
Der Chef ist unfair, die Kollegen unfähig und die Arbeitsbelastung ist viel zu hoch - man kann gar nicht genug klagen, so schlimm ist es. Oder umgekehrt: Der Job ist öde, die Kollegen langweilig, das Gehirn läuft auf Autopilot, so wenig fordernd ist der Alltag. Beide Situation haben zwei Dinge gemeinsam: Sie machen krank - und die Betroffenen könnten sie ändern.
Neben den körperlichen Grundbedürfnissen wie essen, trinken und schlafen hat der Mensch auch seelische Grundbedürfnisse, wie die Wirtschaftsjuristin und Personalberaterin Nadja Zohm sagt. Jeder strebe nach Lustgewinn und Glück, jeder wolle selbstbestimmt und sicher sein, jeder wolle etwas Sinnstiftendes tun, der Selbstwert verlange nach Wertschätzung und weil der Mensch ein soziales Wesen mit Bindungen zur Gruppe ist, will er dazugehören und nicht ausgeschlossen sein.
Dauerstress macht krank
"Es gibt viele Situationen im Beruf wie im Privaten, in denen diese Bedürfnisse leiden", sagt Zohm. Das sei völlig in Ordnung: Mal ist die Arbeit wenig sinnstiftend, die Kollegen gehen lieber alleine essen, die Leistung wird nicht ausreichend gewürdigt. Alles gar kein Drama. So lange es nicht zur Regel wird. "Wenn ich jeden Tag um meinen Job bangen muss, macht mich das krank", so Zohm.
Gleiches gilt, wenn man jeden Tag vor Arbeitsantritt das Gehirn an der Garderobe abgeben kann, nie gewertschätzt und immer ausgegrenzt wird. "Das extremste Beispiel hierfür ist Mobbing", sagt Zohm. Die Folgen von Mobbing auf die Psyche sind mittlerweile ausreichend erläutert. Ein fieser Witz auf Kosten des Kollegen mag durchgehen, hat sich die ganze Abteilung auf den Bedauernswerten eingeschossen, war es das mit der psychischen Gesundheit.
So hoch empfinden die Deutschen die Stressbelastung bei der Arbeit
Auf einer Skala von 1 bis 10 stuften die Deutschen ihr Stresslevel bei der Arbeit bei 6,6 ein. In den Vorjahren war der Wert mit 6,3 beziehungsweise 6,4 etwas geringer.
Quelle: Edenred-Ipsos-Barometer 2015, "Wohlbefinden & Motivation der Arbeitnehmer"
Bei Führungskräften liegt das gefühlte Stresslevel mit 6,9 etwas über dem Durchschnitt
In der Einzelbetrachtung ohne Führungskräfte gaben nur die Angestellten einen Wert von 6,5 an.
Was das Stressempfinden anbelangt, haben die jeweiligen Generationen gleich viel Stress. Bei den unter 35-Jährigen und in der Altersgruppe der 45- bis 54-Jährigen beträgt der Wert 6,5. Die über 54-Jährigen sowie die Altersgruppe von 35 bis 44 sind mit einem Wert von 6,6 nur wesentlich stärker gestresst.
Die Mehrheit derer, die mit ihrer Situation dauerhaft unzufrieden sind, tun jedoch nichts dagegen, sondern leiden stumm an Langeweile oder Dauerstress. "Wer aktiv etwas unternimmt, ist immer besser dran, als der, der es stumm erträgt", so Zohm. Sie erlebe häufig, dass Klienten vor lauter Jammern und Schimpfen auf die blöde Firma und den blöden Chef nichts Positives mehr wahrnehmen. "Denen muss ich dann sagen: Aber das blöde Geld von der blöden Firma nimmst du doch auch. Warum gehst du nicht woanders hin, wenn es dort so unerträglich ist?"
Ein psychologischer Grundsatz besagt, man könne eine Situation ertragen, ändern oder verlassen. Ertragen sei oft das Bequemste, nur glücklich macht es eben auf die Dauer nicht. Natürlich empfindet jeder Stress anders, positiver Stress kann sogar produktiv sein. Und während der eine schon zusammenklappt, läuft der andere gerade zu Hochleistungen auf. Aber irgendwann ist bei jedem die Grenze dessen, was er ertragen kann, erreicht.
So unterschiedlich reagieren wir auf Stress
Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.
(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)
Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.
Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.
Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.
Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.
Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.
Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.
Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.
Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.
Doch was, wenn man die Situation nicht verlassen kann? Wenn es nicht so einfach ist, einen neuen Job zu finden, vielleicht noch einmal woanders neu anzufangen? Fällt die Komponente "Verlassen'" also weg, rät Zohm zum Verändern. "Die Betroffenen sollen nicht da bleiben und jammern, sondern überprüfen, wo sie etwas verändern können." Dabei müsse man, auch wenn es weh tut, eine gewisse Ehrlichkeit mit sich selbst an den Tag legen und sich zunächst fragen, ob man die Situation schwärzer malt, als sie ist, wie Zohm sagt. "Meistens ist es nur grau, nicht tiefschwarz."
Kleinigkeiten können viel ausmachen
Ein kleines bisschen Opfer stecke in jedem von uns, was auch völlig in Ordnung sei. Man darf auch mal auf den unfairen Boss, den unverschämten Kunden oder den unzuverlässigen Lieferanten schimpfen und sich selbst bemitleiden, weil alle anderen unfähig sind. Es darf nur eben nicht zur Grundhaltung werden.
Gibt es tatsächliche Missstände, solle man sich klar machen, dass man nicht alleine darunter leidet und versuchen, im Team etwas daran zu ändern. Wenn das auch nicht möglich ist und ein Jobwechsel nicht in Frage kommt, solle man versuchen, die Arbeitszeit zu reduzieren, so Zohm. Schon Kleinigkeiten wie eine vier-Tage-Woche könnten vieles verbessern, weil die Woche dann einen Tag mehr selbstbestimmte Zeit enthält. Hauptsache, die Situation verändert sich. "Die Menschen wollen immer, dass alles ganz leicht ist, dass es eine Pille oder einen Knopf gibt, aber das gibt es nicht."