Zehn Jahre Gleichbehandlungsgesetz Diskriminierung bleibt Thema

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, sagt Artikel 3 des Grundgesetzes. In der Praxis sieht das oft anders aus: Diskriminierung ist auch in Deutschland noch alltäglich. Was haben zehn Jahre Gleichbehandlungsgesetz gebracht?

Diese Fehler verbauen Frauen die Karriere
1.  Frauen lassen sich von Stellenanzeigen einschüchternKeine Frage, Bewerber sollten Stellenanzeigen sorgfältig durchlesen. Aber zu viel Sorgfalt schadet eher. Ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Online-Stellenbörse Jobware. 151 Männer und 79 Frauen lasen darin 150 Stellenanzeigen. Währenddessen wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet, hinterher bewerteten die Studienleiter ihre Aussagen. Das Ergebnis: Frauen klickten im Schnitt nicht nur auf mehr Jobprofile, die sie auch länger durchlasen. Mehr noch: Sie ließen sich wesentlich stärker von vermeintlich männlichen Stellentiteln und Qualifikationen beeindrucken – und wollten sich gar nicht erst bewerben. Ein Indiz dafür, dass sich Frauen von manchen Anforderungen immer noch zu stark beeindrucken lassen. Ein Problem, das schon früh beginnt... Quelle: Fotolia
2. Schon Mädchen scheuen WettbewerbMatthias Sutter und Daniela Rützler von der Universität Innsbruck untersuchten in einer Studie das Verhalten von mehr als 1000 Kindern im Alter zwischen 3 und 18 Jahren. Sie sollten verschiedene Tests lösen, etwa Wettläufe oder Matheaufgaben. Als Belohnung erhielten sie kleine Geldbeträge. Im Verlauf des Spiels konnten die Kinder dann gegen Gleichaltrige antreten und dabei mehr verdienen. Bei den Jungen entschieden sich 40 Prozent für den Wettkampf unter Gleichaltrigen. Von den Mädchen wollten das nur 19 Prozent wagen. Quelle: Fotolia
3. Frauen unterschätzen ihre LeistungErnesto Reuben von der Columbia Business School gewann für sein Experiment ( .pdf) 134 Studenten. Alle hatten zwei Jahre zuvor verschiedene Aufgaben absolviert, jetzt sollten sie ihre damalige Leistung bewerten. Das Ergebnis: Die Männer überschätzen ihre tatsächliche Leistung um rund 30 Prozent überschätzt, die Frauen hingegen um weniger als 15 Prozent. Im zweiten Schritt teilte Reuben die Teilnehmer in Gruppen. Sie sollten einen Vertreter wählen, der für die Gruppe Geld gewinnen konnte. Das Ergebnis: Weil sie zu ehrlich waren, schafften es weibliche Teilnehmer drei Mal seltener als Männer, die Rolle des Anführers zu übernehmen. Quelle: Fotolia
4. Frauen lassen sich von Klischees beeinflussenMarina Pavlova vom Universitätsklinikum Tübingen reichte für ihre Studie im Jahr 2010 83 Medizinstudenten den Abschnitt eines Intelligenztests. Dabei sollten sie eine Reihe von Bildern in die richtige Reihenfolge zu bringen. Doch vorab gaukelte Pavlova der einen Hälfte der Teilnehmer vor, dass Frauen bei dieser Aufgabe generell besser abschneiden. Die andere Hälfte erfuhr, dass Männer darin bessere Ergebnisse erzielen. Ergebnis: Die Frauen ließen sich von negativen Aussagen viel stärker beeinflussen als Männer. Deren Leistung litt kaum unter der Vorab-Information. Quelle: Fotolia
5. Frauen sind schneller zufriedenDer Soziologe Stefan Liebig von der Universität Bielefeld analysierte für seine Studie ( .pdf) Daten des Sozio-oekonomischen Panels. In dieser Langzeitstudie machen 10.000 Deutsche regelmäßig Angaben zu Ihrem Beruf und Privatleben. Liebig wollte wissen, ob sie ihr aktuelles Einkommen als gerecht empfanden - und falls nein, welches Nettogehalt angemessen wäre. Wenig überraschend: Etwa jeder dritte Befragte fand sein Einkommen ungerecht. Doch das Einkommen, das Frauen als gerecht empfanden, lag noch unter dem tatsächlichen Gehalt von Männern. Egal ob Akademikerin oder Reinigungskräfte: Frauen hatten finanzielle geringere Ansprüche. Quelle: Fotolia
6. Frauen scheuen Jobs mit WettbewerbAndreas Leibbrandt und John List schalten für ihre Untersuchung Stellenanzeigen in neun US-Städten – in zwei verschiedenen Versionen. Die eine Ausschreibung suggerierte, dass das Gehalt nicht verhandelbar sei. Die andere behauptete, dass das Gehalt Verhandlungssache sei. Fazit: Bei letzterer Stelle bewarben sich wesentlich mehr Männer. Offenbar meiden viele Frauen Jobs mit starkem Konkurrenzdenken. Quelle: Fotolia
Ein Mann hält einen Zettel mit der Aufschrift "Job gefällig?" in der Hand Quelle: dpa
6. Chefinnen unerwünschtNicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.     Quelle: Fotolia
 Eine Frau steht mit zwei Paar Schuhen vor ihrem Kleiderschrank Quelle: dpa
10. Frauen streben seltener nach FührungspositionenEin Team von Organisationspsychologen um Jörg Felfe von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg untersuchte für eine Langzeitstudie ( .pdf) „Führungsmotivation im Geschlechtervergleich“. Kurios: Zwar hatten die Frauen häufig wesentlich mehr Potenzial als die Männer. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie nach einer steilen Karriere strebten. Ganz im Gegenteil: Laut Felfe haben sie haben mehr Bedenken als Männer, in einer Führungsposition zu versagen und befürchten, Arbeit und Familien nicht vereinbaren zu können. Deshalb fahren sie „auf der Karriereautobahn mit angezogener Handbremse“. Quelle: Fotolia
11. Frauen kommunizieren Ihre Schwächen, nicht ihre StärkenFrauen kommunizieren anders als Männer. Nämlich sprechen sie rund 20-mal häufiger über ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten als über ihre Stärken und Erfolge, wie Studien zeigen. So verkaufen sie sich unter Wert. Denn im Berufsleben ist "ich kann das nicht" keine Botschaft, die einen weiter bringt. Quelle: Fotolia

Hat sich denn gar nichts geändert? Frauen klagen über schlechtere Bezahlung als ihre männlichen Kollegen, Behinderte über die Benachteiligung bei der Jobsuche, Muslime über geringere Chancen auf dem Wohnungsmarkt, ein Ausländer kritisiert die verweigerte Aufnahme in ein Fitness-Studio oder eine Mutter das Still-Verbot in einem Café: Diskriminierung ist immer noch allgegenwärtig, obwohl 2006 das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG) eingeführt wurde.

Seitdem sind die Kontroversen um das Thema nicht verstummt. Was manche einen Sieg für die Menschenrechte nannten, war für andere entweder sinnlos und teuer, oder eben nicht konsequent genug. Am Dienstag soll nun zehn Jahre später eine Bilanz gezogen werden. Wissenschaftler legen einen sogenannten Evaluationsbericht vor.

Mit dem Gesetz sollte Benachteiligung aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, wegen einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität eingedämmt werden. Und das nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Zivilrecht, etwa bei der Anmietung einer Wohnung, oder im Alltagsleben, im Sportverein zum Beispiel.

Das Gesetz war nach langem Streit auf Druck der EU und des Europäischen Gerichtshofs zu Zeiten der großen Koalition aus Union und SPD beschlossen worden. Der Anfang war holprig. Die Unterschrift des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler verzögerte sich, Nachbesserungen am Gesetzestext waren notwendig. Die Wirtschaft bezifferte die zusätzlichen Kosten auf 1,73 Milliarden Euro pro Jahr. Juristen befürchteten eine Klagewelle - dazu kam es aber nicht.

Hinterfragen Sie sich selbst: Stimmen diese Klischees über Frauen und Männer im Job?

Nach einer Umfrage 2015 haben immer noch 31,4 Prozent der Menschen in Deutschland nach eigener Aussage in den letzten zwei Jahren Diskriminierungserfahrungen gemacht, 14,8 Prozent wegen ihres Alters, 9,2 Prozent wegen ihres Geschlechts, 8,8 Prozent wegen ihrer Religion oder Weltanschauung. Die meisten Beschwerden betreffen die Arbeit, aber auch in der Freizeit, bei Behörden, im Gesundheitswesen oder eben auf dem Wohnungsmarkt wird Diskriminierung gemeldet.

Ein erster wegweisender Prozess 2007: Ein Betriebsrat zieht vor Gericht, weil die Frauen in einem Logistikunternehmen rund 300 Euro weniger verdienen als Männer - bei gleicher Arbeit. 2009 stellt das Arbeitsgericht Berlin fest, dass „Deutsch als Muttersprache“ eine diskriminierende Jobanforderung ist. 2010 wird eine Immobilienverwalter zu Schadenersatz verurteilt, weil er nicht an Schwarze und Türken vermieten will.

2013 stärkt das Bundesarbeitsgericht den Kündigungsschutz für Aidskranke und andere chronisch kranke Angestellte. 2016 kündigt Justizminister Heiko Maas (SPD) an, nach einem entsprechenden Gutachten die Rehabilitierung homosexueller Männer, die nach dem Paragrafen 175 verurteilt worden waren, voranzubringen. Aber auch so etwas gibt es: Der Europäische Gerichtshof entscheidet vor kurzem gegen sogenannte „AGG-Hopper“, die sich auf viele Stellen bewerben, um anschließend nach dem AGG eine Diskriminierung etwa aus Altersgründen einzuklagen.

Nach zehn Jahren AGG gibt es Reformbedarf, etwa wird immer wieder die Einführung eines Verbandsklagerechts gefordert. Damit könnten nicht nur einzelne Betroffene, sondern eben auch Organisationen wir die durch das AGG geschaffene Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor Gericht ziehen. Die Wirtschaft aber warnt vor weiteren Vorschriften, auch wenn sich ihr grundsätzlicher Widerstand gegen das Gesetz inzwischen entkrampft hat. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert den Gesetzgeber auf, „sich mit weiterer Regulierung zurückzuhalten“. Ziel müsse ein „Klima der Offenheit und Toleranz sein, das nicht auf Angst vor Strafen, sondern auf kluge Argumente und positive Erfahrungen setzt.“

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