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Zurück an den Herd Zerstört Corona Frauen-Karrieren?

Zuviel gleichzeitig führt selten zu guten Ergebnissen. Quelle: imago images

Mehr Frauen als Männer wuppen in der Coronakrise neben dem eigenen Job auch Homeschooling und Haushalt. Der Rückschritt bei der Gleichberechtigung verheißt nichts Gutes für ihre Karrieren.

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Um drei Jahrzehnte sei der erreichte Fortschritt zurückgeworfen, so das düstere Szenario der Soziologin Jutta Allmendinger am Sonntagabend in der Talkshow „Anne Will“. Frauen fänden sich in der Coronakrise in traditionellen Rollen wieder – und die Situation jetzt sei erst der Anfang, auch wenn inzwischen erste Lockerungen für Schulen und Kitas in Aussicht sind. Die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) lieferte damit eine sehr pessimistische Prognose für Frauenkarrieren. Liegt sie richtig? 

30 Jahre Rückschritt würden zum Beispiel bedeuten: Eine Frauenerwerbsquote von unter 60 Prozent (laut Statistischem Bundesamt waren es 57 Prozent im Jahr 1991, in den Folgejahren sogar nur 55 Prozent) statt 72 Prozent wie heute (Zahl von 2018) – nicht zuletzt weil es Anfang der Neunziger kaum eine Betreuung für Kinder unter drei Jahren oder Ganztagsschulen gab, zudem keine Elternzeit für Väter und weit weniger infrage gestellte Rollenbilder.

Gewiss, diese Rahmenbedingungen haben sich geändert. Abwegig ist der Vergleich Allmendingers trotzdem nicht: Das WZB stellte kürzlich in der Online-Umfrage corona-alltag.de fest, dass 16 Prozent der Eltern jetzt weniger arbeiten, wobei dies vor allem Frauen betrifft. Einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zufolge haben 24 Prozent der Frauen ihre Arbeitszeit reduziert, außerdem seien es deutlich häufiger Frauen, die sich wegen der geschlossenen Kitas und Schulen vom Arbeitgeber haben freistellen lassen. „Wenn ich ein fünfjähriges Kind und einen Job habe, der Anwesenheit am Arbeitsplatz erfordert, bleibt nur die Freistellung, wenn der Partner nicht übernimmt“, sagt Bettina Kohlrausch von der Universität Paderborn, die die Studie für die Hans-Böckler-Stiftung verfasst hat.

Die zeigt: Der entscheidende Unterschied zum Deutschland vor 30 Jahren ist, dass Mütter nun gleichzeitig noch im Homeoffice ihrer Erwerbsarbeit nachgehen, während sie sich die meiste Zeit des Tages um die Kinder kümmern. „Alle Zeitbudgetstudien belegen, dass Frauen in Doppelkarriere-Partnerschaften schon vor Corona mehr Sorgearbeit geleistet haben. Jetzt bleiben Hausarbeit und Betreuungsarbeit noch mehr als zuvor an den Frauen hängen, es ist also weiter verschärft“, sagt Kohlrausch. Laut Böckler-Studie erhalten zudem nur noch 62 Prozent der Paare eine zuvor gleiche Aufteilung der unbezahlten Arbeit aufrecht.

Denn es fällt schlicht auch mehr unbezahlte Arbeit an als sonst: Vor Corona waren in Doppelverdienerfamilien Eltern und Kinder tagsüber außer Haus. Mehr Zeit zu Hause bedeutet eben auch: Mehr Waschen, Kochen und Putzen. Obendrauf sind Beschulung und Beschäftigung für die Kleineren und das zu leisten, was Wissenschaftler emotionale Arbeit nennen: Die Sorge darum und dafür, dass es allen gut geht. Auch hier sind die Bedürfnisse durch die aktuelle Krise eher gestiegen.

Tausende Frauen machen inzwischen in sozialen Netzwerken und in Medien darauf aufmerksam, dass es ihnen unmöglich ist, dies alleine zu leisten. Warum nehmen sie ihre Partner nicht hartnäckiger in die Pflicht? Die Verhandlungen darüber, wer was übernimmt, fänden zum Teil einfach nicht statt – weil sich die Ereignisse überschlagen, vermutet Soziologin Kohlrausch. Oder die Verhandlungen gingen zulasten des Partners aus, der weniger verdient – und das sind in vielen Fällen die Frauen. 

Die Dynamik ist ähnlich wie bei der Frage, wer wie viel Elternzeit für das gemeinsame Kind nimmt. Auch hier zeigen Statistiken, dass Männer sehr viel seltener aktiv werden. Während aber in der Elternzeit die Arbeit ruht und Kündigungsschutz besteht, ist in der Coronakrise das Gegenteil der Fall. Mit fatalen Folgen für die finanzielle Unabhängigkeit. Karriere machen derzeit eher diejenigen, die nun den Krisenbewältiger mimen: die Männer.



Interessant ist auch der Befund der Böckler-Studie, dass Frauen das Homeoffice mit all den zusätzlichen Anforderungen und ständiger Ablenkung als weniger belastend empfinden. Männer klagten häufiger über die Entgrenzung, „Frauen kennen es vermutlich einfach nicht anders, als dass immer viel zu tun ist und es selten möglich ist, sich nur auf den Job zu konzentrieren“, so das nüchterne Fazit der Soziologin. Vielleicht auch dies ein Grund, warum weniger Männer ihre Arbeitszeit reduzieren.

Ausweg „Superwoman“

Immerhin: In diesem Befund steckt auch ein möglicher Ausweg für Frauen, die eben nicht zurück in die Neunziger wollen. Die britische Autorin Sally Howard nennt es den Superfrau-Modus. In ihrem Buch „The Home Stretch“ beschreibt Howard, wie Frauen mit der ungerechten Arbeitsteilung umgehen. „Sie gehen in einen Superfrau-Modus und versuchen, einfach alles zu schaffen, um nicht bei der Karriere zurückzustecken“, sagt Howard im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Dies funktioniere bei manchen länger, bei anderen weniger lange – und hinterlässt in jedem Fall Spuren. „Die Superfrauen sind häufiger depressiv und in schlechterer gesundheitlicher Verfassung.“ Davor schütze auch eine steile Karriere nicht: „Frauen, die mehr verdienen als ihr Partner, leisten sogar noch mehr als er, als ob sie etwas wieder gut machen müssten. Ein Paradox“, sagt Howard.

Zeigt die Coronakrise am Ende also nur, dass der Traum von der Vereinbarkeit von Familie und Karriere schon immer eine Illusion war? Sally Howard macht nicht so düstere Prognosen wie Allmendinger. Sie sieht vielmehr eine Chance. War vor Corona die Lösung für viele Doppelverdienerpaare, die Hausarbeit an sozial schlechter gestellte bezahlte Arbeitskräfte auszulagern, lege die Krise nun offen, dass dies nur Notlösungen für ein viel grundlegenderes Problem waren.

Frauenkarrieren stünden jetzt an einem Wendepunkt: Kurzfristig hätten Frauen zwar einen Rückschlag hinzunehmen, sagt Howard. „Aber die Akzeptanz von Homeoffice kann manches verbessern. Und die ganzen männlichen Büroarbeiter, die in denselben Haushalten leben, wo jetzt Schule, Arbeit und Hausarbeit gleichzeitig stattfinden, sehen mal, was das alles bedeutet.“ Vielleicht ein Anreiz, die Last in Zukunft wieder gleichmäßiger zu verteilen – und damit auch die Karrierechancen?

Ein Selbstläufer, da ist sich selbst die zuversichtliche Britin sicher, wird das nicht. „Frauen müssen wachsam bleiben, damit sie nicht in die 50er-Jahre-Falle tappen.“ Wie das gelänge? „Nicht zu offensiv vom Brotbacken schwärmen wäre ein Anfang“, sagt sie mit Blick auf all die nostalgischen Posts von Frauen bei Instagram während des Lockdowns.

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