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Unternehmenskultur Plötzlich per Du - und dann?

Wer einmal per Du ist, kommt davon nicht mehr weg, ohne den anderen sehr vor den Kopf zu stoßen. Quelle: Fotolia

Internationalisierung, Digitalisierung und das Streben nach flachen Hierarchien veranlassen immer mehr Unternehmen zum Duzen. Wie man reagieren kann, wenn man das nicht möchte, verrät Etikette-Trainerin Isabel Schürmann.

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Frau Schürmann, wollen wir uns duzen oder siezen? Wer müsste in unserem Fall das Du anbieten?
Gerne würde ich in unserem Interview beim wertschätzenden Sie bleiben. Wir haben uns noch nicht näher kennengelernt und sprechen hier im geschäftlichen Kontext miteinander. Außerdem fehlen mir am Telefon einfach zu viele Anhaltspunkte, von denen ich ableiten könnte, ob ein Du angemessen wäre und wer es wem in diesem Fall anbieten sollte.

Sie kommen aus dem eher konservativen Bankwesen. Einer Kienbaum-Studie zufolge duzt heute jede dritte Fachkraft ihren Vorgesetzten. Wie sieht das im Banking aus?
Die Duz-Kultur hat zunehmend auch in als konservativ geltenden Häusern wie Banken, Versicherungen, Kanzleien und Prüfungsgesellschaften Einzug gehalten, in denen traditionell fast einheitlich gesiezt wurde. Eine Ausnahme bildet das Investmentbanking. Dort wird schon sehr lange geduzt, da die Geschäftssprache zumeist Englisch ist. Parallel zu den Diskussionen rund um die Duz-Kultur steht übrigens bei vielen meiner Teilnehmer das Thema „Business Dresscode“ auf der Wunschagenda. Denn die Abschaffung des Krawattenzwangs und der zunehmende Wunsch nach vertrauensbildender Lässigkeit wirft durchaus auch eine Menge Fragen nach Orientierungshilfen auf.

Das erinnert an Vorstände und Geschäftsführer, die plötzlich ihre handgenähten Budapester gegen Turnschuhe tauschen, um sich und dem Unternehmen einen coolen Touch zu verleihen.
Wenn der neu gewählte optische Auftritt authentisch ist und zur Persönlichkeit und zu den Unternehmensentwicklungen passt, dann bitte! Ein eher konservativer Peter allerdings wird ein konservativer Peter bleiben, auch wenn er im Geschäftsalltag plötzlich Turnschuhe trägt. Und so können auch Insignien der Coolness zu falschen Schlüssen bei den Mitarbeitern führen.

Diplom-Kauffrau Isabel Schürmann war über zehn Jahre bei der Deutschen Bank tätig, zunächst in der Abteilung für Konzernentwicklung, später in der Führungskräfteentwicklung. 2008 gründete die 44-Jährige „Personality Consult“ ( www.personality-consult.de) und arbeitet seitdem als lizenzierte Knigge-Trainerin, als Coach für Image und Karriere sowie als Dozentin an der Frankfurt University of Applied Sciences. Schürmann ist Mitglied des Netzwerks „Etikette Trainer International (ETI)“, das gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift, diskutiert, mit traditionellen Formen vergleicht und Empfehlungen für zeitgemäße Umgangsformen ausspricht. Quelle: Miriam Bender

Was empfehlen Sie den Fach- und Führungskräften in Ihren Trainings und was Ihren MBA-Studenten? Duzen oder siezen?
Das ist nicht unbedingt eine Generationenfrage. Sowohl Studierenden, Berufseinsteigern als auch erfahrenen Kräften gebe ich Hinweise und Impulse zur Orientierung und berichte von meinen eigenen Erfahrungen. Ich weise aber auch darauf hin, dass beim Angebot und der Annahme des „Du“ eine Reihe von Faktoren berücksichtigt werden sollten. Beispielsweise die Branchenzugehörigkeit oder die individuelle Firmengeschichte des Arbeitgebers. Ein alteingesessenes Familienunternehmen denkt anders als ein Start-up, ein schwedisches Möbelgeschäft oder ein amerikanischer Online-Versandhandel. Hinzu kommen die eigene Position innerhalb der Unternehmenshierarchie, die Dauer der Zugehörigkeit und viele andere Faktoren. Führungskräften rate ich jedoch immer, eine einheitliche Strategie in der Kommunikation zu wahren. Wird das „Du“ nur selektiv angeboten, kann das zu Missverständnissen führen.

Ein H&M-Mitarbeiter hat gegen das Duzen geklagt – erfolglos. Wie stilvoll handeln, wenn die Geschäftsführung das Duzen als Leitlinie ausruft und man das als Fach- oder auch Führungskraft nicht möchte?
In dem Fall empfehle ich immer, das Thema gegenüber dem nächsten Vorgesetzten anzusprechen und gegebenenfalls auch innerhalb der eigenen Abteilung zur Diskussion zu stellen. Schließlich ist das „Sie“ tief in der deutschen Kulturgeschichte verankert und die Sprache der Spiegel gesellschaftlicher Prozesse. Wenn sich jemand mit einem Du nicht wohlfühlt, ist das für das Gegenüber, den Arbeitgeber oder Kunden, sehr schnell sichtbar – und beeinflusst auch den Erfolg spürbar.

Also erst gar nicht bei duzenden Unternehmen bewerben, wenn man sich mit dieser Kultur nicht identifizieren kann?
Hier empfehle ich zu prüfen, inwieweit die eigenen Wertvorstellungen mit einem Unternehmen zusammenpassen, in dem ein offener Umgang herrscht und die Grenzen der Hierarchie zumindest kommunikativ verschwimmen. Wenn man schon weiß, dass man sich mit einer Duz-Kultur nicht wohlfühlt und sich nicht damit arrangieren möchte, würde ich von einer Bewerbung absehen.

Allerdings bedeuten Stellenanzeigen per Du noch lange nicht, dass im Unternehmen durchgehend geduzt wird.
Tatsächlich herrscht hier ein wahres „Du-Sie-Wirrwarr“, was auf Seiten der Bewerber natürlich zu Unsicherheiten führt. Großkonzerne wie beispielsweise VW, Allianz, Lufthansa und andere veröffentlichen auf ihren Websites Stellenausschreibungen und sogar Schülerpraktika in der Sie-Formulierung, sprechen dagegen potentielle Bewerber, auch Berufserfahrene, in den sozialen Medien mit „Du“ an. Als Umgangsformentrainerin und Karrierecoach empfehle ich Bewerbern, sowohl im Anschreiben als auch im Interview zunächst beim stilvollen „Sie“ zu bleiben, um vom ersten Moment an Wertschätzung und eine höfliche Zurückhaltung auszudrücken. Das gilt übrigens auch für die Ansprache von geschäftlichen, vor allem in sozialen Netzwerken wie Xing oder LinkedIn, die auch beruflich genutzt werden. Wie intensiv eine Duz-Kultur dann tatsächlich im Unternehmen gelebt wird, zeigt sich erst im Vorstellungsgespräch. Auch hier der Rat: erst einmal abwarten, wie das sich Gegenüber präsentiert. Bei Unsicherheit am besten höflich fragen, ob im Unternehmen geduzt oder gesiezt wird.

10 Tipps für stilvolles Duzen

Einer Studie der Hochschule Osnabrück zufolge wirken duzende Jobinserate moderner, siezende leistungsorientierter. Wollen Unternehmen sich bei den Generationen Y und Z beliebt machen?
Es ist bekannt, dass sich die neuen Generationen unter anderem vermehrt nach einem offenen und persönlichen Feedback am Arbeitsplatz sehnen. Für eine solche Feedback-Kultur kann das Du durchaus hilfreich sein: Förmliche Barrieren fallen weg, Hierarchien wirken flacher, Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl können positiv beeinflusst werden.

Sind damit auch die Hierarchien abgeschafft?
Es ist eine weit verbreitete, aber irrtümliche Annahme, dass allein abgeflachte Hierarchien die „Befehlsgewalt“ verändern. Entscheidungsträger bleiben Entscheidungsträger – egal, ob per Sie oder per Du. Auch Teamgeist, Motivation, Wertschätzung und Freude am und im Job werden durch weitaus mehr bedingt als durch eine Kommunikation per „Du“.

Was können negative Folgen eines verordneten Du sein?
Ein nicht natürlich gewachsenes Du in unserem Kulturkreis täuscht falsche Vertrautheit vor, die ausgenutzt werden kann oder dazu verleitet, mehr von sich preiszugeben als man will beziehungsweise sollte. Gerade bei kritischen Gesprächen kann fehlende Distanz schnell zu verbalen Entgleisungen führen. Manche Frauen sehen in diesem Punkt auch das Risiko, dass die Hemmschwelle sinkt und sie schneller belästigt werden. Oder auch, dass ihre Fähigkeiten und Kompetenzen weniger wahrgenommen oder wertgeschätzt werden.

Kann man ein persönliches Duz-Angebot – sofern nicht offizielle Leitkultur – heute überhaupt noch ablehnen, ohne Kollegen und Vorgesetzte vor den Kopf zu stoßen?
Wenn man gar nicht geduzt werden möchte, kann man dies natürlich auch freundlich adressieren. Als mögliche Begründung können das eigene Wohlgefühl, die Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang im Falle von Konflikten  oder auch eine eventuelle Probezeit, die man gerne erst hinter sich bringen möchte, dienen. Die Ablehnung sollte aber unbedingt höflich und respektvoll erfolgen. Dabei kann eine Begründung hilfreich sein, zum Beispiel: „Vielen Dank für das nette Angebot. Ich weiß das sehr zu schätzen. Gerne möchte ich im Geschäftsalltag allerdings die professionelle Distanz wahren und daher gerne beim Sie bleiben. Ich bin sicher, wir können dennoch gut zusammenarbeiten. Ich hoffe auf Ihr Verständnis.“

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