste vier Mal so groß sein. Aber das würde das Chaos wahrscheinlich nur weiter erhöhen. Jedes Mal in den Semesterferien unternehme ich einen Anlauf, ihn zu ordnen. Er bleibt dann etwa eine Woche aufgeräumt und fast leer – weil ich mich in der Zeit gar nicht traue, dort zu arbeiten. Dafür suche ich mir dann ein anderes Plätzchen.

Erlhoff: Bei mir Türmen sich die Akten schon mal auf wie Eisberge. Außerdem habe ich einen alten Schachcomputer auf dem Schreibtisch stehen, auf den ich niemals verzichten würde. Und den ich auch regelmäßig benutze – immer, wenn ich beim Schreiben auf andere Gedanken kommen will, spiele ich eine Partie Blitzschach. Und wenn bestimmte Kugelschreiber nicht in meiner Nähe sind, fühle ich mich katastrophal.

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