WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Vorstellungsgespräche Persönlichkeitstests taugen nichts

Die meisten Arbeitnehmer halten Persönlichkeitstests für untauglich. Zu recht, denn 80 Prozent der Tests entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand, wie eine Studie zeigt.

Die zehn härtesten Auswahlverfahren
Astronautenkorps der ESA Quelle: dpa/dpaweb
Indian Institute of Technology Quelle: Rohan Sethi
Auswärtiges Amt Quelle: photothek/Auswärtiges Amt
Wirtschaftsprüfer Quelle: dapd
Lufthansa-Pilot Quelle: dpa
Google Quelle: dapd
Henri-Nannen-Schule Quelle: dpa/dpaweb

57 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland haben die Erfahrung gemacht, dass Persönlichkeitstests an den konkreten beruflichen Anforderungen vorbeizielen. Doch die Ergebnisse solcher Tests seien trotzdem bedeutsam für die Karriere, das glauben zumindest 47 Prozent der 1.100 Arbeitnehmer, die repräsentativ von den Assessment-Spezialisten der "Metaberatung" befragt wurden.

59 Prozent der Arbeitnehmer erscheinen die Tests der Unternehmen nicht ausreichend fundiert zu sein, um die eigene Persönlichkeit und beruflichen Fähigkeiten treffend zu erfassen. „Die Ergebnisse der Umfrage decken sich weitgehend mit den Beobachtungen, die wir in der Unternehmenspraxis machen“, sagt Rainer M. Neubauer, Geschäftsführer der Metaberatung.

Die Fallen der Personaler
Alternative Frage"Warum möchten Sie sich beruflich verändern? Entspricht das jetzige Gehalt nicht Ihren Vorstellungen? Oder reizt Sie bei uns das internationale Umfeld?"Darum geht´s: Der Personaler will Ihre Überzeugungen aufspüren - und er sucht keinen Mitarbeiter, der nur durch ein hohes Gehalt zu motivieren ist. Aber: Weder die eine noch die andere dargebotene Antwortvariante muss die Sachlage tatsächlich treffen. Vermutlich gibt es noch zig weitere Gründe für einen Arbeitgeberwechsel. Nennen Sie lieber einen, der sich mit dem Bedarf des neuen Arbeitgebers deckt. Clevere Antwort: Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden auf meiner jetzigen Stelle. Mein Einsatz bei der Firma x hat gezeigt, dass ich Mitarbeiter gut motivieren kann. Der Krankenstand ist in meinem Team um 15 Prozent gesunken und die Fluktuation hat sich bei 3 Prozent eingependelt. Ich suche nach einer Herausforderung, bei der ich mich in ähnlicher Weise engagieren kann, und wünsche mir ein Umfeld, in dem ich mich selbst auch noch weiterentwickeln kann. Quelle: Karriere.de Quelle: Fotolia
Suggestivfrage"Sie arbeiten doch lieber im Team, wie die meisten anderen auch, oder?"Darum geht´s: Diese Frageart ist eine getarnte Vermutung und scheint praktischerweise die Antwort gleich mitzuliefern. Doch Vorsicht, all zu leicht ist man in die Mainstream-Falle getappt. Erst prüfen, welche Arbeitsweise die jeweilige Stelle erfordert. Clevere Antwort: Das hängt ganz von der Aufgabenstellung ab. Manche Ziele lassen sich wie beim Sport nur in einer gemeinsamen Anstrengung erreichen, in dem man sich gegenseitig den Ball zuwirft. Dann wiederum gibt es Aufgaben, die man schneller und besser allein bewältigt. Das ist eine Frage der Selbstmotivation und Disziplin. Quelle: Fotolia
Triadische FragenMit welchen Worten würde Ihr Lebenspartner Ihre größte Schwäche beschreiben?"Darum geht´s: Hier werden nicht anwesende Dritte wie Partner, Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte in das Gespräch einbezogen, um weitere Charaktermerkmale wie die Fähigkeit zu Selbstkritik zu Tage zu fördern und nebenbei noch die Beziehungsfähigkeit zu ergründen. Clevere Antwort: Das ist eine gute Frage. Mein Partner würde wahrscheinlich sagen, dass ich manchmal sehr direkt sein kann. Das stimmt auch, denn ich bringe die Dinge gern auf den Punkt. Ich habe mir aber angewöhnt, mehr zu hinterfragen und anderen mehr Zeit zu geben. Quelle: Fotolia
Provokative Frage"Man munkelt, dass Ihr derzeitiger Arbeitgeber wirtschaftliche Schwierigkeiten hat, Sie wollen also schnellstens das sinkende Schiff verlassen?"Darum geht´s: Der Personaler möchte Sie aus der Reserve locken, um Ihre Frustrationstoleranz und Ihre Loyalität zu prüfen. Wer beleidigt oder aggressiv reagiert, hat verloren! Clevere Antwort: Sie wissen ja, dass gern über Wettbewerber geredet wird. Ich persönlich kann nichts Schlechtes über meinen Arbeitgeber sagen. Und mal ehrlich: Würde ich das tun, würde mich das aus charakterlichen Gründen für die Aufgabe in Ihrem Haus disqualifizieren. Quelle: dpa
Hypothetische Frage"Welchen alternativen Lebensplan können Sie sich für sich vorstellen?"Darum geht´s: Der Personaler checkt, ob der Job für Sie womöglich nur eine Übergangslösung ist. Clevere Antwort: Ich bin in einer äußerst spannenden Branche tätig und mir sicher, dass ich auf einer Position mit persönlicher Entwicklungsperspektive wie Sie sie bieten, langfristig sehr viel positiv bewegen und somit zum Unternehmenserfolg beitragen kann. Ein alternativer Lebensplan ist daher in meinen Augen unnötig. Quelle: Fotolia
Mehrfachfragen"Als Außendienstmitarbeiter leiden Sie ja sicher nicht unter Flugangst, oder? Wie Sie wissen, legen wir besonderen Wert auf Flexibilität. Sehen Sie Probleme, auch die nordischen Länder zu betreuen? Oder würden Sie aufgrund Ihrer Sprachkenntnisse lieber die Betreuung unserer südamerikanischen Kunden übernehmen?"Darum geht´s: Uff. Nicht verwirren lassen. Diese Fragen erfordern von Ihnen hohe Konzentration und stellen Ihre Merkfähigkeit auf die Probe. Clevere Antwort: Auf die Beantwortung von Teilfragen beschränken und zum Beispiel nur auf den Aspekt eingehen, auf den Sie am besten vorbereitet sind. Quelle: Fotolia
Selbsteinschätzungsfragen"Bewerten Sie sich selber auf einer Skala von eins bis zehn."Darum geht´s: Der Personaler will, dass der Bewerber sein Selbstbewußtsein und seine Selbstachtung unter Beweis stellt. Achtung: Sagen Sie zehn, werden Sie als unerträglich eingestuft, bleiben Sie unter sieben, können Sie sich auch verabschieden. Clevere Antwort: Am besten mit acht oder neun einstufen und hinzufügen: "Es gibt immer Raum für Verbesserungen. Daher arbeite ich kontinuierlich an der Erweiterung meiner Fähigkeiten." Günstige Gelegenheit auf die aktuellste Fortbildung zu verweisen. Quelle: Fotolia

„Von den rund 1.000 in Deutschland verwendeten Testverfahren halten gut 80 Prozent neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Human-Resources-Forschung nicht stand.“ Der Mangel an methodischer Professionalität führt zudem dazu, dass die wenigsten Testanwender zertifiziert sind (DIN 33430). Sie entsprechen oft nicht den neuesten Anforderungen des deutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und werden oft den bekannten internationalen Fachstandards nicht gerecht, die von der American Psychological Association aufgestellt wurden.

Die Arbeitnehmer kritisieren jedoch nicht nur die fachliche Qualität, sondern auch die Verfahren der durchgeführten Tests. Drei Viertel der Befragten bemängeln, dass die Auswertung ihres Persönlichkeitstests durch den Arbeitgeber derzeit hinter verschlossenen Türen stattfindet. Die Ergebnisse der Tests werden den Getesteten nicht detailliert mitgeteilt.

Gleichzeitig ist das Interesse der Berufstätigen an Gesprächen über die Karriereaussichten mit den Vorgesetzten groß. Zwei Drittel der Mitarbeiter wünschen sich einen Austausch über die Ergebnisse von Persönlichkeitstests, um den beruflichen Werdegang gemeinsam zu gestalten.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

"Wie die Praxis zeigt, werden die Persönlichkeitstests mangels Schulung des Personals häufig nicht richtig angewendet oder die Ergebnisse liefern langfristig keine haltbaren Aussagen", sagt Neubauer. Daher sollten Arbeitgeber umdenken und wissenschaftlich fundierte Persönlichkeitstests anwenden, die den Dialog mit den Arbeitnehmer erleichtern. "So lassen sich insbesondere Talente im eigenen Unternehmen zuverlässig identifizieren und auf Grundlage einer gemeinsamen Strategie fördern. Angesichts des Fachkräftemangels ist die Einführung eines solchen modernen Talent-Managements unverzichtbar“, so Neubauer.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%