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Zwischen Depression und Selbstverwirklichung Das verhängnisvolle Glücksversprechen der Arbeit

Von der Arbeit erwarten viele Menschen Glück und Selbstverwirklichung. Und zugleich berichten die Krankenkassen mal wieder über berufsbedingte Rückenschmerzen, Depressionen und Burnout. Wenn es da mal keinen Zusammenhang gibt!

Zehn kurze Wege zum Burn-Out
6. Das VeränderungsmodellDas besagt diese Theorie: Auftauen, verändern, wieder einfrieren - das ist das Motto dieser Theorie. Kurt Lewin vergleicht sein Modell mit einem Eiswürfel, den man in einen Eiskegel verwandelt. Nach seiner Argumentation motiviert man durch den dreistufigen Prozess die Menschen dazu, dass sie den Wandel wollen. So wenden Sie diese Theorie an: Seien Sie sich darüber im Klaren, welche Veränderungen Sie vornehmen wollen und warum sie nötig sind. Danach steht die Gewinnung von Unterstützung im Mittelpunkt. Dabei heißt es geschickt sein: Diejenigen, die für das Geld zuständig sind, wollen finanzielle Gewinne sehen. Die Personalabteilung dagegen fordert positive Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Aber unterschätzen Sie nicht die Macht der Kollegen: Sie müssen die Vorteile der Veränderung verstehen - das ist entscheidend für den Erfolg. Quelle: dpa
Umfangreiche Aufgaben ganz klein machen Quelle: Fotolia
Ausbeuterischer Arbeitgeber Quelle: Fotolia
Konkurrenzkultur Quelle: Fotolia
Soziale Vereinsamung Quelle: Fotolia
Zu wenig Freizeitaktivität Quelle: dpa
Grenzenlose Arbeit Quelle: dpa

Karl Marx hat doch noch gewonnen. Zumindest was die Wertschätzung der Arbeit angeht. Das „Feuer der Gestaltung“ nannte der große Dialektiker sie, und glaubte, dass „die Gesellschaft nun einmal nicht ihr Gleichgewicht“ finde, „bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.“

Die modernen Menschen sind in dieser Hinsicht Marxisten. Sie halten ihre Arbeit für das Zentrum des Lebens. Fast alles scheint sich in unseren gegenwärtigen, westlichen Gesellschaften um die Erwerbsarbeit zu drehen. Die Ökonomie herrscht unangefochten. Aber ob die Menschen dadurch ihr Gleichgewicht gefunden haben, kann man durchaus bezweifeln.

Dass Arbeit Depressionen, Rückenschmerzen und anderes Unglück mit sich bringen kann, zeigt nicht erst der heute erschienene Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse. „Vielen sitzt der Stress buchstäblich im Nacken“, heißt es in der Pressemitteilung der TK. Die Fehlzeiten auf Grund von „psychischen und Verhaltensstörungen“ haben im Vergleich zum Jahr 2000 um rund 70 Prozent zugenommen.

Diese Berufe machen depressiv
MontagsbluesBesonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken. Allein in Deutschland haben nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen eine Depression, die behandelt werden müsste. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages. Quelle: dpa
Journalisten und AutorenDie Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben. Quelle: dpa
HändlerDer Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent. Quelle: dpa
Parteien, Vereine & Co.Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.
UmweltschutzDer Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen. Quelle: AP
JuristenAls mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv. Quelle: dpa
PersonaldienstleisterAuf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich. Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Unzählige Studien dokumentieren das wachsende Ausmaß arbeitsbedingter psychischer Leiden, meist unter dem Stichwort Burn-Out zusammengefasst. Gleichzeitig mit der TK veröffentlicht die Konkurrenz von der DAK ihre Sonderauswertung ihres vor einigen Tagen erschienenen Gesundheitsreports zum Thema „Stressbewältigung und Burn-Out-Prävention“. Man findet fast täglich einen Anlass, um über Burn-Out zu berichten.

Und diesem Volksleiden an der Arbeit steht auf der anderen Seite das große Versprechen der Selbstverwirklichung durch die Erwerbsarbeit gegenüber. Kindern wird von früh auf eingetrichtert, dass ihr Glück in einem tollen Beruf zu finden sei. Und die meisten glauben das. Die emotional entwurzelten, von den traditionellen Sinnangeboten der Religion oder des Nationalstolzes entkoppelten Menschen suchen in Ermangelung von Alternativen die Selbstverwirklichung, das Glück, allein in der Erwerbsarbeit. Oder zumindest Spaß!

Was für eine Katastrophe ist es für Menschen, die solcherart alles auf eine Karte setzen, wenn die nicht sticht! Wenn die Arbeit nicht das Selbst verwirklicht, kein Glück bringt. Nicht mal Spaß.

Stattdessen nur Erschöpfung. Der Psychologe und Deutschland-Versteher Stephan Grünewald sieht uns als „erschöpfte Gesellschaft“. In seinem gleichnamigen Buch, entstanden auf der Grundlage tausender Tiefeninterviews, schreibt er über Menschen, die am Ende des Tages nichts spüren als „bleierne Müdigkeit“, die ihnen immerhin beweist, dass sie sich „rechtschaffen abgearbeitet“ haben.

Nicht der Sinn und Zweck der Arbeit, nicht ihr Ergebnis steht im Mittelpunkt, sondern die schiere Arbeit als Selbstzweck. Sie ist zur Sonne geworden, um die sich alles dreht. Aber diese Sonne wärmt nicht mehr nur, sie verbrennt die Menschen auch.
Arbeit ist für viele junge Menschen, was sie für unsere Ahnen nie war: die ganz große Verheißung. Und gerade dadurch kann sie erst zur ganz großen Enttäuschung werden, die sie für unsere weniger enthusiastischen Vorfahren nicht sein konnte.

An die Möglichkeit eines permanenten Glückes am Arbeitsplatz glaubt der Soziologe und Historiker Richard Sennet ohnehin nicht. „Aber ich bin davon überzeugt, dass sich das Gefühl einer grundlegenden Zufriedenheit einstellt, wenn man das Gefühl hat, seine Sache gut zu machen“, schreibt er im Sammelband „Architekten der Arbeit“ von Sven Rahner. „Um das zu erreichen, müssen Menschen die Möglichkeit haben, über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahre hinweg gleiche oder sehr ähnliche Aufgaben zu bearbeiten. Das Flexibilitätspostulat im Personalmanagement der letzten Jahre steht dieser Erkenntnis diametral gegenüber: Die Leute werden permanent von einer Aufgabe zur anderen geschoben, um sie ständig auf einem Niveau der Einarbeitung und Unsicherheit zu halten. Damit wird letztlich das Gefühl der Genugtuung, das sich nach einer erfolgreich erledigten Aufgabe einstellt, zerstört.“

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