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Silicon Valley „Am Ende habe ich die Rückenschmerzen und die das Geld“

Auf dem Campus der Universität Stanford im Silicon Valley liegt das intellektuelle Zentrum der amerikanischen Technologie-Branche. Quelle: REUTERS

Stanford-Professor Adrian Daub arbeitet seit zwölf Jahren im Silicon Valley. Er erklärt, wie die Großen der Tech-Szene alte Ideen in neue Hoodies stecken - und warum seine Studierenden trotzdem für sie arbeiten wollen.

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Adrian Daub ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Stanford. In seinem Buch „Was das Valley denken nennt“, ergründet er die intellektuellen Wurzeln der Menschen, die die Technologie-Branche im Silicon Valley prägen.

Herr Daub, in Ihrem Buch gehen Sie der Ideengeschichte der Technologiebranche im Silicon Valley auf den Grund. Lohnt sich das überhaupt, in einer Industrie, für die doch eigentlich nur der Blick in die Zukunft zählt?
Das Valley sieht sich gerne als einen Ort, dessen Ideen gar keine Geschichte haben, weil sie so neu und innovativ sind. Aber das stimmt nicht. Schon Marx, Engels oder Schumpeter hatten das Konzept der Disruption verstanden. Den allgegenwärtigen Geniekult kann man auf die Philosophie von Ayn Rand zurückführen, die in ihren Mammutromanen Transport- oder Bauunternehmen als Ausdruck der persönlichen Psyche ihrer Chefs positionierte. Das war 1950 noch schrullig, Elon Musk versucht das jetzt in die Realität zu übersetzen: Firmenchef-Sein als Performance-Kunst. Die Esoterik und Spiritualität wiederum, die viele Valley-Größen an den Tag legen, geht zurück auf das humanistische Esalen-Institute, das sich der Erweiterung des menschlichen Bewusstseins verschrieben hat. Und die Umdeutung und Glorifizierung des Scheiterns, die auf sogenannten Fail Conventions stattfindet, hatte Samuel Beckett schon beschrieben. 

Sie schreiben, dass das Valley so mancher alten Idee einfach einen Hoodie überstreift und sie für neu verkauft. 
Ich sehe das als Ausdruck einer gewissen Geschichtsvergessenheit. Die Ideen werden auf eine Pointe reduziert, ihre Historie wird unterschlagen. Sie sollen eine Stimmung vermitteln, ein metaphysisches Pathos, aber sie helfen nicht bei der Analyse. Es sind ornamentale Gedanken, die schmücken, aber sie betreffen nicht den Kern. Für eine Industrie, die derzeit so wichtig ist, ist das unzulänglich. 

Was meinen Sie damit?
Nehmen sie das Konzept der Disruption. Es wird uns suggeriert, dass es grundsätzlich erstrebenswert ist, eine Branche auf den Kopf zu stellen. Für gewisse Menschen mag das auch so sein. Aber bei weitem nicht für alle. Der Zaubertrick, der mich daran fasziniert, ist, dass selbst Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, nicht nach dem Warum fragen. Dabei hat doch der Taxifahrer, der seinen Job verliert, es verdient, dass derjenige, der ihn arbeitslos macht, sich über die Gründe dafür auch ein paar Gedanken gemacht hat. 

Sie sprechen die Fahrdienstleister Uber und Lyft an, die gerne von sich sagen, sie revolutionierten den Transportsektor durch neue Technologien. 
Die verlieren mehr Geld, als jedes Taxiunternehmen je hätte verlieren können. Nur dass es das Geld anderer Menschen ist. Besonders fortschrittlich scheint mir das nicht zu sein. Im Grunde ist es vor allem die Rhetorik der Disruption, die Uber zu einem Tech-Unternehmen macht. Und das ist nur ein Beispiel. Beim Co-Working-Unternehmen WeWork war das ähnlich. Früher sagte man dazu Untervermietung. Seit es Hausbesitzer gibt, gibt es dieses Konzept. Aber durch die Rhetorik bekam auch WeWork den Heiligenschein des Tech-Unternehmens. Es ist eine Art der Selbstlegitimierung, die nur in diesem Sektor vorkommt. 

Wo verorten Sie denn das intellektuelle Fundament des Silicon Valley? 
Die eigentlichen Begründer stammen aus der Gegenkultur der Sechzigerjahre. Ein paar von ihnen hatten sich damals mit LSD ziemlich das Gehirn verbrannt, aber ihre Ideen leben noch heute weiter. Und selbst heutige Größen der Tech-Szene, die mit der Gegenkultur wenig am Hut haben, zehren noch vom Nimbus dieser Jahre, von der Aura der Rebellion und der sanften Revolution.

Adrian Daub Foto: Cynthia Newberry

Jüngere Gründer wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk denken anders?
Sie haben die alten Ideen nur noch per Blütenstaubprinzip mitbekommen. Die Gegenkultur ist für sie bloß disruptive Instanz, nicht als Inhalt wichtig. Nehmen Sie den Kult um die Studienabbrecher. Früher hatte es einen Inhalt, wenn ich mein Studium an einer elitären Hochschule hingeschmissen habe. Es war ein Akt der Rebellion. Dem Begriff des „College Dropout“ haftete mal ein Risiko an, aber das ist mittlerweile komplett verflogen. Heute schmücken sich die Privilegierten, die es immer schon geschafft hätten, mit diesem Label - und reden damit ihr eigenes Privileg klein. 

„Das Valley-Denken ist apokalyptisch“

Warum ist das Valley-Denken so geworden, wie es ist?
Bei der Disruption zum Beispiel steckt dahinter reines Eigeninteresse. Es geht vor allem darum, den Behörden etwas vorzuspielen: Eure Kategorien ziehen hier nicht mehr, das ist etwas ganz Neues, deshalb darf man es nicht überregulieren. Obwohl ähnliche Geschäftsmodelle schon zig mal da waren. Manchmal hilft das Denken aber auch einfach nur dabei, eine gewisse kognitive Dissonanz bei Gründern und auch bei Mitarbeitern abzubauen.

Wo beobachten Sie das?
Nehmen Sie Palantir, ein Unternehmen, dass für Geheimdienste, das Militär und Regierungen Daten analysiert. Wenn ich für die arbeite und plötzlich merke, ich bin doch nicht auf der Seite der Guten, dann hilft es zumindest, mir einzureden, dass ich gerade etwas Revolutionäres tue.

Die Ideen dienen am Ende also vor allem der Selbstdarstellung?
Zum Teil. Aber auch die Presse hat dabei ihren Anteil. Schließlich sprechen wir hier über Unternehmen, die ziemlich wichtig, gleichzeitig aber auch ziemlich uninteressant sind. Wie schreibt man also über diese Branche? „Noch ein Milchbubi aus der weißen Mittelschicht, der programmieren kann, hat eine App gemacht“? Eher nicht. Diejenigen von uns, die daraus ein Narrativ machen, unabhängig ob man warnt oder feiert, neigen eher zum Überdramatisieren. Das macht das Valley-Denken apokalyptisch: Entweder man wird stinkreich oder scheitert. Erfolgreich in der Nische sein, das zählt nicht. 

Teilen denn auch die Angestellten die Ideen der exzentrischen Gründer?
Was die durchschnittliche Belegschaft in einem solchen Unternehmen denkt, ist schwer zu sagen. Da könnte man tolle Erhebungen machen, wenn man die Ressourcen hätte. Aber manchmal merke ich in einzelnen Gesprächen, dass auch den Angestellten die Ideen in Mark und Bein übergehen können. Oft zu ihrem eigenen Nachteil, muss ich dazu sagen. Man könnte den Mythos der innovativen und disruptiven Start-ups nämlich auch anders erzählen: Da sind ein paar Milliardäre, die 24-Jährige, kluge Menschen dazu bringen, sich selbst auszubeuten. Am Ende habe ich die Rückenschmerzen und die das Geld. Das ist nicht Innovation, sondern Ausbeutung. 

Sie sind Professor an der Universität Stanford. Der Großteil ihrer Studenten findet später Arbeit im Valley oder hofft zumindest darauf. Sie scheinen dort immer noch ihre Traumjobs zu vermuten. 
Ich zögere beim Wort Traum, denn ich glaube nicht, dass die nachts vom Google Campus träumen. Es ist der Job, den sie sich vorstellen können, der Weg des geringsten Widerstands. Studierende der University of Southern California träumen davon, in Hollywood zu arbeiten. Wenn Stanford-Absolventen vom Silicon Valley träumen ist das anders, es ist ein realistischer und auch ein fantasieloser Traum. Ein Traum der Eltern. Die Studenten zahlen 250.000 Dollar für ihre Ausbildung, dann verstehe ich schon, dass man im Anschluss dorthin geht, wo es Geld gibt. Und manche wollen vielleicht einfach in der Gegend bleiben. Wenn du 4000 Dollar für ein Apartment in Santa Clara County zahlst, dann kannst du nicht freier Autor sein, da bleibt nur die Tech-Industrie. 

Eigentlich sind Sie Literaturwissenschaftler. Woher kommt überhaupt Ihr Interesse an der Technologiebranche? 
Ich wohne und arbeite seit zwölf Jahren in Stanford, hier liegt das intellektuelle Zentrum der Tech-Industrie. Ich habe viele Freunde und Bekannte, die in der Branche arbeiten, die gerne auch mal in meiner Anwesenheit über ihre Arbeitgeber schimpfen. Wenn man interessiert dabei bleibt, dann addieren sich die Details der Selbstmythologisierung des Valleys mit der Zeit auf. Ich registriere das Geschehen als Zaungast. Die Menschen in der Szene haben dagegen keinerlei Anreiz, ein Gedächtnis zu entwickeln. 


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Warum nicht?
Es ist für alle besser, wenn man alle zwei Jahre so tut, als hätte es eine Idee noch nie gegeben. Das hilft dabei, die Tech-Industrie weiter zu exotisieren, was wiederum die Regulatoren vom Hals hält. Auch bei Finanzierungsrunden kann man das schlechte Gedächtnis beobachten. Da werden ständig Mitgründer oder frühe Mitarbeiter aus Unternehmen gedrängt. Aber niemand tut etwas dagegen, niemand lehnt sich auf. Man erträgt es, weil man ja vielleicht für ein nächstes Unternehmen wieder Geld braucht. Diese negativen Erfahrungen gibt es, aber sie werden nicht geteilt und dadurch auch nicht politisch nutzbar gemacht. Das ganze System ist auf Amnesie ausgelegt. Und ich bin der Elefant, der dabei steht und sich erinnert. 

Mehr zum Thema: Das Hightech-Tal profitiert vom Patt in Washington. Die angedrohte Regulierung der Tech-Branche rückt in weite Ferne.

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