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Bosbach-Jauch-Prinzip

Seien Sie nicht zu perfekt

In der Politik zeigt sich gerade eine Trendwende: Wer zu seinen Fehlern steht, hat mehr Erfolg als kühle Perfektionisten. Denn Menschen wollen echte Typen. Sowohl in der Politik als auch in Wirtschaft oder Gesellschaft.

Bosbach-Jauch-Prinzip: Warum Ihnen zu viel Perfektionismus schadet Quelle: dpa

Wem vertrauen Sie eher? Sigmar Gabriel? Dem gelernten Lehrer, der immer so wirkt, als wisse er alles und nichts zugleich. Der innerhalb weniger Tage Außenminister können will und sich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Stern" selbst dazu ausgerufen hat...

Oder Martin Schulz? Der stets zu seinen Brüchen im Leben stand und offen über seine Alkoholabhängigkeit gesprochen hat. Heute ist der Schulabbrecher, verhinderte Fußballer, Buchhändler, Bürgermeister und EU-Präsident zu einer ernsthaften politischen Bedrohung für Angela Merkel geworden.

Warum? Weil er nicht nur auf seine Kompetenz setzt, sondern weiß, dass man Menschen in erster Linie als Mensch erreicht. Und so trat Schulz am Sonntag bei der Talkshow „Anne Will“ sehr geschickt als empathischer Politiker auf, der „nicht um den heißen Brei herum redet“ und sogar Weltpolitik von seinen Nachbarn in Würselen her denkt. Auf Strecke wird ihn „die hart schuftende Mitte“ an diesen Worten messen und hoffen, dass sie nicht bloß Inszenierung sind. Fürs Erste hat der Kandidat alles richtig gemacht.

Über die Autoren

Ähnlich geht es den meisten Zuhörern bei den CDU-Kult-Politikern Norbert Blüm oder Wolfgang Bosbach. Unterm Strich ist es egal, ob der eine den Medien ein bisschen zu viel erzählt oder der andere fast nur noch mit lustigen Quiz- und weniger durch ernsthafte Debattenbeiträge auffällt. Die Deutschen haben sowohl „Nobbi“ als auch „Wobo“ wegen ihres gesunden Menschenverstands immer gern und oft zugehört.

Dauer-Talk-Gast wird man sicherlich nicht, indem man penetrant bei den Redaktionen anklopft, sondern weil die Macher einen hören und sehen wollen. Sei es aus Quoten-Kalkül oder weil Redakteure mal wieder jemanden brauchen, der die Dinge verständlich, emotional und unterhaltsam auf den Punkt bringt. Ein gewisses Mittelmaß ist da durchaus von Vorteil. Zuviel Habitus und Eloquenz schaden eher dem Erfolg beim breiten Publikum.

Der Mensch zählt

Günther Jauch landet beispielsweise stets auf den vorderen Rängen, wenn man die Deutschen fragt, wen sie als Bundespräsident haben möchten. Ob er es wirklich könnte und wie politisch er ist, ist offenbar zweitrangig. Der Mensch zählt. Mit all seiner Durchschnittlichkeit. So war Jauch als Politik-Talker immer dann am stärksten, wenn er wirklich etwas verstehen wollte und einfach wie ein Bürger fragte und nicht investigativ wie ein Star-Journalist.

Die zweifellos intelligenten, aber zu glatten Auftritte und abgehobenen Betrachtungen eines Peer Steinbrück oder eines Guido Westerwelle wurden hingegen medial gern verschmäht. Erst als Westerwelle von seiner Krankheit schwer gezeichnet vor das Volk trat, entdeckten viele zum ersten Mal den Menschen Guido hinter dem FDP-Chef Westerwelle – und mochten ihn. Auch Peer Steinbrück hatte solche Momente: Sein legendärer Satz „Hätte, hätte Fahrradkette“ hatte zwar – wie so oft – leichten Schnösel-Touch, blieb aber in Erinnerung, weil er für Steinbrücksche Verhältnisse wie ein emotionaler Ausbruch wirkte.

Auch als der damalige Kanzlerkandidat auf der SPD-Bühne wässrige Augen bekam, weil sich seine Frau darüber aufregte, dass ihr Mann in der Öffentlichkeit falsch verstanden und zu wenig gewürdigt werde, lugte der Mensch Peer hervor. Aha! Hinter der intellektuell-kühlen Fassade steckt doch jemand mit Gefühlen... Zu spät, um die Niederlage bei der Bundestagswahl noch abzuwenden. Denn auch in der Wahlkabine gilt: Mensch schlägt Programm!

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