Studie Volkskrankheiten kosten Unternehmen Milliarden

Chronische Krankheiten bedeuten enorme Produktivitätsverluste für die deutsche Wirtschaft. Die Bertelsmann-Stiftung und Booz & Co. fordern eine "konzertierte Aktion von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft".

Der Masseur James Kilcoyne behandelt den Händler Daniel McDonald im Büro der Firma Adams, Harkness & Hill, Inc. in Boston. 17 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland leiden unter Rückenschmerzen. Quelle: AP

Durch Depressionen, Asthma, Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Rheuma entstehen Unternehmen immense Kosten. Die deutsche Volkswirtschaft könnte 2012 bis zu 20 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaften, wenn chronisch kranke Arbeitnehmer bei der Bewältigung und Behandlung ihrer Krankheiten besser unterstützt würden. Das behauptet zumindest die Bertelsmann Stiftung und die Strategieberatung Booz & Company auf der Basis einer Meta-Studie. Krankheitsbedingte Ausfälle ließen sich um bis zu 27 Prozent durch Programme in den Betrieben senken, die Betroffene entlasten.

Wovon die Deutschen krank werden
Schlechte Nachrichten: Laut dem neusten Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse fehlen die deutschen Erwerbstätigen immer häufiger im Job. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Fehlzeiten bei den TK-Versicherten insgesamt um gut vier Prozent gestiegen. Jeder Beschäftigte war damit statistisch gesehen einen halben Tag mehr krankgeschrieben als 2010. Damit sind die Fehlzeiten seit 2006 insgesamt um über 20 Prozent gestiegen. Hauptursache ist laut Bericht die mobile Kommunikation. Durch das ständige „erreichbar sein“ könnten viele Werktätige nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden und lebten quasi auf „stand-by“ - mit teilweise schwerwiegenden Folgen. Wer besonders stark betroffen ist.
Der TK-Gesundheitsreport analysiert jährlich die Krankschreibungen und Arzneimitteldaten von 3,7 Millionen Erwerbstätigen. Insgesamt wurden dazu 403 Millionen Fehltage aus den Jahren 2000 bis 2011 ausgewertet. Auch die Bundespsychotherapeutenkammer hat auf die Zunahme der Fehlzeiten im Job wegen Burnout-Diagnosen hingewiesen. Demnach ist die Zahl der Fehltage seit dem Jahr 2004 um fast 1.400 Prozent gestiegen. Die TK forderte deshalb Maßnahmen zur gesünderen Arbeitsgestaltung. Dazu gehöre, die moderne Kommunikation so zu nutzen, dass sie die Gesundheit der Beschäftigten nicht nur belaste, sondern Arbeit auch gesünder gestalte, etwa durch Home-Office-Angebote, Telefon- und Videokonferenzen. Quelle: dpa
Steigend sind besonders die Fälle von psychischen Krankheiten. Demnach sind die psychisch bedingten Fehlzeiten seit 2006 um 61 Prozent gestiegen. Besonders Frauen sind den Angaben zufolge davon betroffen, was laut TK daran liegen dürfte, dass sie öfter in Dienstleistungsberufen tätig sind. Quelle: dpa
Krankheitsrisiko: Umzug. Arbeitnehmer, die zwischen 2009 und 2011 aus beruflichen Gründen in einen anderen Kreis zogen, waren 2011 mit 4,01 Fehltagen fast doppelt so lange wegen psychischer Störungen krankgeschrieben wie Menschen, die im Heimatkreis arbeiteten (2,11 Tage). Wer den Job häufiger wechselt, ist der Studie zufolge ebenfalls öfter von seelischen Störungen betroffen: Ab drei Wechseln erhöhte sich das Risiko für psychische Erkrankungen etwa auf das Doppelte. Quelle: dpa
Krankheitsrisiko: Pendeln. Im Vergleich zu Berufstätigen, die nah am Wohnort arbeiteten (1,92 Fehltage), waren Pendler (2,18 Fehltage) aufgrund psychischer Störungen 0,26 Tage länger krankgeschrieben. „Mobilität und Flexibilität gehen auf die Nerven“, erklärte eine TK-Sprecherin bei der Vorstellung des Berichts. Quelle: dpa
Indikator: Bildung. Erwerbstätige ohne Berufsausbildung haben mit durchschnittlich 19,7 Tagen deutlich mehr Fehltage als Studierte (5,7). Quelle: dpa
Am gesundheitschädlichsten: das Baugewerbe. Laut dem Report sind Erwerbstätige in Bau- und Holzberufen mit durchschnittlich 19,5 Tagen am häufigsten krankgemeldet. Grund ist, dass die Gefahr eines Arbeitsunfalls in diesen Berufen deutlich höher ist als etwa bei klassischen Büro-Jobs. Gleiches gilt auch für Berufe im Agrar- und Verkehrsbereich. Quelle: dpa
Frauen sind häufiger krankgeschrieben als ihre männlichen Kollegen. 2011 meldeten sich im Schnitt 50,5 Prozent der weiblichen Arbeitnehmer mindestens ein Mal krank. Bei den Männern waren es nur 44,2 Prozent. Quelle: dpa
Auch bei Verschreibungen liegen die Frauen vorne, wie der Arzneimittelreport der Barmer GEK zeigt. Demnach entfielen auf 100 Frauen im vergangenen Jahr durchschnittlich 937 Verordnungen. Dieser Wert liegt 22,3 Prozent über dem der Männer, die 763 Mal ein Medikament verschrieben bekamen. Besonders auffällig ist der Unterschied bei Psychopharmaka. Weibliche Patienten erhalten laut Report zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer. Männer bekommen dafür öfter Herz-Kreislauf-Mittel. Quelle: dpa

Entscheidend sei die "Therapietreue", so die Studienautoren, also die "praktische und stringente Anwendung aller medizinischen Maßnahmen, die Arzt und Patient als notwendig vereinbart haben. Die Studienmacher fordern daher nicht weniger als "eine konzertierte Aktion von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft" zur Verbesserung der Therapietreue und -wirksamkeit. Das werde "nicht nur die Genesungschancen chronisch Kranker, sondern auch die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland" verbessern.

Pausen und Arbeitsabläufe umorganisieren

Zur Therapietreue gehört zum Beispiel, dass ein Patient eine Diät einhält, Sport treibt, Medikamente termingerecht einnimmt, auf Veränderungen der Krankheitssymptome Symptome achtet. Therapietreue, so die Studie, senke nicht nur die Gesundheitskosten, die mit Komplikationen und dem Fortschreiten der Erkrankung verbunden sind, sondern erhöhe letztendlich die Arbeitsproduktivität. Unternehmen sollten also ein großes Interesse daran haben, die Therapietreue ihrer kranken Mitarbeiter zu unterstützen. Als Problem identifiziert die Studie, "dass Berufswelt einerseits und therapeutischer Kontext andererseits in keinerlei Zusammenhang stehen“, so Peter Behner, Partner und Healthcare-Experte von Booz & Company.

Damit sich das ändert, schlagen die Autoren Unternehmen eine Reihe von Maßnahmen vor. Zum Beispiel könnten Pausen und Arbeitsabläufe so organisiert werden, dass eine Physio-Therapie auch während der Arbeitszeit möglich wird. Gerade bei chronischen Leiden seien für die Patienten nicht nur die richtige Medikamente wichtig, sondern auch die Anpassung der alltäglichen Lebensgewohnheiten. Die Autoren raten deshalb, dass nicht nur die Krankenversicherungen, sondern auch die Arbeitgeber die Therapien begleiten sollten.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Die Bewahrung der Gesundheit und damit der Arbeitsfähigkeit der Belegschaft wird für Unternehmen immer wichtiger werden. Dafür sorgt die demographische Entwicklung. Mit dem Durchschnittsalter der Beschäftigten wird auch die Lebensarbeitszeit langfristig steigen. Chronische Krankheiten, die meist auch altersbedingt sind, werden damit ebenso zunehmen. Produktivitätsverbesserungen durch die Unterstützung von Therapien wären "insbesondere in jenen Wirtschaftszweigen und -regionen angezeigt, wo der demographische Wandel in den nächsten zehn Jahren unabwendbar zu einem Mangel an Fach- und Arbeitskräften führen wird", heißt es in der Studie.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%