Business-WG Die neue WG-Romantik der modernen Jobnomaden

Nach dem Coworking kommt das Coliving: Die künftige Heimat moderner Jobnomaden sind Riesenwohngemeinschaften. In den Business-WGs verwischen die Grenzen zwischen Büro und Badezimmer.

WG-Fernsehzimmer Quelle: Andreas Fechner für WirtschaftsWoche

Dass Robby Gill derzeit in der Düsseldorfer Augustastraße seinen Wohnsitz hat, beweist nur ein neongelber Klebezettel auf dem Belegungsplan. Und auch der flüchtige Blick in das 18 Quadratmeter große Zimmer des 34-Jährigen deutet an: Diese Bleibe ist bloß eine Durchgangsstation.

Vor zwei Wochen ist der Betriebswirt aus Heidelberg hier eingezogen. Sechs Monate wird er bleiben – so lange, wie sein Projekt bei der Werbeagentur Ogilvy voraussichtlich dauert.

Zusammen mit 30 Mitbewohnern, darunter Berufsanfänger und Selbstständige, wohnt Gill in einer umgebauten Büroetage im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf – in einer ganz neuen Form der Wohngemeinschaft, einer Art Business-WG.

Das Wohnkonzept ist gedacht für Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Berufstätige, die neu in der Stadt sind, aber nicht lange bleiben. Das Modell ist die Antwort auf eine Entwicklung, die den Arbeitsmarkt schon länger verändert und noch dramatisch verändern wird.

Die Arbeitsformen werden flexibler, es gibt immer mehr Projektarbeit bei verschiedenen Auftraggebern, Teilzeitbeschäftigung und befristete Arbeitsverträge. Um 53 Prozent hat die Zahl der sogenannten atypischen Erwerbsformen seit 1998 laut Statistischem Bundesamt zugenommen. Inzwischen lebt fast jeder dritte Arbeitnehmer mit einem Teilzeitjob oder einem befristeten Arbeitsvertrag oder hat sich selbstständig gemacht. Deshalb schließen sich in Großstädten immer mehr Einzelkämpfer zu Bürogemeinschaften zusammen, den sogenannten Coworking Spaces (siehe auch WirtschaftsWoche 15/2010).

Beruflicher und privater Schnellstart

Dieser Trend setzt sich nun im Privaten fort: aus Coworking wird Coliving.

Die neue Wohnform hat schließlich, was andere Übergangsmodelle nicht haben: Sie ist billiger als ein Hotel und liefert, anders als etwa Boarding-Häuser, in die sich Projektarbeiter befristet einmieten können, ein buntes, soziales Netzwerk gleich mit.

„Die WG schafft die optimalen Voraussetzungen für Leute, die einen Schnellstart hinlegen wollen – beruflich und privat“, findet zum Beispiel der 27-jährige Bulgare Valeri Vuchev, der als Risikomanager bei der Düsseldorfer Hypothekenbank arbeitet und sich kürzlich in Düsseldorf eingemietet hat.

Zu den Erfindern der Riesenwohngemeinschaften in Deutschland zählt Sascha Eggers. Der Ex-Schauspieler startete vor fünf Jahren als einer der Ersten ein solches Projekt in einer Hamburger Villa.

Entstanden ist daraus inzwischen die „Students-Lodge“ in Eppendorf. Unter dem Dach des fünfstöckigen Jugendstilhauses leben derzeit 58 Bewohner auf 1300 Quadratmetern, darunter Mitarbeiter von Airbus, Beiersdorf und Siemens.

„Die meisten befinden sich in der Probezeit oder hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten“, sagt der 31-jährige Eggers. Ihre Mietverträge können wie ihre Arbeitsverträge kurzfristig gekündigt oder verlängert werden – jeweils vier Wochen im Voraus. „Alle hier sind in der gleichen, unsicheren Situation. Deshalb klappt das so gut.“

Nach Hamburg und Düsseldorf sollen bald weitere WGs dieser Art entstehen – in Köln, Frankfurt und München gibt es bereits konkrete Pläne. Ebenso in Düsseldorf-Pempelfort, wo schon Anfang Juni in der Gneisenaustraße eine zweite Berufskommune für 50 Personen eröffnen soll. Hauseigentümer Bernd Prasuhn baut derzeit das ehemalige Bürogebäude um.

Während sich in der Hamburger Riesen-WG die knapp 60 Jobnomaden einen Kühlschrank teilen, geht es in der Düsseldorfer Jobkommune deutlich komfor-tabler zu: Hier gibt es sogar Sauna, Whirlpool und einen Hemden-Abholservice.

Im Taubenschlag der Wanderarbeiter leben und arbeiten Marketingexperten und Personalmanager von L’Oréal, Vodafone und Henkel, aber auch selbstständige Kreative und IT-Berater sowie einige Banker sind darunter. Die Mischung ist bunt – und das ist auch so gewollt.

WG-Bewohner Quelle: Andreas Fechner für WirtschaftsWoche

Zwischen Samstagsbrunch und Saunagang klagen sich die Jobnomaden ihr branchenübergreifendes Leid, helfen sich bei Bewerbungen und diskutieren Geschäftsideen. So entstehen neben einem privaten sozialen Netzwerk auch nützliche berufliche Kontakte.

Überhaupt vermischt sich in den Riesen-WGs häufig Berufliches und Privates. Oft bis in die Nacht sitzen die Bewohner dann gemeinsam an dem langen schwarzen Holztisch mit den roten Hängelampen und diskutieren bei Käsetoastbrot und Tiefkühlpizza über Programmierungsprobleme, Investmentstrategien oder das nächstgelegene Manikürestudio.

Job und Sozialleben liegen für viele der Bewohner eng beieinander: Bei nicht wenigen ist das Büro ohnehin gleich dort, wo sie ihren Laptop aufklappen. Und das kann auch schon mal in der gemeinsamen WG-Küche sein.

So ergibt sich inmitten der vielen freischaffenden Jobnomaden eine kollektive Ressource, auf die viele gerne zurückgreifen. So wie Deborah Heidt.

Die 24-jährige Unternehmerin zog bewusst wegen solcher Synergien in die Düsseldorfer Business-WG. Vor neun Monaten entwickelte sie dort ihre Geschäftsidee: das Internet-Portal Snamibo, auf dem sich Kunden seit April persönliche Snackboxen zusammenstellen können.

Den schnellen und erfolgreichen Start verdankt sie ihren Mitbewohnern: Der freie Programmierer Andreas Grieb gestaltete ihre Homepage, L’Oréal-Marketingmanager Wilhelm Joubert wiederum stand für die Werbefotos Modell. Auch die Zulieferer für die verschiedenen Snacks wählte Deborah Heidt mithilfe ihrer Mitbewohner aus: Sie durften von dem Knabberzeug kosten und mussten es anschließend bewerten.

Auch als Karriere-Katalysator liegt die Business-WG damit voll im Trend. „Soziale Kontakte sind heute das A und O für den beruflichen Erfolg“, weiß der Kölner Psychologe und Karriereberater Manuel Tusch. „Mitarbeiter mit einem weiten sozialen Netzwerk sind einfach innovativer und produktiver.“

Robby Gill etwa hat sich an das Leben und Arbeiten im Dauer-Provisorium längst gewöhnt: In Stuttgart und Neuseeland hat er studiert, in Karlsruhe, Stuttgart, Heidelberg und Frankfurt gearbeitet. Noch bis Ende Juli will er bei Ogilvy Internet-Projekte betreuen – was danach kommt, weiß er nicht.

„In meiner Branche ist es normal, ständig die Stadt zu wechseln. Familiäre Strukturen sind mit diesem Lebensstil nicht zu vereinbaren“, erzählt der Dauermobile. „Die Business-WG ist da eine gelungene Alternative: eine nette Zweckgemeinschaft.“

Doch in die Gemeinschaft darf nicht jeder: Veronique Peters, Chefin der Düsseldorfer WG, entscheidet in einem persönlichen Gespräch mit den Anwärtern allein, ob ein Bewerber passt oder nicht.

Ein festes Schema habe sie dabei zwar nicht, aber sie lege Wert darauf, dass der Kandidat sich natürlich und authentisch präsentiere. Außerdem achte sie auf eine Ausgewogenheit bei Berufsgruppen und Geschlecht: In Derendorf sind derzeit nur 30 Prozent der WG-Bewohner weiblich. Es dürften aber mehr sein.

Ein weiteres Ausschlusskriterium ist für manchen Anwärter allerdings auch der Preis: Ein etwa 28 Quadratmeter großes Zimmer kostet in Derendorf 475 Euro zuzüglich 30 Euro für die WG-Kasse, für 18 Quadratmeter muss man 330 Euro berappen. In dem zweiten Düsseldorfer WG-Projekt sollen die 20 Quadratmeter großen Zimmer sogar 500 Euro kosten. Das ist nicht gerade günstig, nicht einmal für Düsseldorf.

Allerdings ist das damit verbundene Angebot durchaus sehenswert: Neben Whirlpool und Sauna wird es einen nutzbaren Konferenz- sowie einen Fitnessraum geben.

Die Kündigungsfristen sind zudem sehr flexibel: nur zwei Wochen zum Ende des Monats. Auch Möbel können mitgebracht werden oder im WG-eigenen Möbel-Pool geliehen werden. „Wir wollen noch stärker auf die Bedürfnisse der Berufstätigen eingehen“, sagt Investor Bernd Prasuhn.

Auch in der Hamburger Students-Lodge, wo Sascha Eggers allein bestimmt, wer einzieht und wer nicht, sind die Preise nicht gerade ein Schnäppchen: Die möblierten Zimmer kosten bei ihm zwischen 375 und 530 Euro und sind zwischen 10 und 30 Quadratmeter groß.

Und trotz aller WG-Romantik: Die Riesenwohngemeinschaften haben auch ihre anonyme Seite. So kennen sich die meisten Bewohner oftmals nur beim Vornamen und wissen allenfalls, in welcher Stadt ihr Gegenüber zuvor gewohnt hat. Weil jeder nur auf der Durchreise ist, bleibt das Gros der Kontakte oft zwangsläufig oberflächlich – und die Bewohner zumindest gemeinsam einsam. 

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