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Senioren in Unternehmen Die Rückkehr der Ruheständler - aus Erfahrung gut

Senior Experts

Ältere Mitarbeiter kalt stellen oder gleich mit einer Abfindung in den Vorruhestand schicken? Kann man machen. Klüger ist es, das Wissen der Routiniers zu nutzen – nicht nur aus fachlichen Gründen.

Eigentlich war es ein Abschied für immer. Als Benno Lüke im vergangenen August seinen Ausstand feierte, freute er sich auf den nächsten Lebensabschnitt, auf viel Zeit mit seinem Enkel und im Garten. Doch wie so oft war der Traum schöner als die Wirklichkeit.

Denn tatsächlich fühlte Lüke sich schon bald unterfordert. Er langweilte sich, wollte arbeiten – und war deshalb glücklich, als sich sein früherer Arbeitgeber Thyssenkrupp bei ihm meldete. Seit Januar ist Lüke wieder zurück im Job: als Freiberufler für „Senior Experts“, die konzerneigene Personalvermittlung für Betriebsrentner.

Der Stahlkonzern versteht die honorarbasierte Weiterbeschäftigung erfahrener Experten nicht als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gelangweilte Rentner, im Gegenteil: „Unsere Senior Experts wissen sehr oft mehr als McKinsey-Berater“, sagt Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard: „Deshalb holen wir sie gerne zurück.“

Wie gehe ich mit meiner Belegschaft um, in Zeiten des demografischen Wandels, der Digitalisierung und Disruption? Kaum ein Thema treibt die deutschen Personalabteilungen derzeit so stark um. Im Kern läuft alles auf eine Frage hinaus: Ist es besser, die Belegschaft konsequent zu verjüngen – oder die Älteren möglichst lange an sich zu binden?

Einige Unternehmen haben darauf durchaus radikale Antworten gefunden. Der IT-Konzern IBM zum Beispiel soll in den USA in den vergangenen Monaten 20.000 Mitarbeiter im besten Ü-40-Alter dazu gebracht haben, ihren Arbeitsplatz aufzugeben – vor allem durch erzwungene Frühpensionierungen und gezielte Kündigungen.

Und die Deutsche Lufthansa gab vor wenigen Wochen bekannt, Stellen für junge Digital Natives freischaufeln zu wollen. Weil man den Alten in Deutschland aber nicht einfach so kündigen kann, bietet Personalvorstand Bettina Volkens 3200 Mitarbeitern gerne „Hilfe und Beratung bei Veränderung“ an. So kann man es natürlich auch ausdrücken.

Inzwischen mehren sich jedoch die Stimmen, die die Plausibilität dieser Vorgehensweisen anzweifeln. Zahlreiche Experten aus Wissenschaft und Praxis monieren vor allem eines: Vor lauter Jugendwahn verlören viele Arbeitgeber aus den Augen, dass Ältere ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die Jüngeren weitergeben können – ein Wissen, das mit dem Renteneintritt ansonsten unrettbar verloren gehe. „Das können sich Unternehmen nicht länger leisten“, sagt zum Beispiel Ulrich Goldschmidt, Chef des Verbandes "Die Führungskräfte".

Davon ist auch Lynda Gratton überzeugt. Die Managementprofessorin der London Business School ist eine gefragte Expertin in Sachen demografischer Wandel. Im Rahmen der Arbeit an ihrem Buch „The 100 Year Life“ hat sie berechnet, dass Menschen, die derzeit um die 40 sind, bis Mitte 70 arbeiten werden – und jene, die heute Anfang 20 sind, sogar bis über die 80 hinaus.

Und das nicht nur aus finanziellen Gründen. Der technologische Wandel macht es möglich, die natürlichen Alterserscheinungen zu kompensieren. Viele ältere Arbeitnehmer würden sich darauf schon vorbereiten, beobachtet Gratton bei ihren Untersuchungen immer wieder – durch ständige Weiterbildung, Neugier auf andere Themen und gedankliche Flexibilität. Auf Seiten der Arbeitgeber sieht sie da noch Nachholbedarf: „Die wenigsten haben verstanden, welche Möglichkeiten und Herausforderungen sich für ihre Belegschaft ergeben.“
In einer Studie warnt die Personalberatung Korn Ferry, dass Deutschland im Jahr 2030 rund 4,9 Millionen Fachkräfte fehlen werden – und dass sich diese Lücke nicht allein mit Hochschulabsolventen werde füllen lassen. Auch das Beratungsunternehmen Deloitte kommt in einer Umfrage unter mehr als 11.000 Geschäftsführern und Personalleitern in mehr als 140 Ländern zu dem Ergebnis, dass Ältere im Unternehmensalltag wertvoll sein können. Dennoch bleibe deren Potenzial oft ungenutzt. Die Empfehlung: Arbeitgeber müssten Positionen und Arbeitsplätze stärker an die Bedürfnisse älterer Generationen anpassen. Und das umso mehr, als die Wirklichkeit dem Unternehmensalltag zu enteilen droht: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat berechnet, dass sieben von zehn 55- bis 64-Jährigen noch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen – vor zehn Jahren war es statistisch gerade mal die Hälfte.

Immerhin, es gibt sie, die Beispiele von Arbeitgebern, die ältere Experten halten oder zurück ins Unternehmen holen. Benno Lüke ist bei Thyssenkrupp schon wieder in drei verschiedenen Projekten involviert. Er hilft bei der Fertigstellung einer Anlage in Saudi-Arabien, wohin er sich in den nächsten Wochen dann auch mal aufmachen muss. Er stellt eine Versuchsanlage in Duisburg fertig. Und er unterstützt Kollegen bei der Entwicklung von Stromspeichern.

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