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Schreibtisch-Forscher „Der Ein-Quadratmeter-Schrein“

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Unternehmen sollten Individualität zulassen

Der Arbeitsplatz von Design-Professorin Uta Brandes.

Was können Unternehmen davon lernen?
Brandes: Individualität zulassen, ohne dass es aussieht wie bei Hempels unterm Sofa.

Wie soll das gehen?
Erlhoff: Alles ist gestaltet, wird im Gebrauch aber oftmals umgestaltet. Sie haben zu Beginn unseres Gesprächs Ihr Sakko über den Stuhl gehängt – obwohl der zum Sitzen und nicht als Garderobe gedacht ist. Von solchen Hinweisen müssen Unternehmen lernen – nicht nur diesen Alltagsgebrauch tolerieren, sondern die Hinweise, die Qualitäten erkennen und für sich nutzen.

Welche Qualitäten stecken in einer Ansammlung von 83 Figürchen, die mich während der Arbeit anglotzen?
Erlhoff: Zum Beispiel Erkenntnisse über Kommunikationsverhalten: Wer kontrolliert wen, wer spielt wem was vor. Aus all diesen kleinen Hinweisen kann man doch wunderbar ablesen, wie Mitarbeiter sich ihre Schreibtische aneignen, wie sie sie nutzen. Und wie Hersteller und Unternehmen diese Schreibtische gestalten sollten, damit sie den Bedürfnissen der Benutzer gerecht werden. Grundsätzlich müssen wir den Benutzern mehr Freiräume einräumen im Umgang mit dem Schreibtisch. Da fühlt sich doch jeder wie ein eigener Schlossherr.

Die Unternehmen wollen aber eher das Gegenteil erreichen – und ihre Mitarbeiter vom Schlossherrn zum Nomaden machen, der flexibel zwischen uniformen Schreibtischen wechselt und dort möglichst keine Spuren hinterlässt, die den nächsten Mitarbeiter, der an diesen Platz kommt, in der Konzentration stören könnten

Brandes: Natürlich kann man verstehen, dass Unternehmen auch Grenzen setzen wollen – wer will schon ständig auf die Plüschpudel-Sammlung der Kollegin glotzen müssen? Aber das Heimatgefühl ganz wegnehmen wäre kontraproduktiv. Gewisse individuelle Gestaltungsmöglichkeiten müssen bleiben – so wie man beim Einzug in eine möblierte Wohnung versucht, durch eigene Mitbringsel mehr Behaglichkeit zu schaffen.

Erlhoff: Oder denken Sie daran, wenn Sie am Flughafen am Kofferband stehen: Fast jeder entscheidet sich im Kaufhaus für einen weitgehend uniformen schwarzen Koffern – und markiert diesen zur besseren Unterscheidbarkeit mit einem individuellen Merkmal – einem Aufkleber, einem farbigen Band. Auch wenn es hilft – schöner wird so ein teurer Koffer dadurch nicht. Für die Hersteller ist das ein Graus.

Brandes: In der Automobil-Industrie gibt es ein gutes Beispiel: Mercedes hatte vor einigen Jahren ein Problem: Weil die deutschen LKW-Fahrer eigentlich lieber in einem amerikanischen Truck durch die Gegend fahren wollten, haben sie sich ihre Vehikel individuell umgestaltet, bis zur Unkenntlichkeit. Und bis Mercedes das Bedürfnis verstanden hatte – und seitdem die Deko-Elemente selbst anbietet.

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