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Silicon Valley „Am Ende habe ich die Rückenschmerzen und die das Geld“

Auf dem Campus der Universität Stanford im Silicon Valley liegt das intellektuelle Zentrum der amerikanischen Technologie-Branche. Quelle: REUTERS

Stanford-Professor Adrian Daub arbeitet seit über einem Jahrzehnt im Silicon Valley. Er erklärt, wie die Großen der Tech-Szene alte Ideen in neue Hoodies stecken – und warum seine Studierenden trotzdem für sie arbeiten wollen.

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Das Interview mit Adrian Daub, Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Stanford, wurde im November 2020 erstmals bei der WirtschaftsWoche veröffentlicht. Daub ergründet in seinem Buch „Was das Valley denken nennt“ die intellektuellen Wurzeln der Menschen, die die Technologie-Branche im Silicon Valley prägen.

Herr Daub, in Ihrem Buch gehen Sie der Ideengeschichte der Technologiebranche im Silicon Valley auf den Grund. Lohnt sich das überhaupt, in einer Industrie, für die doch eigentlich nur der Blick in die Zukunft zählt?
Das Valley sieht sich gerne als einen Ort, dessen Ideen gar keine Geschichte haben, weil sie so neu und innovativ sind. Aber das stimmt nicht. Schon Marx, Engels oder Schumpeter hatten das Konzept der Disruption verstanden. Den allgegenwärtigen Geniekult kann man auf die Philosophie von Ayn Rand zurückführen, die in ihren Mammutromanen Transport- oder Bauunternehmen als Ausdruck der persönlichen Psyche ihrer Chefs positionierte. Das war 1950 noch schrullig, Elon Musk versucht das jetzt in die Realität zu übersetzen: Firmenchef-Sein als Performance-Kunst. Die Esoterik und Spiritualität wiederum, die viele Valley-Größen an den Tag legen, geht zurück auf das humanistische Esalen-Institute, das sich der Erweiterung des menschlichen Bewusstseins verschrieben hat. Und die Umdeutung und Glorifizierung des Scheiterns, die auf sogenannten Fail Conventions stattfindet, hatte Samuel Beckett schon beschrieben. 

Sie schreiben, dass das Valley so mancher alten Idee einfach einen Hoodie überstreift und sie für neu verkauft. 
Ich sehe das als Ausdruck einer gewissen Geschichtsvergessenheit. Die Ideen werden auf eine Pointe reduziert, ihre Historie wird unterschlagen. Sie sollen eine Stimmung vermitteln, ein metaphysisches Pathos, aber sie helfen nicht bei der Analyse. Es sind ornamentale Gedanken, die schmücken, aber sie betreffen nicht den Kern. Für eine Industrie, die derzeit so wichtig ist, ist das unzulänglich. 

Was meinen Sie damit?
Nehmen sie das Konzept der Disruption. Es wird uns suggeriert, dass es grundsätzlich erstrebenswert ist, eine Branche auf den Kopf zu stellen. Für gewisse Menschen mag das auch so sein. Aber bei weitem nicht für alle. Der Zaubertrick, der mich daran fasziniert, ist, dass selbst Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, nicht nach dem Warum fragen. Dabei hat doch der Taxifahrer, der seinen Job verliert, es verdient, dass derjenige, der ihn arbeitslos macht, sich über die Gründe dafür auch ein paar Gedanken gemacht hat. 

Sie sprechen die Fahrdienstleister Uber und Lyft an, die gerne von sich sagen, sie revolutionierten den Transportsektor durch neue Technologien. 
Die verlieren mehr Geld, als jedes Taxiunternehmen je hätte verlieren können. Nur dass es das Geld anderer Menschen ist. Besonders fortschrittlich scheint mir das nicht zu sein. Im Grunde ist es vor allem die Rhetorik der Disruption, die Uber zu einem Tech-Unternehmen macht. Und das ist nur ein Beispiel. Beim Co-Working-Unternehmen WeWork war das ähnlich. Früher sagte man dazu Untervermietung. Seit es Hausbesitzer gibt, gibt es dieses Konzept. Aber durch die Rhetorik bekam auch WeWork den Heiligenschein des Tech-Unternehmens. Es ist eine Art der Selbstlegitimierung, die nur in diesem Sektor vorkommt. 

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    Wo verorten Sie denn das intellektuelle Fundament des Silicon Valley? 
    Die eigentlichen Begründer stammen aus der Gegenkultur der Sechzigerjahre. Ein paar von ihnen hatten sich damals mit LSD ziemlich das Gehirn verbrannt, aber ihre Ideen leben noch heute weiter. Und selbst heutige Größen der Tech-Szene, die mit der Gegenkultur wenig am Hut haben, zehren noch vom Nimbus dieser Jahre, von der Aura der Rebellion und der sanften Revolution.

    Adrian Daub Foto: Cynthia Newberry

    Jüngere Gründer wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk denken anders?
    Sie haben die alten Ideen nur noch per Blütenstaubprinzip mitbekommen. Die Gegenkultur ist für sie bloß disruptive Instanz, nicht als Inhalt wichtig. Nehmen Sie den Kult um die Studienabbrecher. Früher hatte es einen Inhalt, wenn ich mein Studium an einer elitären Hochschule hingeschmissen habe. Es war ein Akt der Rebellion. Dem Begriff des „College Dropout“ haftete mal ein Risiko an, aber das ist mittlerweile komplett verflogen. Heute schmücken sich die Privilegierten, die es immer schon geschafft hätten, mit diesem Label - und reden damit ihr eigenes Privileg klein. 

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