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Weihnachtsmann im Interview „Manche Weihnachtsfeiern eskalieren wirklich extrem“

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„Der Weihnachtsmann bekommt den ganzen Frust ab“

Wie läuft so ein Auftritt ab?
Zuerst muss der Termin stimmen. Das ist leider das größte Problem: Die Leute versteifen sich leider auf den 6.12., 18 Uhr, und auf den 24.12, 17 Uhr. Die sind innerhalb kürzester Zeit weg oder schon dauerhaft besetzt.

Das ist doch nicht überraschend.
Ein Dreijähriger weiß aber doch gar nicht, wann der 6.12., oder wann 18 Uhr ist. Im Zweifel ist es ihm auch egal, ob der Weihnachtsmann nun am 7.12. die Geschenke bringt. Aber gut. Wenn der Termin passt, schaue ich: Passt der Inhalt? Gerade bei Firmenweihnachtsfeiern gibt es manchmal ganz komische Vorstellungen. Letztens erst wollte eine Firma mal nur den Knecht Ruprecht buchen, das haben wir auch nicht so ganz begriffen. Aber gut, wir haben einen gefunden. Und dann kommt die Aufgabe an diejenigen, die uns gebucht haben, sich Gedanken zu machen: Was soll ins Goldene Buch? Wie ist der zeitliche Ablauf? Dann findet das Vorgespräch statt, da muss man wie ein Eventmanager alle Eventualitäten berücksichtigen. Wo kann man sich umziehen? Wir kommen ja nicht im Kostüm angefahren.

Wie dann?
Wir arbeiten ja mit Illusionen. Und was, wenn man den Weihnachtsmann im rostigen Auto entdeckt, der an der roten Ampel wartet? Das ist zwar lustig, man wird angehupt, aber für Kinder ist das doch komisch. Ich erzähle denen schließlich, ich komme im Schlitten durch die Nacht geritten und lande auf den Dächern. Deswegen: so nah wie möglich am Auftrittsort umziehen. Was nicht geht, ist die Toilette: Ich hinterlasse ja Sachen, Ersatzteile. Und wenn der Bart herunterfällt, auf oder in eine Toilette, zieht man den nie wieder an. Der absurdeste Ort, an dem ich mich mal umgezogen habe, war im Düsseldorfer Medienhafen in einem Schiffsmotorraum. Und apropos Illusion: Ich war mal gebucht mit Knecht Ruprecht und Christkind, und wir haben es zu dritt nicht geschafft, alle Geschenke für das Kind reinzutragen. Da habe ich dann zum Kind gesagt, demnächst müsse das Christkind wohl mit dem LKW vorfahren, um alle Geschenke abzuliefern. Da sprang die Mutter auf und rief: Ach, die Geschenke lagerten doch alle im Keller.

Sie unterscheiden zwischen drei Auftrittsarten.
Richtig: im Kaufhaus, privat und bei Firmen.

Was sind die Unterschiede?
Bei einem Kaufhaus-Auftritt weiß ich nicht, wer da kommt. Da geht es eher darum, kleine Süßigkeiten zu verteilen. Beim Privatauftritt treffe ich auf eine definierte Menge an Menschen, die harmonisch zusammenpasst. Also im besten Fall: harmonisch. Jedenfalls in klarer Abgrenzung zum Firmenauftritt, dort sind die Leute garantiert in einem Spannungsverhältnis: Chef – Angestellte. Und es gibt einen Wettbewerb unter den Leuten, und eine Menge an Disharmonie, wenn Alkohol geflossen ist. Manche Weihnachtsfeiern eskalieren wirklich extrem, und dann ist das Ventil: der Weihnachtsmann. Der bekommt dann den ganzen Frust ab.

Wie lösen Sie das Problem?
Wir treten maximal zwei Stunden nach Beginn einer Firmenfeier auf, denn so schnell können sich die Leute nicht dicht saufen. Am Anfang meiner Weihnachtsmannzeit bin ich mal nach 23 Uhr auf eine Firmenfeier gekommen, da war kein Mensch mehr auf zwei Beinen. Ich habe nichts vorlesen können, es hat auch kaum jemand Notiz von mir genommen. Da war es aber sehr harmonisch. Und als ich ging, zupfte mir eine Dame am Hosenbein, wedelte mit einem Umschlag und meinte, es sei ganz suuuper gewesen! Da war meine Gage drin, eigentlich gibt’s hinterher eine Rechnung. Bar quittieren im Kostüm mache ich ungern.

Weihnachtsmann-Darsteller Stefan Dößereck Quelle: privat

Wie lange dauert so ein Auftritt?
Der Kaufhaus-Auftritt kann lange dauern. Ein Kollege von mir macht seit Jahren an einem Samstag im Dezember in einem Kaufhaus von morgens zehn bis abends zwanzig Uhr. Der frühstückt dabei geschätzte zweieinhalb tausend Kinder ab. Jedes: ein Geschenk, ein Foto, und weiter. Die stehen kilometerlang Schlange. Der ist danach natürlich alle. Und reizüberflutet wie sonst was. Die anderen Auftritte sind in der Regel zwischen 30 und 45 Minuten. Ich habe auch schon mal einen Heiratsantrag übermittelt, da stand der Bräutigam direkt hinter mir. Das war dann nach drei Minuten geregelt. Aber die Braut wollte mich nicht mehr gehen lassen, weil sie so einen Spaß mit dem Weihnachtsmann hatte. Generell sollten die Kinder genug Zeit haben, dem Weihnachtsmann ihre Anliegen, ihre Sorgen und Wünsche zu erzählen. Das ist manchmal auch hochgefährlich, wenn Kinder unbedarft anfangen zu plappern.

Zum Beispiel?
Etwa: Der Papa hat gestern der Mama in den Hintern getreten oder Schlimmeres – und die Eltern stehen daneben.

Was machen Sie dann?
Da muss der Weihnachtsmann dann moderieren: Das ist aber nicht so toll… aber dann das Gespräch schnell wieder in die Richtung lenken, dass das Kind mir eher von seinen Fehltritten erzählt, als von denen der Eltern. Es darf natürlich sagen, dass der Papa nicht mehr rauchen soll. Ich habe auch Freiheiten. Einmal hat mir ein Mädchen ein langes Gedicht komplett auswendig aufgesagt. Da habe ich dann spontan entschieden, darauf zu verzichten, sie zu maßregeln, dass sie ihr Zimmer nicht aufräumt. Bei einem Jungen stand mal, er solle nicht mehr ins Bett machen, das habe ich dann überlesen.

Sind Sie auch Erzieher? Vorbild?
Es gibt einen Ehrenkodex zwischen uns Weihnachtsmännern deutschlandweit. Der Kodex besagt zum Beispiel, dass man im Kostüm immer freundlich ist, immer ein sauberes Kostüm trägt, niemals raucht, isst, trinkt, telefoniert im Kostüm.

Wegen der Illusion.
Ja, und das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten. Aber ich bin schon mal von Eltern begrüßt worden mit den Worten: Sie sind der erste Nikolaus, der zu uns kommt, der nicht besoffen ist. Auch ein No-Go: Egal, ob Erwachsene oder Kinder – ich und meine Kollegen gehen in keine Veranstaltung mehr rein, wo wir vorher schon einen Weihnachtsmann-Auftritt hatten. Denn dann geht die Mystik verloren. Man wird sehr oft noch eingeladen: Kommen Sie doch nochmal rein, auf ein Bier oder ein Würstchen! Nein. Man wird sofort erkannt. Und ich versuche auch den Erwachsenen ein bisschen den Glauben an den Weihnachtsmann zu geben.

Im Ernst?
Sie können ja sagen: Den Weihnachtsmann gibt’s nicht. Ich halte dagegen: Wir wissen, wie er aussieht, wir wissen wann er vorbeikommt, und wir wissen was er macht. Beweisen Sie mir mal, dass es ihn nicht gibt. Und Stichwort Popularität: Wir legen mal ein Foto von mir im Weihnachtsmannkostüm neben Fotos der zwei angeblich mächtigsten Menschen der Welt, Angela Merkel und Herrn Trump oder meinetwegen auch Herrn Putin. Ich nehm’s mit allen auf. Ich bin sicher: Ich werde von den meisten Menschen als Weihnachtsmann erkannt. Bei 1000 Menschen haben sie vielleicht einen halben dabei, der den Weihnachtsmann nicht erkannt oder nicht diese Freude entwickelt, wenn er ihn sieht.

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