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Urlaub ohne Arbeitsstress Kalter Entzug!

Weg von der Arbeit, weg vom Chef, alles hinter sich und das Smartphone auslassen: das wünsche ich mir für meinen Urlaub. Aber Ferien vom Job und eine digitale Auszeit müssen gut vorbereitet werden – ein Selbstversuch.

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4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, hingegen nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Tendenz steigend: Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren. Quelle: Reuters

Düsseldorf Dienstag, 06:54 Uhr. Bis hierhin habe ich es geschafft: einen Tag lang keine Arbeits-Mails mit dem Handy abgerufen; am Montag hatte ich frei. Ein 24-Stunden-Pilotprojekt, denn die große Frage, die ich mir stelle, lautet „Schaffe ich das auch zwei Wochen lang?“ Ab Freitag habe ich Urlaub. Freizeit. Raus aus dem Hamsterrad, wo ich mir langsam die Pfoten wund laufe.

Ich empfange also und lade über 150 neue Nachrichten und sehe: mein Chef hat es in seinem Urlaub fast geschafft. Zwei Mails hat er gestern Abend geschrieben. Bis dahin hat er sich vorbildlich verhalten und blieb sogar Facebook und Twitter fern.

Mich dagegen hat es schon Überwindung gekostet, innerhalb von 24 Stunden keine E-Mails von der Arbeit über mein Smartphone abzurufen. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich beinahe ferngesteuert das zigarettenschachtelgroße Gerät in die Hand genommen und mein Postfach geöffnet habe. Am Nachmittag passierte mir etwas, das Experten sogar schon wissenschaftlich untersucht haben: ich litt unter eingebildetem Vibrationsalarm! 68 Prozent aller Handy-Besitzer, so das Baystate Medical Center Massachusetts, erleben dieses Phänomen einmal pro Woche. Gruselig.

Was ist es, dass uns so schwer loslassen und abschalten lässt? An der Bushaltestelle, im Zug, an der Ampel: wir schauen öfter auf unsere Smartphones als in die Gesichter unserer Mitmenschen. Was macht das mit uns, ständig erreichbar und nirgendwo mehr richtig anwesend zu sein? Mir ist es sogar schon passiert, dass ich aus dem Zugfenster zwischen Düsseldorf und Köln blicke und einen Moment lang gar nicht weiß, wo ich eigentlich bin. Eine Strecke, die ich seit drei Jahren täglich pendle. Immer mit dem Handy in der Hand. Und wie bekomme ich als Smartphone-Zombie das hin, mal so richtig ab zu schalten und das süße Nichtstun zu genießen?

Vor mir liegen noch drei Arbeitstage und ich möchte mich gut auf meinen zweiwöchigen Entzug vorbereiten. Dafür habe ich mir Hilfe geholt: „Digital-Therapie für Ihr Internet-Ich“, „Schneller abschalten: Im Urlaub aktiv bleiben“, „Der Stress fliegt mit“, „Urlaub machen – aber richtig“ – ein Stapel ausgedruckter Texte und Bücher, die mir alle zeigen wollen, wie das richtig geht.

Für mich wäre das eine Premiere. In meinen letzten Urlauben war ich quasi Dauerverfügbar. Am Strand der französischen Atlantikküste habe ich für einen Kunden täglich eine Stunde lang getwittert, vor dem Kamin in Helsinki Börsen-Umfragen ausgewertet und in einem holländischen Ferienhaus E-Mails von Kollegen beantwortet. Vorläufiger Tiefpunkt meiner Arbeitssucht: Am Flughafen in New York bin ich vor zwei Jahren auf dem Boden herumgekrabbelt und frei von voyeuristischen Gedanken unter einem Bistro-Tisch aufgetaucht. Warum tat ich das? Weil ich Strom suchte. Für mein Smartphone.


Sklaven der modernen Kommunikationstechnik

Nicht im Urlaub arbeiten – für viele eine Utopie. Rund die Hälfte aller Berufstätigen sind auch im „entspannten“ Wellness-Wochenende für ihren Chef erreichbar und kontrollieren am Strand, welche wichtigen Anrufe sie verpasst haben. Dass ist das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov.

Als Sklaven der modernen Kommunikationstechnik fällt es eben schwer, wirklich abzuschalten. „Früher war Mobiltelefonieren Freiheit, heute ist es Geiselhaft“, berichtet Diplom-Kaufmann Roman (48) aus seinem Arbeitsalltag in dem Buch „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“. Roman: „Mein Smartphone ist ein Terrorist, ich bin seine Geisel – meine Firma zahlt Lösegeld in Form einer Flatrate.“ Besonders Männer haben Probleme damit, im Urlaub den Alltag auszublenden. Fast zwei Drittel (63 Prozent) räumt in einer Umfrage des Software-Anbieters Symantec ein, einen Teil der Regenerationszeit mit geschäftlichen E-Mails zu verbringen.

Es mag Ausnahmen geben, in denen Erreichbarkeit sinnvoll ist. Aber bin ich im Beruf tatsächlich so unverzichtbar, dass ich glaube, niemand könnte mich für eine gewisse Zeit vertreten? Gut, wer in einer leitenden Stellung arbeitet und Verantwortung trägt, dem bleibt manchmal gar nichts anderes übrig. Je höher das Einkommen, desto größer ist die Einsatzbereitschaft. Denn die Angst, dass man am Ende doch seinen Kopf hinhalten muss, wenn ein wichtiges Projekt ins Rutschen kommt, ist groß.

Aber selbst als Manager sollte man es nicht übertreiben. „So wichtig und hilfreich die modernen Kommunikationstechniken auch sind, zum Sklaven sollte sich niemand machen“, heißt es auf von „Experto.de“, ein Beratungsportal des Verlags für die Deutsche Wirtschaft. Jeder habe ein Recht auf Erholungsurlaub, wer erreichbar bleibt, gewinnt keinen Abstand zum Arbeitsalltag. Schlimmer noch: „Es ist ein regelrechter Teufelskreis, der sich irgendwann verselbstständigt. Wenn jemand einmal damit beginnt, dass er ständig erreichbar ist, von dem wird auch irgendwann erwartet, dass man ihn ständig erreichen kann.“

Gesund ist so ein Verhalten nicht. Da muss man nur eins und eins zusammenzählen, bis man beim Burnout landet. Um nur einen Beleg zu nennen: laut „Stressreport Deutschland“ sind 2012 rund 53 Millionen Arbeitstage aufgrund psychischer Störungen ausgefallen, die durch Stress bei der Arbeit ausgelöst wurden.

Aber wie schaffe ich es jetzt, meine beiden Smartphones im Urlaub weitestgehend auszulassen und mich so zu erholen, dass meine Akkus in zwei Wochen wieder aufgeladen sind?


So geht Urlaub: Digital Detox Holiday!

Arbeitsrechtlich gilt: Wenn ich mich im Urlaub von beruflichen Verpflichtungen fern halte, tue ich recht und brauche keine Sanktionen fürchten. Niemand ist verpflichtet, in seiner Freizeit zu arbeiten. Handy aus, Laptop aus, das ist der Grundsatz. Einige Tourismus-Profis haben den Bedarf für digitale Entgiftung bereits erkannt (St. Vincent, Grenadine und St. Lucia) und knöpfen Besuchern schon am Strand die digitalen Handwaffen ab, wünschen schönen „Offline-Urlaub“ und versüßen ihn mit Coaching-Einheiten zum Thema „Digital Detox“, zu denen ein umfassendes Handbuch gereicht wird.

Klingt gut, aber noch kann ich mir keine Reise in unabhängige Inselstaaten in der Karibik leisten. Und da ich von mir weiß, dass ich mein Smartphone gar nicht ausschalten kann (das gelingt laut einer Bitkom-Studie zwei von zehn Handy-Besitzern nie; einer von zehn weiß sogar nicht mal mehr, wo der Ausknopf ist), sollte ich vielleicht über Reiseziele nachdenken, in denen es gar keinen Empfang gibt. Die Autorin Anitra Eggler („Digital-Therapie für Ihr Internet-Ich“) schreibt von einem regelrechten Tourismus-Trend.

So bezahlen Menschen in sogenannten Black Hole-Hotels viel Geld für Zimmer ohne Handy-Empfang, Internet und Fernseher. Allein in der Steiermark bieten 14 Hotelbetriebe Offline-Urlaub an; eine Unterkunft heißt passenderweise „Waldesruh“. Macht der Job allerdings ein längeres offline-sein unmöglich, raten Experten, eine bestimmte Zeit festzulegen, in der Geschäftliches erledigt werden kann und man für Kollegen erreichbar ist. Mit so etwas könnte ich mich anfreunden.

Mittwoch, 12:20 Uhr. Meine Frau hat mir gestern Abend ohne Vorwarnung offenbart, dass es in unserer Unterkunft in Italien keinen Internetanschluss gibt. Fluch oder Segen? Vermutlich ein Segen, aber meine erste Reaktion war: „Fernseher haben wir aber, oder?“. „Ja, aber nur italienische Programme.“ Kalter Entzug. In einem Artikel lese ich, dass man eine ganze Woche braucht, um sich überhaupt mal auf den Urlaub einzulassen; da ist unser Urlaub schon fast wieder vorbei. Trotzdem ist es höchste Lebens-Zeit, dass ich meinen eigenen Gedanken eine Auszeit verordne.


Was ich wirklich will

Nach ausgiebiger Lektüre meiner Ratgeberliteratur steht nun folgender Plan fest: Bis Freitag will ich alle Projekte im Büro abgeschlossen haben. Was liegen bleibt, delegiere ich an einen Stellvertreter. Dann türmt sich auf meinem Schreibtisch auch keine Arbeit auf, die mich schon beim Gedanken daran stresst. Für Dinge, die ich nicht abgeben kann, schreibe ich mir eine To-Do-Liste, die sogar mit nach Italien darf. Wenn mir dazu dann etwas einfällt, notiere ich es kurz und der Zettel wird verbannt, bis ich wieder im Büro bin.

Der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte empfiehlt mir, am Gardasee nur das zu tun, wozu ich Lust habe. Schließlich beherrscht mich der Arbeitsalltag schon genug mit Terminen und Deadlines. Mein Zeitplan ist locker getaktet und kann spontan geändert werden, keine Zwänge, keine Verpflichtungen. Das einzige, was ich wirklich will, ist ein Kontrast zum Alltag, wo ich den ganzen Tag in der Redaktion sitze. Also Radfahren und Wandern, statt auf der faulen Haut liegen. Nach zwei Tagen im Liegestuhl würde ich nämlich die Decke hochgehen. Da geben mir auch die Werksärzte Recht: „Gestresste Berufstätige sollten aktiv bleiben. Das hilft vielen dabei, auf andere Ideen zu kommen und in Gedanken nicht immer wieder um den Job zu kreisen.“

Freitag, 17:20 Uhr. Mindestens ein freier Tag, bevor wir in die Ferien starten: check. So richtig geht es erst am Sonntag los. Mindestens ein Puffertag, bevor ich Montagmorgen um acht wieder am Schreibtisch sitze: eingeplant. Schließlich muss so ein guter Urlaub auch nachbereitet werden: Koffer auspacken, Wäsche waschen, Katzen aus der Pension-„Schwiegermama“ abholen und die Dachterrasse wiederbeleben. Abwesenheits-Notiz programmiert: erledigt. „Ich bin bis einschließlich 23. Juli nicht im Büro. Ihre E-Mails werden nicht gelesen.“

Jetzt ist es ist geschafft, ich packe meine Sachen zusammen, fahre den Rechner runter und verabschiede mich von meinen Kollegen. „Schönen Urlaub!“, wünschen sie mir. Und rufen mir nach: „Äh, wenn was ist, du hast ja dein Handy dabei, oder?“ Ich tue so, als hätte ich das gar nicht gehört.

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