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Stress im Büro „Wenn Sie wissen wollen, wie gestresst jemand ist, schauen Sie auf den Bauch“

Achim Peters ist Hirnforscher, Endokrinologe und Diabetologe. Zudem ist er Leiter der interdisziplinären Forschungsgruppe „Selfish Brain“ an der Universität Lübeck. Quelle: Presse

Wessen Gedanken nach Feierabend andauernd um die Arbeit kreisen, hat ein Problem. Ein Hirnforscher erklärt, wieso Stress eigentlich etwas Gutes ist und warum wir am Bauchumfang ablesen können, wie viel Stress jemand hat.

WirtschaftsWoche: Herr Peters, in unserer Arbeitswelt hat Stress heute fast etwas Heroisches. Wir denken beispielsweise an Manager, die von Termin zu Termin hetzen und die Unternehmensgeschicke lenken oder an Banker, die...

Achim Peters: Da muss ich gleich einhaken. Wer übergeschäftig durch das Unternehmen hetzt, erweckt zwar einen heroischen Eindruck, aber der hat noch keinen echten Stress. Manager und Banker arbeiten sehr viel, aber viel Arbeit allein verursacht noch keinen Stress. Doch wenn sie Geschäftsentscheidungen treffen müssen, in denen es um viel geht, und sie nicht wissen, was richtig ist, dann verspüren sie Unsicherheit. Unsicherheit ist ein Gefühl, ein rein subjektives Erlebnis. Es gibt verschiedene Handlungsoptionen und wir wissen nicht, welche wir wählen sollen, um unser physisches, psychisches oder soziales Wohlbefinden zu sichern. Aus der Unsicherheit, wenn man nur wenig aussichtsreiche Handlungsoptionen hat, resultiert Stress. So ist es häufig im Leben von Leiharbeitern, prekären Arbeitskräften, Arbeitslosen. Managern und Bankern geht es da besser, denn sie wissen häufiger, wie sie vorgehen wollen und kennen oft ihre Optionen sehr gut. Sie verspüren insgesamt weniger Unsicherheit und damit weniger Stress.

Also täuscht auch der Eindruck, dass wir in besonders stressigen Zeiten leben? „Die Krankenkassen verzeichnen seit 15 Jahren eine Zunahme stressbedingter Krankschreibungen“, heißt es beispielsweise im Stressreport der Techniker Krankenkasse.

Nein, diese Daten sind schon valide. In unserer modernen Gesellschaft sind die Grundbedürfnisse für die meisten Menschen zwar weitestgehend abgesichert: Wir haben genug Nahrungsmittel, sind sozial- und krankenversichert und verfügen über ein funktionierendes Infrastrukturnetz. Existenzielle Bedrohungen verspüren wir also nicht. Gleichzeitig steigt das subjektive Gefühl der Unsicherheit. Das spiegelt sich an der Zunahme der sogenannten Zivilisationskrankheiten wider: Depressionen, Burnout, Herzinfarkte, Adipositas, Typ-2-Diabetes mellitus. Das sind alles körperliche Ausdrücke von Unsicherheit.

Laut einem Bericht, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) Ende vergangenen Jahres veröffentlichte, fielen 2007 48 Millionen Krankheitstage wegen psychischer Leiden an, 2017 waren es mit 107 Millionen mehr als doppelt so viele. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Das ist vor allem ein Ausdruck der zunehmenden sozialen Ungleichheit. Die ist ein Hauptfaktor für Unsicherheit. Das Problem ist, dass heute bis in weite Teile der Mittelschicht hinein eine Unsicherheit herrscht, die früher nur in den untersten Schichten aufzufinden war.

Achim Peters ist Hirnforscher, Endokrinologe und Diabetologe Quelle: Presse

Die Autoren schätzen, dass damit Produktionsausfälle im Wert von 12,2 Milliarden Euro einhergehen. Wie lässt sich der Arbeitsalltag gestalten, damit er weniger Unsicherheit schafft und damit weniger Stresserkrankungen?

Eine soziale Personalpolitik würde helfen. Unbefristete Verträge geben Sicherheit, die Kernarbeitszeiten sollten eingehalten werden, damit Arbeitnehmer in Bezug auf ihre Freizeit mit der Familie Planungssicherheit haben.

Das sind eher strukturelle Aspekte, die der einzelne Vorgesetzte oft gar nicht in der Hand hat. Was kann denn ein einfacher Teamleiter tun?

Ein Teamleiter kann seinen Mitarbeitern Raum für Kreativität bei der Lösung einzelner Aufgaben lassen. Das schafft Autonomie und reduziert die Unsicherheit. Aber noch wichtiger ist Wertschätzung auszudrücken für den Aufwand, den einzelne Mitarbeiter erbringen. Das muss sich gar nicht gleich im Gehalt widerspiegeln. Sagen Sie als Vorgesetzter: „Ich bin zufrieden mit Ihrer Arbeit.“ Das ist ein einfacher Satz, der geht runter wie Butter. Wenn diese Wertschätzung chronisch ausbleibt, dann führt das zu Burn-Out und Depressionen. Es gibt ja entsprechende Managementratgeber, wonach es leistungssteigernd seien soll, Mitarbeitern ständig das Gefühl zu geben, ihre Arbeit sei noch nicht gut genug. Das ist tödlich.

Was passiert denn genau in unserem Hirn, wenn wir Stress erleben?

Hinter unserer Stirn findet sich ein Hirnareal, das misst Unsicherheit, der vordere cinguläre Cortex. Nehmen wir die Frage, ob ich meinen Job kündigen oder im Unternehmen bleiben soll. Wenn unter beiden Optionen keine als eindeutig bessere zu erkennen ist, sind wir verunsichert. Der vordere cinguläre Cortex startet dann ein Unsicherheitsbeseitigungsprogramm. Im Mittelpunkt dieses Programms steht die Amygdala, die ist sozusagen unser Stresszentrum, das bei Unsicherheit aktiviert wird. Die Amygdala macht drei Sachen: Zuerst setzt sie Stresshormone frei, vor allem Adrenalin. Flutet das Adrenalin unser Hirn, werden wir überwach und verarbeiten mehr Informationen pro Sekunde. Unser Gehirn wird also in einen Turbomodus versetzt, um die Unsicherheit möglichst rasch zu beseitigen. Dabei verbraucht unser Gehirn allerdings sehr viel Energie, weswegen die Amygdala in einem zweiten Schritt Energie aus dem Körper in Form von Glucose bereitstellt. Als drittes wird dann Cortisol freigesetzt, das durch den Körper zurück ins Gehirn strömt. Cortisol entscheidet letztlich, was wir lernen. Wenn wir eine gute Strategie gewählt haben, fühlen wir uns besser und der Cortisolspiegel geht runter. Wir schlafen gut und unser Gehirn speichert die Strategie im Tiefschlaf ab. Lösen wir die Unsicherheit nicht, bleibt der Cortisolspiegel hoch und unser Gehirn löscht die Strategie. Stress ist also eigentlich etwas Gutes, zumindest kurzfristiger Stress. Ohne Stress wären wir gar nicht überlebensfähig. Er fühlt sich nur sehr unangenehm an.

Auf lange Frist verfliegt also der positive Effekt.

Wenn sich das Unsicherheitsgefühl über Jahre nicht auflöst, sprechen wir von toxischem Stress. Stress wird zum Dauerzustand, unser Gehirn hat dauerhaft einen hohen Energieverbrauch. Und wo nimmt es die Energie her?

Aus dem Körper?

Genau. Menschen, die unter toxischen Stress leiden, werden immer dünner an den Armen, den Beinen, dem Po. Das Einzige, was zunimmt, ist ihr Bauchumfang. Das liegt am inneren Bauchfett, das quasi ein externalisiertes Energiedepot für das Gehirn ist. Wenn Sie wissen wollen, wie gestresst Ihre Kollegen sind, schauen Sie ihnen auf den Bauch. Wenn der dick ist, hat jemand viele Jahre Stress hinter sich.

Wann wird Stress zum Dauerzustand?

Das ist typabhängig. Meiner Erfahrung nach führen rund 20 Prozent der Menschen ein gutes Leben, trotz zahlreicher äußerer Risiken. Die schaffen es, die auftretenden Unsicherheit immer wieder aufzulösen. Sie fahren kurz ihren Stresspegel hoch, lösen die Unsicherheit und schlafen nachts wie ein Held. 40 Prozent erleben toxischen Stress, wie ich ihn gerade beschrieben habe: Die reiben sich auf, werden krank und sterben früh. Weitere 40 Prozent gewöhnen sich an den Dauerstress. Wenn der Chef ihnen einen Stapel Akten auf den Tisch haut, der unmöglich bis morgen durchzuarbeiten ist, reagieren die gar nicht mehr. Die wissen, dass sie das überleben können. Bei ihnen steigt weder der Blutdruck an, noch rührt sich die Amygdala. Sie halten einfach still, bis der Sturm vorbeizieht. Das gilt natürlich nur in der konkreten Situation, an die sie sich gewöhnt haben. Habituation nennen wir das.

Acht Tipps, um das Herz zu schützen

Das klingt beinahe beneidenswert.

Das ist ein toller Schutz gegen Stress und Unsicherheit. Diese Menschen erleiden keine stressbedingten Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Allerdings hat das Ganze einen Haken: Die Gewöhnung verändert den Energiestoffwechsel und die Menschen werden dick. Sie nehmen am ganzen Körper zu. Eine Ausnahme ist der Bauch: Weil bei ihnen aber das Cortisol nicht mehr ansteigt, bleibt die Taille erhalten. Diese Menschen überleben einen schlimmen Job, indem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes ein dickes Fell zulegen.

So richtig angenehm klingt das nicht, wenn man nicht gerade zu den glücklichen 20 Prozent zählt. Was raten sie den anderen 80 Prozent? Wie können sie besser mit dem Stress umgehen lernen?

Wenn jemand in seinem Job Stress als Dauerzustand erlebt, kann ich jedem nur raten: raus aus dem Haifischbecken.

Nun kann ja nicht jeder, der einen unangenehmen Job hat, kündigen.

Nein, in der Tat nicht. Wer das nicht kann, muss mit toxischem Stress leben und stirbt früher.

Was ist mit Yoga oder Meditieren?

Letztlich müssen wir das Problem an der Wurzel packen. Wer Yoga macht oder meditiert, der schafft Voraussetzungen dafür, weil er sich die Zeit nimmt, über das Problem zu sinnieren und eine gute Entscheidung zu treffen. Yoga und Meditation sind also nicht verkehrt, aber alleine reichen sie nicht, um Dauerstress zu entkommen.

Sucht man im Internet nach Stress, finden sich allerlei Produkte, die helfen sollen, unser Stresslevel zu reduzieren: Anti-Stress-Würfel, -Puppen, -Pulver.

Das ist alles Scharlatanerie. Was hilft, das Stresslevel zu reduzieren, sind zentraldämpfende Substanzen, die manchmal Mediziner verschreiben oder die Menschen sich selbst beschaffen. Wenn der Arzt Ihnen so etwas verschreibt, handelt es sich in der Regel um Antidepressiva, Schlafmittel oder Benzodiazepine, also Angstlöser. Das Mittel der Wahl für die Selbstmedikation sind Alkohol und Cannabis, aber auch immer häufiger Opioide. All das beruhigt und fährt unser Stresszentrum, die Amygdala, runter. Wir schlafen besser, sind aber im Grunde auch ausgeschaltet. Unser Unsicherheitsbeseitigungsprogramm ist lahmgelegt. Wir vegetieren nur noch vor uns hin und halten alles aus. Unsere Angst, unser Stress sind ja eigentlich Motoren, die uns dazu animieren, etwas an unserer Situation zu ändern. Ohne das werden wir passiv und harren nur noch aus. Wir finden keine Lösung.

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