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Walter Kohl und Frank Kübler übers Scheitern "Aus Fehlern kann man wunderbar lernen"

Kein Studienabschluss, keine Berufsaussichten? Weit gefehlt. Firmen entdecken Studienabbrecher. Gut so, sagen Walter Kohl und Frank Kübler. Scheitern dürfe nicht mehr tabuisiert werden.

Es gibt in Deutschland immer mehr Studienabbrecher. Dennoch gibt es Unternehmen, die diese Arbeiter zunehmend schätzen lernen. Quelle: dpa

28 Prozent aller Bachelor-Studenten brechen ihr Studium ab, meldet das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Bundesweit wird die Zahl der Studienabbrecher jährlich auf 100.000 geschätzt. Auch junge Leute, die während ihrer Ausbildung hinwerfen, sind keine Seltenheit. Erste Firmen versuchen nun, als gescheitert abgestempelte Menschen in die Bertriebe zu integrieren. Es sind Modellprojekte, die dringend Nachahmer brauchen, finden Frank Kübler, Inhaber und Geschäftsführer des Beratungs- und Coaching-Unternehmens „SYNK Group“, sowie sein Partner Walter Kohl, Unternehmer, Coach und Sohn des Ex-Kanzlers Helmut Kohl. WirtschaftsWoche Online traf die beiden Männer zum Interview.

WirtschaftsWoche Online: Herr Kohl, Herr Kübler, warum brechen so viele Leute ihr Studium oder ihre Ausbildung ab?

Walter Kohl: Wir lernen in der Schule und in der Universität eine Vielzahl von Fakten. Was wir aber nicht lernen, ist der Umgang mit uns selbst und die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen

Frank Kübler: Richtig. Schon in der Schule sollten die Lehrer mit den Jugendlichen herausfinden, was deren Talent ist. Sie sollten gemeinsam klären: Woran hat der Schüler Freude? Wo sind die eigenen Potenziale? Mit solch einer Analyse würde man die Zahl der Studien- und Berufsabbrecher sicher reduzieren können. Oftmals wird das aber nicht in der Schule geleistet. Es gibt Firmen, die dieses Problem erkannt und ihre Ausbildung angepasst haben. Innerhalb des ersten Jahres kann dort noch die Berufsausrichtung geändert werden. Das ist vorbildlich!

Zur Person

Was aber, wenn die jungen Leute diese Hilfe nicht haben? Was raten Sie jungen Menschen, die merken, sie sind in einer Sackgasse: Sollen sie hinwerfen oder sich durchbeißen?

Frank Kübler: Es geht auf Dauer nicht gut, wenn Sie Dinge tun, die Ihnen nicht gefallen. Wenn der Sinn einer Tätigkeit nicht mehr klar ist, dann fühlen Sie sich schnell überfordert und laufen Gefahr, sich zu verschleißen. Arbeit an sich ist nicht schädlich. Auch viel Arbeit nicht. Es gibt Tausende Menschen, die viel arbeiten und bei bester Gesundheit und Lebensfreude sind. Der Grund: Sie wissen, wofür sie arbeiten. Schwierig wird es dann, wenn der Sinn nicht erkennbar wird. Dann kann das zu Krankheitsbildern führen.

Walter Kohl: Ich ärgere mich darüber, dass wir in Deutschland ein falsches Verständnis vom Scheitern haben. Was ist so schlimm daran, dass etwas mal misslingt? Das passiert uns allen. Aus Fehlern kann man wunderbar lernen. Wenn jemand in seinen Lebenslauf hineinschreibt: Ich habe meine Ausbildung aus diesen und jenen Gründen abgebrochen und folgende Schlüsse für mich gezogen, dann würde ich sagen: Das ist interessant. Diese Person schaue ich mir genauer an.

Die erfolgreichsten Studienabbrecher der Welt
Richard Branson gilt vielen jungen Unternehmern als Vorbild. Er baute die Virgin Group auf, ein Unternehmen, zu dem Radiosender, Fluggesellschaften und Fitnessstudios gehören. Dabei verlief seine Schullaufbahn alles andere als gut: Branson besuchte die Stave Public School, die er aber schon als 16-Jähriger verließ – der junge Mann war Legastheniker. Quelle: dapd
Michael Dell ist ein amerikanischer Vorzeigeunternehmer. Er gründete einen der größten PC-Hersteller der Welt. Auch er verließ die Uni vor dem Abschluss. Dell begann an der University of Texas in Austin ein vormedizinisches Studium, gab dieses aber im Alter von 19 Jahren wieder auf. Er wollte sich lieber auf seine Geschäfte konzentrieren. Quelle: Reuters
Lady Gaga ist der Shootingstar des amerikanischen Pop. Im wirklichen Leben heißt sie Stefani Joanne Angelina Germanotta. Was viele nicht wissen: Die Sängerin besuchte die New York University, lernte dort professionelles Songwriting. Doch im Alter von 19 Jahren hatte sie genug davon. Im Jahr 2005 brach sie die Ausbildung ab. Quelle: dapd
Regisseur James Cameron ist einer der erfolgreichsten Filmemacher in Hollywood. Seine Laufbahn als Student begann er mit einem Studium der Physik in Fullerton – allerdings fühlte er sich den Zahlen nicht gewachsen und brach mit 20 Jahren ab. Es heißt, über das Einwerfen von Werbeplakaten sei er ins Filmgeschäft gekommen. Quelle: dapd
Seine Werke lassen Kinderaugen glänzen: Der amerikanische Filmproduzent Walt Disney wurde im Dezember des Jahres 1901 geboren, er besuchte die McKinley High School in Chicago – und schied nach nur einem Jahr wieder aus. Geschadet hat es ihm nicht: Das von ihm gegründete Unternehmen ist heute einer der bekanntesten Medienkonzerne der Welt. Quelle: dbking/flickr
Als Steve Jobs starb, trauerte die Welt. Der Unternehmer gilt als Legende des Silicon Valley. Dabei hat auch er seine Ausbildung abgebrochen: Im Jahr 1972 begann er ein Studium am Reed-College in Oregon, hielt aber nur ein Semester durch. Der junge Mann war einfach zu unbeständig, er kam barfuss in die Uni, lebte ein Hippieleben. Quelle: Reuters
Von Hip-Hop-Künstlern erwartet das Publikum einen gewissen Hang zur Rebellion. Und auch Russell Simmons, Mitbegründer des legendären Rap-Labels Def Jam, hält nicht viel von einer konventionellen Karriere. Er besuchte das City College in New York, brach aber schon nach kurzer Zeit wieder ab. Simmons wollte lieber junge Rapper unterstützen. Quelle: dapd

So denken nicht alle Arbeitgeber.

Walter Kohl: Das stimmt. Leider. Wir tun uns in Deutschland traditionell schwer, offen über persönliche Niederlagen und Misserfolge zu sprechen. Gerade aus unseren Misserfolgen können wir am meisten lernen. Da sind die US-Amerikaner zum Beispiel deutlich weiter.

Frank Kübler: Ich glaube, wir erleben derzeit einen Wandel. Grund ist die Demografie, die perspektivisch zu einem Fachkräftemangel führt. Gute Führungskräfte wissen, auf Dauer werden sie nicht mehr zehn Bewerber für eine Stelle haben. Sie müssen offener gegenüber Leuten mit einem nicht-linearen Lebenslauf sein. Und gleichzeitig müssen leitende Angestellte versuchen zu verhindern, dass Angestellte hinwerfen. Sie müssen die Menschen, die im Betrieb sind, motivieren. Motivieren, sich ständig fortzubilden und im Unternehmen zu bleiben.

Und dank der Rente mit 63 Jahren möglicherweise noch länger, als sie müssen…

Frank Kübler: Richtig. Das kommt noch hinzu. Hier braucht es Führung. Die Entscheidungsträger müssen sich mehr um die Mitarbeiter kümmern. Es gibt oftmals Leute, die sind im Betrieb schlicht vergessen worden. Die haben seit Jahren kein Lob, keine Wertschätzung mehr bekommen. Da braucht man sich nicht wundern, wenn die nur noch Dienst nach Vorschrift machen.

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