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Überstunden Stress ist Ansichtssache

Menschen arbeiten in erleuchteten Bürogebäuden Quelle: dpa

Japan hat kürzlich ein Gesetz gegen Überstunden erlassen. Dabei ist unter Forschern umstritten, wie schädlich Mehrarbeit wirklich ist.

Manchmal bewegt sich die Politik von selbst, manchmal muss zuerst etwas Dramatisches passieren. Zum Beispiel in Japan. Im vergangenen Jahr wurde der Fall der Reporterin Miwa Sado bekannt, die bereits im Juli 2013 tot in ihrem Bett gefunden worden war. Vier Jahre später räumte ihr Sender NHK ein, dass ihr Tod auf Überarbeitung zurückzuführen sei. Die 31-Jährige hatte zuvor in einem Monat 159 Überstunden gemacht.

Ein tragischer Fall, sicher. Doch immerhin trug er dazu bei, die Arbeit von Ministerpräsident Shinzo Abe zu beschleunigen. Auch wegen der öffentlichen Debatte um Sados Tod verabschiedete das Parlament in Tokio Ende Juni eine Arbeitsmarktreform. Die Zahl der Überstunden wird nun per Gesetz auf 100 im Monat und 720 im Jahr begrenzt.

Was für deutsche Arbeitnehmer völlig undenkbar, kommt in Japan einer Revolution gleich. Denn in Sachen Arbeitsmoral ist das Land eher speziell, vorsichtig formuliert. Japan schaffte nach dem Zweiten Weltkrieg einen beispielhaften ökonomischen Wiederaufstieg, die Bindung und Treue zum eigenen Betrieb ist legendär, das ständige Streben nach Perfektion ebenfalls. Bisweilen über die Grenze des Zumutbaren hinaus. Für den Tod durch Überarbeitung gibt es sogar einen eigenen Ausdruck – Karoshi.

Durchschnittliche Zahl der Überstunden pro Woche.

Anders formuliert: Im Fall von Japan ist ein Gesetz gegen gesundheitsschädliche Mehrarbeit gar nicht so abwegig. Denn auch im internationalen Vergleich arbeiten die Japaner wesentlich mehr als die meisten Menschen im Westen: Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) brachten es Japaner im Jahr 2017 durchschnittlich auf 1710 Arbeitsstunden, im benachbarten Südkorea waren es sogar 2024 Stunden – in Deutschland hingegen nur 1356 Stunden.

Nun lohnt sich dieser Einsatz finanziell durchaus. Je höher die Position, desto mehr Überstunden – und desto höher das Gehalt. Zu diesem Ergebnis kommt auch der kürzlich veröffentlichte Arbeitszeitmonitor 2018 von Compensation Partner. Die Hamburger Vergütungsberatung untersuchte insgesamt etwa 225.000 Daten von Arbeitnehmern. Eine Fachkraft kommt demnach während ihres gesamten Berufslebens im Schnitt auf 6562 Überstunden. Bei den Führungskräften sind es mit 15.430 Stunden mehr als das Doppelte.

So viele Überstunden machen die Deutschen

Trotzdem reagieren auch deutsche Gewerkschafter und linke Politiker seit jeher allergisch, wenn Angestellte die (tarif)vertraglich vereinbarte Arbeitszeit überschreiten. „Überstunden schaden uns allen“, sagte vor einigen Monaten Jutta Krellmann, Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Linken im Bundestag, „die einen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen haben keine oder zu wenig Arbeit.“ Und die IG Metall sorgte im vergangenen Winter mit ihrer Forderung nach einer 28-Stunden-Woche für eine hitzige Debatte. Aber stimmt das wirklich? Sind Überstunden zwangsläufig schädlich? Mündet Mehrarbeit zwangsläufig in Arbeitssucht, Burn-out und körperliche Schäden?

Dieser Frage widmete sich auch eine Studie, die im vergangenen Jahr im Fachjournal „Academy of Management Discoveries“ erschien. Und Lieke ten Brummelhuis, Assistenzprofessorin an der Simon-Fraser-Universität in Kanada, kommt darin zu einem Ergebnis, das deutschen Gewerkschaftsführern nicht gefallen dürfte: Die reine Stundenanzahl ist nämlich anscheinend nicht das Problem – sondern die Einstellung zur Arbeit. Stress ist demnach vor allem Ansichtssache.

Ten Brummelhuis kooperierte für ihre Studie mit Nancy Rothbard, Managementprofessorin an der amerikanischen Business School Wharton. Das Duo erhielt für seine Untersuchung Einblicke in die niederländische Niederlassung eines internationalen Finanzdienstleisters. Mehr als 700 Angestellte sollten einerseits umfangreiche Fragebögen zu ihrem Job ausfüllen. Wie gerne arbeiteten sie – und wie viel? Fühlten sie vielleicht sogar innere Leere, wenn sie nichts für den Job erledigten? Damit wollte ten Brummelhuis vor allem herausfinden, ob die Freiwilligen zur Arbeitssucht neigten.

Außerdem unterzogen sich alle Personen medizinischen Untersuchungen, Ärzte notierten ihren Blutdruck, ihren Cholesterinspiegel und ihr Gewicht. Und siehe da: Die reine Arbeitszeit stand in keinem Zusammenhang zum körperlichen Zustand, wohl aber die Neigung zum Workaholismus. Mehr noch: Jenen mit einem ungesunden Verhältnis zu ihrer Arbeit ging es physisch schlechter – selbst wenn sie weniger arbeiteten. Außerdem berichteten sie häufiger von Schlafstörungen und emotionaler Erschöpfung. Als sich die Forscherinnen die Daten noch einmal genauer ansahen, entdeckten sie einen entscheidenden Unterschied. Es kam vor allem darauf an, wie die Betroffenen ihre Arbeit empfanden. Körperlich am schlechtesten ging es jenen, die ihren Job eigentlich nicht wirklich mochten.

Wer zwar viel, aber gerne arbeitet, leidet demnach nicht automatisch – solange er nicht den Japanern nacheifert.

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