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Technische Lücken und alte Kultur Warum Japan beim Homeoffice selbst von Deutschland lernen kann

Warum Japan beim Homeoffice selbst von Deutschland lernen kann Quelle: imago images

Dass viele deutsche Arbeitgeber ein Problem damit haben, ihre Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken, ist nicht neu. Corona hat viele Dämme gebrochen. In Japan sieht das anders aus. Dort hapert's selbst in Corona-Zeiten.

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Als Japan Anfang April den Corona-Notstand ausrief, erlebten Elektronikfachmärkte einen Run. Im Kampf gegen den Covid-19-Erreger appellierte die Regierung an die Japaner, möglichst Zuhause zu arbeiten – aber ausgerechnet in einem Land mit dem Image ultramoderner Technologie hapert es häufig an der technischen Ausstattung fürs Homeoffice.

Nur 18 Prozent der Japaner schafften es einer jüngsten Umfrage des britischen Marktforschungsinstituts YouGov zufolge, den Weg zur Arbeit oder zur Schule zu vermeiden. Gleichzeitig fürchteten mit 80 Prozent relativ viele, sich mit dem Coronavirus anzustecken. In Indien dagegen mussten fast 70 Prozent der Befragten nicht pendeln, in den USA etwa 30 Prozent. In Deutschland arbeitet etwa jeder fünfte Erwerbstätige (22 Prozent) derzeit im Homeoffice oder in Telearbeit. Für fast die Hälfte der deutschen Homeoffice-Arbeiter ist das sogar verpflichtend.

Neben den technischen Lücken im Homeoffice steht in Japan dem Arbeiten von zu Hause auch im Weg, dass viele Arbeitnehmer keine konkreten Jobprofile haben, wie die Präsidentin des Unternehmens Telework Management, Yuri Tazawa, erklärt. Viele Beschäftigte hätten keine klar definierten Aufgaben, sondern arbeiteten in Teams - und die Arbeitgeber erwarteten, dass sie in ständiger Kommunikation miteinander stünden. „Jetzt aber geht es um Leben und Tod für die Beschäftigten und ihre Familien“, sagt Tazawa. Sie bietet daher nun Online-Crashkurse zur Heimarbeit an. In einer Art „Cloud Office“, wie sie es nennt. Dazu reichten auch Handys, wenn kein Computer zur Verfügung stehe. Für die ständige Kommunikation schlägt sie eine Dauerverbindung über Zoom vor, allerdings nur per Ton, nicht per Video wie bei regulären Zoom-Konferenzen. Damit hätten Leute, die sich sonst ein Büro teilten, zumindest etwas den Eindruck, mit anderen im gleichen Raum zu sein.

Einige der großen Konzerne wie Toyota und Sony haben der Arbeit von Zuhause zwar bereits den Weg geebnet. Viele mittlere und kleine Unternehmen aber straucheln, und sie machen rund 70 Prozent der Wirtschaft aus.

Technische Hürden treffen dabei mit einer Unternehmenskultur zusammen, die oft noch auf althergebrachte Kommunikation und Arbeitsschritte setzt. Viele Büros verlassen sich lieber aufs Fax als auf E-Mails, so manche bestehen bei wichtigen Anfragen und Informationen sogar auf den Weg per Fax. Auch die japanischen Haushalte sind relativ gut mit Faxgeräten ausgestattet.

Im Gegenzug fehlt oft eine schnelle Internetverbindung. Große Übung in flexiblen Homeoffice-Lösungen hat Japan daher nicht. Auch die Offenheit dafür ist oft noch gering. „Telearbeit bedeutet, dass Manager vertrauen und ihren Angestellten mehr Entscheidungen überlassen müssen, weil es zu lange dauert, sich per Mail oder Skype mit dem Chef abzustimmen“, sagt Nicholas Benes, Chef des Führungskräfte-Ausbildungsinstituts BDTI. Viele Firmen verließen sich weiter lieber auf die Nuancen in der direkten Kommunikation, sie wollten „die Luft riechen“ oder „die Luft lesen“, erklärt Benes mit Blick auf dafür genutzte Redewendungen.

Er warte noch darauf, dass er vielleicht demnächst ein Online-Coaching erhalte, sagt der Büroarbeiter Futoshi Takami. Bis Mitte April habe er noch ins Büro kommen müssen. Jetzt könne er zwar von zu Hause arbeiten, aber wisse nicht so recht, was eigentlich von ihm erwartet werde. Takami ist ins Grübeln gekommen: Er fragt sich, ob nicht manche Unternehmen ihre Regeln über das menschliche Leben setzen. „Ich werde jetzt die Zeit nutzen, darüber nachzudenken, was ich wirklich mit meinem Leben machen will“, sagt er.

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