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Wirtschaftspsychologe „Jede Minute zu viel im Zoom-Raum beeinträchtigt das Wohlbefinden“

Zoom, Teams und Webex ermöglichen die Zusammenarbeit von zu Hause aus. Doch werden sie falsch genutzt, leidet die Gesundheit. Quelle: imago images

Seien Sie ehrlich: Haben Sie die ständigen Zoom-Meetings auch satt? Der Wirtschaftspsychologe Guido Hertel rät bei Videokonferenzen nicht umsonst zu Minimalismus. Er erklärt, wie die wenigen Meetings zum Erfolg werden.

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WirtschaftsWoche: Herr Hertel, unser Gespräch hätten Sie lieber am Telefon geführt. Was haben Sie gegen Zoom?
Guido Hertel: Überhaupt nichts! Ich frage mich nur vorher immer, ob eine Videokonferenz wirklich notwendig ist. Grundsätzlich sind Meetings im Arbeitsalltag immens wichtig, das steht außer Frage. Doch sie erfordern gerade in der aktuellen Situation mehr Disziplin bei der Planung als je zuvor.

Warum das?
Videomeetings sind nur ein sehr sinnvoller Baustein des Zusammenarbeitens. In der Pandemie muss dieser Baustein jedoch für alles herhalten. Dabei verursachen zu viele Videomeetings und vor allem Fehler im Umgang mit den Programmen geistige Erschöpfung. Die sogenannte Zoom-Fatigue ist kein Mythos. Ihr möchte ich vorbeugen, wenn ich Videokonferenzen möglichst dosiert nutze.

Unter Zoom-Fatigue verstehen Forscher das auslaugende Gefühl, wenn man im digitalen Meetingraum hockt. Was sollten Führungskräfte beachten, um dies zu verhindern?
Etwa dass das Meeting dann auch richtig terminiert ist. Jede Minute zu viel im Zoom-Raum beeinträchtig Motivation und Wohlbefinden. Meistens sind auch die Pausen nicht angemessen, da sich Meetings im Kalender nahtlos aneinander reihen: Das eine Meeting endet um 12 Uhr, das nächste beginnt dann schon. Da bleibt keine Zeit mehr, um auf die Toilette zu gehen, sich einen Kaffee zu holen und das letzte Meeting noch zu verarbeiten.

Zoom-Experte: Guido Hertel ist Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie und Dekan des Fachbereichs Psychologie und Sportwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein Buch „Management virtueller Teams“ erschien bereits im Jahr 2002. Quelle: Privat

Viele Führungskräfte verzweifeln daran, dass in den Meetings keine Diskussion, kein Fortschritt entsteht. Wie kann der Chef dafür sorgen, dass sich möglichst viele Kollegen beteiligen?
Die Führungskraft sollte im Meeting als Moderator auftreten und die Teilnehmer mit Namen ansprechen, um sie zu motivieren. Außerdem sollte sie schon vorher delegieren, dass auch die Kollegen zu ihren Themen referieren – und nicht nur die Führungskraft selbst spricht. So überwinden die Mitarbeiter die Hürde, sich einfach so in die Diskussion einzuschalten und sind direkt Teil davon.

Ab wann ist ein Meeting denn zu groß, um es angemessen moderieren zu können?
Ich versuche Meetings mit 30 oder mehr Leuten zu vermeiden. Zu erwarten, dass sich dann jeder beteiligt, ist illusorisch. Das funktioniert einfach nicht. Vielmehr sollte ein Moderator die Kollegen, die nur bei einzelnen Punkten der Agenda etwas sagen müssen, dazu holen und wieder verabschieden. Das geht bei Tools wie Zoom spielend leicht. Wenn Sie in 90 Minuten Meeting nur zehn Minuten gebraucht werden, ist es ineffizient, die vollen anderthalb Stunden vor Zoom oder Teams zu sitzen. Eine Führungskraft signalisiert durch diese individuelle Planung: Ich respektiere eure Lebens- und Arbeitszeit.

Fühlen sich Mitarbeiter hingegen nutzlos, widmen sie sich gerne Nebentätigkeiten. Etwa dem Ausräumen des Geschirrspülers. Um das zu unterbinden, ordnen manche Führungskräfte eine Kamerapflicht an.
Ich halte nichts von einer durchgehenden Kamerapflicht, nicht zuletzt auch aufgrund der hohen Energiebelastung. Außerdem sehen wir uns bei eingeschalteter Kamera die gesamte Zeit selbst, das sind wir sonst nicht gewöhnt und es stresst uns zusätzlich.

Diese Selbstbeobachtung zählt auch zu den Auslösern der Zoom-Fatigue. Wir haben das Kamerabild hier im Interview allerdings durchgehend angeschaltet, können uns in die Augen sehen. Ist das also falsch?
Nein. In kleinen Runden oder bei bestimmten Punkten im Meeting ist der Blickkontakt sehr wichtig. Bei Seminaren und Strategiemeetings unseres Teams hier am Lehrstuhl sage ich meist zu Beginn: Wir schauen uns alle zuerst einmal in die Augen. Wenn danach eine längere Präsentation folgt, können die Zuhörer die Kamera gerne ausschalten. Manche können sich so sogar besser auf das Gesagte konzentrieren. Und ganz ehrlich: Wenn jemand aus dem Team bei einer längeren Präsentation den Tisch aufräumt, Geschirr wegbringt und trotzdem zuhört, ist mir das deutlicher lieber als jemand, der vor dem Rechner hängt, Rückenschmerzen kriegt und vor lauter Langeweile wegdriftet.

Wie ist das in Ihren Vorlesungen und Seminaren? Da werden Sie doch kaum um große Meetings herumkommen, bei denen sich womöglich nicht jeder zu Wort meldet.
In der Lehre trifft das zu, ja. Doch auch in analogen Vorlesungen beteiligt sich ja nicht jede Studentin und jeder Student. Das ist auch nicht der Anspruch. Anders ist es ein unserem wöchentlichen Meeting, um einmal alle aus dem Team zu sehen. Auch das Sekretariat ist dann dabei. Diese Runden leite ich selbst. Und auf Ebene der Gesamtuniversität bin ich als Dekan bei vielen Videomeetings einer von mehreren Teilnehmern – und leite sie nicht.



Sie kennen also beide Seiten. Zeit für ein Zwischenfazit: Sind Videokonferenzen nun Fluch oder Segen?
Videokonferenzen kategorisch zu kritisieren, ist nicht ganz fair. Sie sind einfach nicht dafür gedacht, Menschen stundenlang vor der Kamera zu fesseln. Die allermeisten Probleme mit Videomeetings entstehen, weil wir falsch mit der Technologie umgehen. Nicht weil die Technologie schuld ist. Wir können froh sein, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, während einer Pandemie zu konferieren. Was wäre denn die Alternative?

Mehr zum Thema: Die Ära der vollständigen Heimarbeit nähert sich dem Ende, doch Videokonferenzen werden den Alltag weiterhin prägen. Führungskräfte tun sich schwer, die digitalen Meetings zu leiten. Und die Mitarbeiter telefonieren nebenbei oder schmeißen gar den Haushalt. Dabei braucht es nicht viel, um das besser hinzubekommen.

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