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Spezial Karriere Skandal-Arbeitgeber von einst umwerben Akademiker

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Überholte Vorurteile den Discountern gegenüber

All das sei Schnee von gestern, sagen die Verantwortlichen der deutschen Discounter: „Unser Image hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, bei Bewerbungsgesprächen spielt das Thema nur selten eine Rolle“, heißt es aus der Zentrale des Textil-Billiganbieters Kik. Das Unternehmen sei inzwischen ein „Chancengeber“, stehe wirtschaftlich stabil da und biete Bewerbern ein gutes Betriebsklima, sagt Jörg Oudshoorn, Bereichsleiter Personalentwicklung und Vertriebsinnendienst.

Julia Spannagel, Gruppenleiterin Aus- und Weiterbildung bei Tedi, hält Vorbehalte gegen Discounter für „überholte Vorurteile“, die es abzubauen gelte: „Wir entwickeln zusammen mit den Mitarbeitern Maßnahmen, die die Kultur im Unternehmen positiv beeinflussen.“

Es ist verständlich, dass die Unternehmen die früheren Skandale vergessen möchten. Denn tatsächlich haben sie den Bewerbern was zu bieten. Nicht nur Ausbildungen vom Kaufmann im Einzelhandel bis zur Fachkraft für Lagerlogistik. Auch Hochschulabsolventen, Young Professionals und fachfremde Quereinsteiger haben gute Aufstiegschancen, treffen in der Regel auf flache Hierarchien, können überdurchschnittliche Gehälter und schicke Dienstwagen erwarten. Und damit das bei der Zielgruppe ankommt, haben Aldi, Lidl und Co. nun Charmeoffensiven gestartet. Analog wie digital.

Hauptzentrale von Kik im nordrheinwestfälischen Bönen Quelle: imago images

Den Billigketten ist ihr Imageproblem bewusst. Deshalb hübschen sie die Filialen auf und reißen hässliche Regale heraus. Deshalb nehmen sie Markenware ins Sortiment auf. Deshalb arbeiten sie auf Jobmessen daran, sich als attraktive Arbeitgeber zu positionieren – und produzieren schicke Videos.

Kürzlich drückte das Unternehmen seinen Auszubildenden Kameras in die Hand, damit sie ihren Arbeitstag filmten. Auf dem YouTube-Kanal des Unternehmens lobt nun der 23-jährige Nicolas, ein Teilnehmer des Abiturientenprogramms bei Lidl, das gute Arbeitsklima und interviewt seine Chefin. Carina, eine Auszubildende als Kauffrau im Einzelhandel, zeigt dem Zuschauer ihre „Arbeiterhände“ und einer Kundin das Weinregal. Und Josefina, die angehende Kauffrau für Büromanagement, filmt ihre Geschwister und ihr Büro. Schon kurios: Früher spähte Lidl seine Mitarbeiter heimlich mit Kameras aus, nun machen die freiwillig mit.

Die teilweise noch recht ungelenken Versuche, sich beim Nachwuchs beliebt zu machen, haben einen ernst zu nehmenden Hintergrund: „Wegen ihres Filialsystems sind die Discounter darauf angewiesen, immer neue Fachkräfte zu rekrutieren“, sagt Martin Fassnacht, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf. Die Billigunternehmen wachsen schnell, eröffnen ständig neue und immer größere Filialen, die sie mit genügend Mitarbeitern besetzen müssen. Zugleich sind die besten Angestellten nicht lange in kleineren Filialen zu halten, sondern wechseln oft schon nach wenigen Jahren die Niederlassung. Dadurch entstehen immer wieder Lücken, die die Personaler füllen müssen – was mit einem Imagewandel allein kaum gelingen dürfte.

Und deshalb sind ihre Personaler auch großzügiger als in anderen Branchen. Ein lückenloser Lebenslauf? Der ist ihnen weniger wichtig. Was vor allem zählt, ist Organisationstalent und die Bereitschaft, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen. Auch Textildiscounter Primark wirbt damit, Karrierechancen nicht von der Vita abhängig zu machen: „Wir schauen nicht so sehr auf den Abschluss“, sagt Petra Groth, Head of People & Culture Northern Europe bei Primark.

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