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Schreibtisch-Forscher „Der Ein-Quadratmeter-Schrein“

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Kaum ein Unternehmen hat Schreibtisch-Chaos im Griff

Der Schreibtisch von Design-Professor Michael Erlhoff. Bei ihm steht der unverzichtbare Schachcomputer auf dem Desk.

Was denn zum Beispiel?
Erlhoff: Zum Beispiel diese Dutzenden, teilweise bis zu hundert Püppchen, wir etwa auf taiwanesischen Schreibtischen aufgebaut sind. Nicht nur, dass man da kaum mehr Platz zum Arbeiten hat. Das sind hundert Augenpaare, die einen permanent anstarren, während man seinen Job zu erledigen hat. Da würde hier jeder davonlaufen vor lauter imaginärer Kontrolle.

Die Ausbildungswege zumindest in akademischen Berufen gleichen sich weltweit an, Asiaten und Südamerikaner studieren und arbeiten in den USA und in Europa – warum macht die Globalisierung ausgerechnet vor dem gängigsten aller Büromöbel Halt?

Erlhoff: Weil man sich weder von einer scheinbar tief verankerten kulturellen Prägung lösen kann noch von einer individuellen Verortung, auch und gerade am Arbeitsplatz. Ein Bedürfnis, das eher noch zunimmt, je mehr wir in einer Welt unsicherer sozialer Netzwerke agieren.

Aber immer mehr Unternehmen machen sich ausführliche Gedanken über ihr Erscheinungsbild, auch nach innen.
Erlhoff: Abgesehen von einigen Werbeagenturen, die ihren Kreativen am liebsten weiße, leere Schreibtische verordnen und sie aus krankenhausweißen Tassen ihren Kaffee trinken lassen, schafft es kaum ein Unternehmen, das Schreibtisch-Chaos seiner Mitarbeiter in den Griff zu kriegen.

Warum ist es das so schwer?

Erlhoff: Erinnern Sie sich an all diese hochtrabenden Theorien vom nomadisierenden Büro, die vor rund 20 Jahren postuliert wurden?

Das bestätigen aber alle aktuellen wissenschaftlichen Studien. Glauben Sie nicht dran?

Erlhoff: Ich fürchte, das kann man alles vergessen. Die gelebte und dokumentierte Büropraxis verwandelt all diese Studien in graue Theorie. Jede Clean-Desk-Policy eines Unternehmens ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das zeigt spätestens der Blick in die oberste Schublade. Die Wirklichkeit setzt sich durch – selbst an den scheinbar so septischen Schreibtischen deutscher Designer wird sich immer ein Hinweis auf die Individualität seines Benutzers finden.

Sie wollten in Ihrer Studie auch wissen, von welchen Objekten auf Ihrem Schreibtisch sich die befragten Personen am ehesten trennen könnten. Was war das Ergebnis?

Brandes: Am ehesten würden die meisten noch auf Geschenke verzichten, die sie irgendwann einmal on Kollegen, Kunden oder Freunden bekommen haben. Aber auch davon trennen sie sich nicht – der soziale Druck ist für die meisten zu groß.

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