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Vier-Tage-Woche „Arbeitszeit hat allenfalls noch eine Symbolfunktion“

Quelle: imago images

Wer seine Arbeitszeit reduziert, arbeitet nicht unbedingt weniger. Oft gilt: Weniger Stunden, gleiche Arbeit. Was Angestellte machen können, damit aus einer Vier-Tage-Woche auch ein erfüllteres Leben wird.

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Am Anfang hatten viele Mitarbeiter des Softwareunternehmens JustOn große Pläne, als ihr Arbeitgeber ihnen jeden zweiten Freitag frei gab. Manche nahmen sich vor, öfter übers Wochenende zu verreisen. Andere überlegten sich, neue Fremdsprachen zu lernen oder ein Ehrenamt auszuüben. Das erzählten sie der Psychologin Christine Johannes von der Universität Erfurt, die die Verringerung der Arbeitszeit bei JustOn wissenschaftlich begleitete und die davon in der aktuellen Folge des MoneyMates-Podcast der WirtschaftsWoche berichtet.

Doch als Johannes ihnen nach einem halben Jahr die Frage stellte, wie sie ihre Zeit wirklich verbracht haben, hatte nur etwa die Hälfte ihre Pläne in die Tat umgesetzt. Das war aber keinesfalls ein Problem – sondern gut so, wie Johannes erkannte, als sie die Mitarbeiter nach ihrer Zufriedenheit befragte. Diejenigen, die sich erholt und die freie Zeit für sich selbst genutzt hatten, waren glücklicher als die großen Planer. „An diesem freien Tag ist es für das eigene Wohlergehen besser, wenn man ihn nicht so durchplant wie einen Arbeitstag und sich eine ganze Reihe von Terminen ansetzt“, sagt die Psychologin.

Was Christine Johannes in ihrer Untersuchung gelernt hat, lässt sich auf andere Formen der Arbeitszeitreduzierung wie etwa die gerade in Island im großen Stil untersuchte Vier-Tage-Woche übertragen: Nur weil man vertraglich gesehen mehr Freizeit hat, ist man nicht zwangsläufig erholter. Auch ist es keine Garantie, dass man wirklich weniger arbeitet. Insbesondere Wissensarbeiter müssen lernen, mit freier Zeit umzugehen, um sie in ihrem Sinne nutzen zu können.

Bei JustOn arbeiten die Angestellten im Wechsel einmal vier und einmal fünf Tage pro Woche. „Der Zeitspielraum in der Viertagewoche wurde geringer wahrgenommen“, sagt Christine Johannes, „man könnte sagen, die Woche war dichter gedrängt.“ Konkret bedeutet das, dass die befragten Mitarbeiter von Montag bis Donnerstag mehr gearbeitet und weniger Pausen gemacht haben – damit der Freitag frei sein kann und dennoch keine Arbeit liegen bleibt. Vielleicht kam daher der Druck bei einigen, den freien Freitag möglichst effizient mit Programmpunkten zu füllen, etwa mit Behördengängen und Haushaltsaufgaben.

Arbeitszeit hat „nur noch Symbolfunktion“

Wie gut Menschen mit weniger Arbeitszeit klarkommen, hängt von der konkreten Tätigkeit ab. Wer vor allem so genannte Backoffice-Tätigkeiten verrichtet, also im Hintergrund Datenbanken verwaltet oder Software entwickelt, kann seine Zeit freier einteilen und ist weniger an externe Termine gebunden. Im direkten Kontakt mit Kunden, im Vertrieb oder bei Wartungsarbeiten, geht das eher nicht, hat Christine Johannes in ihrer Untersuchung festgestellt. Man könne zwar versuchen, „die Kunden zu erziehen“, also ihnen zu erklären, dass sie nicht jeden Tag Zugriff auf einen Mitarbeiter haben – allerdings sei das sehr schwer. Die wichtigste Rolle, auch das hat die Forscherin gesehen, spielen aber nicht die Kunden, sondern die Führungskräfte. Wenn die Chefin oder der Vorgesetzte den freien Freitag ignorieren und dennoch anrufen, profitieren Mitarbeiter davon kaum noch.

Dass eine zeitliche Verdichtung von fünf Arbeitstagen auf nur vier in der Praxis möglich ist, legt nahe, dass es in manchen Jobs, insbesondere bei Wissensarbeitern wie Programmiererinnen, Designern oder Ingenieuren, noch Produktivitätsreserven schlummern. Hilmar Schneider, Ökonom und Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hält das aber für „äußerst unglaubwürdig“, wie er im MoneyMates-Podcast erklärt. „Wenn dem so wäre, frage ich mich, wieso haben das die Firmenchefs bislang nicht bemerkt? Das würde nämlich bedeuten, dass Unternehmen massenhaft Produktivitätsspielräume ungenutzt gelassen haben.“

Für Hilmar Schneider offenbart sich in dieser Diskussion ein Grundproblem der heutigen Arbeitswelt. „Moderne Arbeit ist vor allem geistige Arbeit. Und wenn wir ehrlich sind, lässt sich diese Arbeit gar nicht mehr in ein messbares Zeit-Korsett pressen“, sagt der IZA-Direktor. Statt Arbeit an einer wenig aussagekräftigen Größe wie der vertraglich vereinbarten Zeit zu messen, die jemand damit verbringen soll, müsste man Arbeit viel stärker daran bemessen, was ihr Ergebnis ist. „Arbeitszeit hat allenfalls noch eine Symbolfunktion“, sagt Schneider, „Ich halte die Diskussion um die Vier-Tage-Woche deshalb für aus der Zeit gefallen.“

Mehr zum Thema: Eine 4-Tage-Woche wünschen sich viele. Was nötig ist, damit sie für alle Beteiligten funktioniert und warum das neue Modell auch viele Risiken birgt, besprechen die Money Mates in dieser Podcast-Folge.

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