Unsichere Arbeitsverhältnisse Nur jeder Vierte hat einen festen Job

Die Zahl unbefristeter Festanstellungen geht immer weiter zurück - auch in den Industrienationen. Immer mehr Menschen in Europa arbeiten unfreiwillig in Teilzeit.

Eine Stellenanzeige für einen Minijob auf 400 Euro Basis. Quelle: dpa

Gerade einmal 26,4 Prozent der Beschäftigten weltweit gehen einem unbefristeten Job nach, so die Zahlen des World Employment and Social Outlook 2015, den die internationale Arbeitsorganisation (kurz ILO) zum ersten Mal herausgegeben hat. Außerdem waren Ende 2014 200 Millionen Menschen ohne Job, 30 Millionen mehr als vor Beginn der globalen Finanzkrise 2008.

Doch die Unterschiede zwischen den Ländern sind gravierend. In Staaten mit hohem Einkommen, zu denen auch Deutschland zählt, fällt die Verteilung deutlich positiver aus. 64 Prozent der Beschäftigten gehen einer permanenten Festanstellung in Vollzeit nach, weitere 12 Prozent arbeiten zwar in Teilzeit, aber ebenfalls unbefristet. Dennoch arbeiten laut ILO seit der Krise deutlich mehr Europäer unfreiwillig in Teilzeit als zuvor. Etwa neun Prozent haben einen befristeten Arbeitsvertrag oder arbeiten selbstständig.

Hier haben die meisten Menschen einen befristeten Arbeitsvertrag

Im Gegensatz zu den relativ reichen Staaten stehen die Länder mit sehr niedrigen Einkommen, hier hat nur einer von zwanzig Beschäftigten eine Festanstellung. Stattdessen arbeitet der Großteil von 60 Prozent selbstständig. In den Entwicklungsländern sind dies meist informelle Jobs, wie Straßenverkäufer oder Schrottsammler. Ebenfalls sehr hoch ist in diesen Ländern der Anteil an unbezahlten Arbeitskräften, die ohne Entgelt im Familienbetrieb oder auf dem Feld mitarbeiten (20,7 Prozent). Subsistenzwirtschaft ist in diesen Ländern immer noch weit verbreitet.

Die weltweiten Unterschiede sind also gewaltig, der Trend zu stabilen Arbeitsplätzen geht laut ILO aber überall zurück. „In einigen Fällen können nicht-standardisierte Formen von Arbeit helfen, dass Menschen überhaupt Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Diese aufkommenden Trends spiegeln aber vor allem die weitverbreitete Unsicherheit wider, der viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute ausgesetzt sind“, sagt ILO-Generaldirektor Guy Ryder.

Berufe mit Zukunftsgarantie
Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpa
Ein junger Mann bedient einen Gasschweißer Quelle: dpa
Eine Dialyseschwester überprüft in Hamburg im Marienkrankenhaus die Einstellungen eines Dialysegerätes. Quelle: dpa
Ein Schiff fährt in Köln an den Kranhäusern und dem Dom vorbei den Rhein hinunter. Quelle: dpa
Einen Aufkleber mit dem offiziellen Slogan der Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." hält eine junge Frau in der Hand. Quelle: AP
Der Reichstag in Berlin Quelle: REUTERS
Besucher aus Holland in bayerischem Blauweiß prosten sich beim Münchner Oktoberfest zu. Quelle: dpa

Doch so eindeutig scheint der Trend zumindest für die einkommensstarken Länder nicht zu sein: Zwar ist der Anteil der unbefristet Beschäftigten seit 2004 von 74 Prozent auf 73,2 Prozent gesunken. Aber auch die befristeten Beschäftigungsverhältnisse sind rückläufig. Machten sie 2004 noch 10,6 Prozent aus, sind es aktuell nur noch 10,2 Prozent. Beide Beschäftigungsarten sind also nahezu stabil. Die eine löst die andere nicht ab.

Auch die Zahl der Selbstständigen ist allenfalls leicht gestiegen, was die sich verändernden Arbeitsverhältnisse begründen könnten. Gerade Dienstleister wie Designer, Programmierer oder Texter arbeiten mittlerweile häufig auf Projektbasis und nicht mehr in festen Anstellungsverhältnissen. Vor allem in den Krisenländern mit hohen Arbeitslosenquoten wie Spanien oder Griechenland wählen die Menschen die Selbstständigkeit als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit.

„Die Verlagerung von typischen Beschäftigungsverhältnissen zu atypischen Formen der Beschäftigung geht in vielen Ländern mit wachsender Armut und Ungleichheit einher“, sagt Ryder. „Diese Trends bergen das große Risiko, dass der Teufelskreis aus schwacher globaler Nachfrage und langsamen Jobaufbau aus der Nach-Krisen-Zeit sich zu verstetigen droht.“

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