Stress-Tool vom Bund Staatliche Stresstherapie für Berufstätige

Das Bundesarbeitsministerium hat ein Tool herausgebracht, mit dem Beschäftigte herausfinden können, wie gestresst sie sind und woran das liegt. Klingt super, aber die Anwendung leistet kaum, was sie verspricht.

Stress am Arbeitsplatz kann zu psychischen Erkankungen führen. Quelle: dpa

Sind Sie am Arbeitsplatz oft gestresst? Und wissen Sie, welche Stressfaktoren sie vermeiden sollten? Falls Sie die erste Frage bejahen, die zweite jedoch verneinen müssen, können Sie auf die Hilfe der Bundesregierung zurückgreifen. Die Initiative "Neue Qualität der Arbeit" des Bundesministeriums für Soziales und Arbeit hat jetzt ein eLearning-Tool veröffentlicht. Gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin der RWTH Aachen hat sie das Programm "Gesund arbeiten" entwickelt.

Das Tool soll Beschäftigte dabei anleiten, die individuellen Be- und Entlastungsfaktoren zu analysieren. Laut dem aktuellen Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung stoßen 18 Prozent der befragten Personen oft an ihre Leistungsgrenzen, 23 Prozent machen nicht einmal Pausen. Jeder Achte kommt sogar krank zur Arbeit. Da klingt das neue eLearning-Tool erst einmal vielversprechend. Aber bietet es dem Nutzer einen Mehrwert?

Das neue eLearning-Tool soll Beschäftigten nicht nur eine Auswertung über die eigene psychische Gesundheit am Arbeitsplatz ermöglichen, sondern auch gleich hilfreiche Tipps geben. Konkret heißt das laut Herausgeber:

  • Der Beschäftigte kennt den Zusammenhang zwischen Stress und psychischen Erkrankungen und erfährt, wie er seine eigene Gesundheit fördern kann
  • Der Beschäftigte kennt seine Ressourcen, die ihn im Umgang mit Belastungen stärken
  • Der Beschäftige erfährt, welche Stressoren es im Arbeitsleben gibt und wie er sie reduzieren kann
  • Der Beschäftige erkennt Überlastungssignale und kennt Beratungsangebote

eLearning-Tool gegen Stress

Aber leistet das neue Tool auch, was es verspricht?

Vor dem Start des Tools gibt es einen dezenten Hinweis auf die Bearbeitungszeit: 45 Minuten. Also fällt die Bearbeitung am Arbeitsplatz schon einmal flach – auch wenn es eine Speicherfunktion gibt.

Schon nach wenigen Klicks wird klar: Bei "Gesund arbeiten" handelt es sich vor allem um eine erklärende Anwendung. So erfährt der Nutzer bereits am Anfang, wie die Wechselbeziehung zwischen guter Arbeit und psychischer Gesundheit aufgebaut ist und wie wichtige Begriffe aus diesem Themenbereich überhaupt definiert werden – und dabei haben viele Nutzer sicherlich das eine oder andere Aha-Erlebnis.

Diese Berufe machen krank
Ein Dozent der juristischen Fakultät begrüßt im Auditorium Maximum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Erstsemester-Studenten Quelle: dpa/dpaweb
Ein Platzwart des FC St. Pauli bereitet den Rasen im Millerntor Stadion in Hamburg für das erste Heimspiel vor. Quelle: dpa
In der Papierfabrik der W. Hamburger AG überwacht ein Mitarbeiter das Abwickeln einer riesigen Papierrolle. Quelle: dpa
Eine Mitarbeiterin geht auf der Messe "CallCenter World 2009" vor einer Abbildung von drei in einem Callcenter arbeitende Figuren vorbei Quelle: dapd
In der Peene Stahl GmbH wird an einer Plasma-Autogen-Brenn-Schneidanlage gearbeitet. Quelle: ZB
Mulin Lin (l), Pflegeassistentin aus China, misst den Blutdruck der Rentnerin Margot Krüger im Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Quelle: dpa
Ein CNC-Fräser prüft eine Aluminiumbaugruppe Quelle: dpa

Bei "Belastung" handelt es sich zum Beispiel um einen neutralen Begriff – erst wenn er negativ besetzt ist, spricht man von sogenannten Stressoren. Auch erfährt der Nutzer, dass Stress grundsätzlich nichts Schlechtes ist. Nur dann, wenn er über einen längeren Zeitraum anhält, ist er schädlich. Ob der Nutzer alle Definitionen kennen muss, um seine Situation zu analysieren, sei dahingestellt. Die Definitionen sind zwar sehr interessant, aber die Ankündigung verspricht dem Nutzer, dass er mehr über sich selbst erfährt anstatt Allgemeines. Erst nachdem man ein Viertel des Tools bearbeitet hat, kommen die ersten ausführlichen Fragen zur Person selbst.

Was bei der Arbeit stresst

Interessant ist vor allem der Teil zur persönlichen Widerstandsfähigkeit, der sogenannten Resilienz. Dort wird der Nutzer zum Beispiel gefragt, ob er sich selbst mag oder ob er es akzeptieren kann, wenn ihn nicht alle Leute mögen. Bei der anschließenden Auswertung klären eine Zahl und ein kurzer Text über seine Resilienz auf. Nach der Auswertung fragt das System sogar, ob man seine Antworten nicht noch einmal überdenken will – ein Anreiz für den einen oder anderen, seine Ergebnisse vielleicht noch zu beschönigen.

In dem Kapitel, in dem es um das Thema Stress geht, können die Nutzer sich zusätzlich zur Analyse einen Selbstbeobachtungsbogen herunterladen. Über einen Zeitraum von zwei Wochen sollen sie im Zwei-Stunden-Takt dokumentieren, wie hoch der Stressfaktor ist und welche Symptome auftreten. Dabei könnte das Ausfüllen des Bogens in einer stressigen Situation zusätzlich zum Stressfaktor werden.

Das Tool besagt, dass Stressoren nicht negativ zu bewerten sind, solange sie durch Ressourcen ausgeglichen werden. Eine Bilanz soll dem Angestellten einen Überblick über die Relation verschaffen. Auf einer Zahlenskala gibt der Nutzer zum Beispiel vorab an, wie sehr Arbeitsinhalte und soziale Aspekte ihn beanspruchen und wie häufig er mit diesen Stressoren konfrontiert wird. Das Enttäuschende in der Bilanz: Die Ergebnisse werden lediglich in einem Balkendiagramm mit den jeweiligen Zahlen dargestellt und den Ergebnissen zu den Ressourcen gegenübergestellt. Die Schlüsse daraus muss der Nutzer aber selbst ziehen. Anhand der Bilanzauswertungstipps muss er selbst entscheiden, welche Strategie für ihn die Beste ist.

In Arbeit
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Einen echten Mehrwert bietet hingegen das Kapitel zu den Überlastungssignalen. Das Tool liefert ein konkretes Ergebnis: Anhand einer Zahlenskala erfährt der Nutzer, wie überlastet er ist. Zusätzlich gibt die Anwendung einen Überblick über inner- und außerbetriebliche Beratungsstellen – inklusive eines Bogens, in den der Nutzer die örtlichen Anlaufstellen eintragen kann.

Das Fazit

Es lohnt sich auf jeden Fall, das Tool auszuprobieren, zumal es ein kostenloses Angebot ist. Voraussetzung wie bei ähnlichen Selbsttests: Man muss ehrlich zu sich selbst sein.

Wichtig ist vor allem, dass man Ruhe und Zeit für das Tool hat. Denn um zu verstehen, wie gewisse Themenblöcke zu bewerten sind, muss man sich erst durch einige Definitionen arbeiten. Ist das geschafft, hat man schon ein Viertel des Tools durchgeklickt. Für gestresste Angestellte kann das Tool sicherlich ein großer Mehrwert sein – vorausgesetzt, er hat die Zeit dazu, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.

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