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Chefs und Karriere Die Rache der Bewerber

Chefs, die während des Vorstellungsgespräch auf ihrem Handy tippen, telefonieren oder ein Eis essen – etliche Firmen leisten sich Haarsträubendes im Umgang mit Bewerbern. Dabei schaden sie sich selbst.

Viele Chefs benehmen sich Bewerbern gegenüber im Vorstellungsgespräch desinteressiert und unhöflich. Das bleibt nicht ohne Folgen. Quelle: getty images

Sie sind Geschäftsführer oder Personaler? Dann sollten Sie niemals in einem Vorstellungsgespräch mit einem Bewerber gemütlich ein Eis essen, dabei gelangweilt auf dem Smartphone tippen und nebenbei noch unpassende Kommentare abgeben. Das kann sich nämlich böse rächen – erst recht, wenn Sie sich bei dem Kandidaten nach dem Gespräch nie wieder melden. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Berliner E-Recruitingagentur Softgarden unter 1.500 Bewerbern.

Was ein Bewerber im Bewerbungsverfahren erlebt, prägt demnach nicht nur seine Sicht auf den Arbeitgeber, sondern auch auf das Unternehmen insgesamt. Wer im Umgang mit Kandidaten pampig und desinteressiert ist, vergrault nicht nur den Bewerber, sondern schneidet sich damit auch ins eigene Fleisch. Denn es sind auch die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens betroffen, wenn der Umgang mit den Kandidaten mangelhaft ist. Die Bewerber differenzieren nämlich in ihrem Kopf nicht zwischen Unternehmens- und Arbeitgebermarke.

Die Rache der enttäuschten Bewerber
Was Bewerber in Bewerbungsverfahren und im Umgang mit Recruitern erleben, beeinflusst nicht nur ihre Sicht auf Arbeitgeber. Auch der Blick auf das Unternehmen insgesamt, seine Produkte oder Dienstleistungen ist davon betroffen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage, für die der Berliner E-Recruitingdienstleister softgarden 1500 Bewerber online befragt hat. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick. Quelle: getty images
Derzeit sind Bewerbungsprozesse, Arbeitgeber- und Unternehmensmarke als Aufgaben in den meisten Unternehmensorganisationen organisatorisch voneinander getrennt. In den Köpfen der meisten Bewerber jedoch fließen diese Aspekte zusammen. 88 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass ihre Erlebnisse bei der Jobsuche ihre Sicht auf Arbeitgeber beeinflussen, für 74 Prozent gilt das auch für das Unternehmen insgesamt und seine Produkte oder Dienstleistungen. (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online
Machen Bewerber negative Erfahrungen bei der Bewerbung, hat das negative Folgen für die Unternehmen, denn die Bewerber differenzieren nicht zwischen Unternehmens- und Arbeitgebermarke. Immerhin 11 Prozent der Teilnehmer kaufen nach einer negativen Erfahrung mit der Bewerbung erst einmal keine Produkte des Unternehmens mehr. (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online
Auch schlechte Bewerbungsprozesse beeinflussen das Verhalten von Bewerbern in ihrer Rolle als Konsumenten. Daher ist es beispielsweise sehr wichtig, dass sich die Recruiter vor dem Gespräch gut über den Kandidaten informieren. Für fast alle Teilnehmer (91 Prozent) der Studie spielt es auch eine Große Rolle, ob sie eine zeitnahe Rückmeldung auf ihre Bewerbung erhalten und dass Online-Bewerbungen technisch stabil und zuverlässig ist (91 Prozent). (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online
„Unsere Umfrage zeigt, dass es für ein positives Kandidatenerlebnis gleichermaßen auf Verhaltens- wie auf Prozessaspekte ankommt. Unternehmen sollten an beiden Stellschrauben drehen“, sagt Dominik Faber, Geschäftsführer der softgarden e-recruiting: „Denn schlechte Bewerbungsverfahren schädigen Marken.“ (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online
Aus welchen Gründen würden Sie ein Bewerbungsverfahren abbrechen? Für zwei Drittel der Befragen (60 Prozent) steht fest: Zeigt der Recruiter im Gespräch keine Wertschätzung, möchte man auch bei dem Unternehmen nicht arbeiten. Genauso ungünstig sind Online-Bewerbungsprozesse, die nicht richtig funktionieren und unverständlich oder unfreundlich formulierte E-Mails (50 Prozent). (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online
Fast jeder zweite Befragte hat schon einmal einen Bewerbungsprozess unterbrochen. In den meisten Fällen (39 Prozent) wurde „Technische Instabilität“ als Ursache genannt, gefolgt von „Keine oder späte Rückmeldung auf die Bewerbung.“ Aber auch langsame Prozesse (24 Prozent) und schlecht informierte Recruiter (19 Prozent) können dazu führen, dass ein Bewerber das Weite sucht. (Grafik: Softgarden.de) Quelle: Handelsblatt Online

So stimmen 88 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass ihre Erlebnisse bei der Jobsuche ihre Sicht auf Arbeitgeber beeinflussen und für 74 Prozent gilt das auch für das Unternehmen insgesamt und seine Produkte. Schlechte Bewerbungsprozesse beeinflussen aber auch ganz konkret das Verhalten von Bewerbern in ihrer Rolle als Konsumenten: Immerhin 11 Prozent der Teilnehmer kaufen nach negativen Erfahrungen mit der Bewerbung erst einmal keine Produkte des Unternehmens mehr.

Bewerbungsstrategien für den Traumjob

Doch damit nicht genug. Machen Bewerber negative Erfahrungen bei der Bewerbung, wird nicht nur die Arbeitgebermarke beschädigt und der Zugang zu möglichen Talenten erschwert (43 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass in diesem Fall „das Unternehmen als Arbeitgeber erst einmal für ein paar Jahre gestorben ist“). Ein Bewerber, der sich schlecht behandelt fühlt, wird darüber hinaus auch sehr schnell zu einem negativen Multiplikator. So raten 49 Prozent der Teilnehmer Bekannten und Freunden von einer Bewerbung ab. Wer will schon dafür verantwortlich sein, dass sich der beste Freund nicht wohl in seinem neuen Job fühlt.

Wie Sie als Arbeitgeber punkten können

Etwa 10 Prozent der enttäuschten Bewerber drücken ihren Unmut anschließend auch durch eine negative Bewertung auf einer Arbeitgeberbewertungsplattform aus. Solche Portale sind sehr beliebt und es kann eigentlich keinem Unternehmen egal sein, wie es auf diesen Plattformen dasteht – schließlich gehören derartige Bewertungen auch zur Außendarstellung.

Fünf typische Schlüsselfragen im Vorstellungsgespräch
Auf diese typischen Fragen sollten Sie im Vorstellungsgespräch gefasst sein1. „Erzählen Sie etwas von sich“Es ist wie im Lebenslauf - hier möchte ein Personaler nichts Privates lesen und daher im Gespräch nicht Privates hören. Es sei denn, es ist tatsächlich für die künftige Tätigkeit relevant. Also lieber nicht von der Beziehung zum Lebenspartner sprechen, sondern über den Hintergrund der beruflichen Biographie. Für eine gute Antwort kann man sich den richtigen Ansatz holen, indem man eine Gegenfrage an den Personaler stellt: „Wo soll ich beginnen?“ oder „Was möchten Sie genau wissen?“ Quelle: Fotolia
2. „Warum wollen Sie Ihre aktuelle Stelle verlassen?“Auf jeden Fall vermeiden: negative Äußerungen über den momentanen Arbeitgeber. Wer es doch tut, sagt mehr über sich selbst, als über die vermeintlichen Umstände, unter denen er angibt zu leiden. Wer Konflikte am Arbeitsplatz zu bewältigen hat, sollte deutlich machen, dass er versucht hat, diese zu lösen. Eleganter antwortet ein Bewerber auf diese Frage, indem er aufzählt, warum er beim neuen Arbeitgeber andocken möchte. Zum Beispiel: dass der Wechsel jetzt der richtige nächste Karriereschritt ist. Allerdings sollten Bewerber auch wissen, warum Sie sich für die ausgeschriebene Stelle beworben haben. Eine weiteres No-Go: Gehaltvorstellungen als Wechselgrund angeben. Quelle: Fotolia
3. „Welche Stärken und Schwächen haben Sie?“Die eigenen Schwachpunkte sollte man identifizieren können. Ebenso sollten Bewerber glaubhaft erläutern, wie Sie mit diesen Schwächen umgehen und dass Sie an diesen arbeiten können. Auf die Frage nach den Stärken: Lieber nicht sagen, dass man schlau ist oder besonders hart arbeitet. Das Risiko ist dann groß, dass Personaler entgegnen: „95 Prozent der Kandidaten vor Ihnen haben das gleiche gesagt. Was unterscheidet Sie von ihnen?“ Was auf jeden Fall nicht geht: Der Bewerber zeichnet sich als Superman oder Superwoman und gibt vor, keine Schwächen zu haben.
4. „Haben Sie kurzfristige Ziele?“Auch hier ist eine Gegenfrage angebracht: „Von welchem Zeitraum sprechen wir?“ Denn „kurzfristig“ kann für viele sechs Monate bedeuten – der Arbeitgeber meint aber vielleicht 18 oder 24 Monate. Klar ist auch: der Bewerber sollte die Ziele im Einklang mit der Position nennen, für die er vom künftigen Arbeitgeber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Die Antwort: „Ich möchte so schnell wie möglich aufsteigen“, sollte ein künftiger Angestellter lieber für sich behalten. Zuviel Ehrgeiz tut selten gut. Quelle: Fotolia
5. „Haben Sie noch Fragen?“Es ist eine der wichtigsten Fragen, die ein potenzieller Arbeitgeber stellen kann. Sie kommt stets am Ende des Vorstellungsgesprächs. Ein Bewerber wähnt sich dann bereits am Ziel – wenn die Chemie gestimmt hat und das Gespräch gut gelaufen ist. Und dann diese Frage. Die Antwort „Nein, danke“ ist fatal. Wer keine Fragen hat, der zeigt auch, dass er sich über die künftige Stelle keine Gedanken gemacht hat oder schlimmer: dass er kein wirkliches Interesse hat. Genauso falsch ist es nach folgenden Dingen zu fragen: „Was macht das Unternehmen genau?“, „Wie viel Urlaub bekomme ich?“, „Kann ich von zu Hause aus arbeiten?“ Lieber sollte der Bewerber Fragen stellen, die dem potenziellen Arbeitgeber helfen zu zeigen, dass er mit seinen Erfahrungen und Qualifikationen zu der ausgeschriebenen Stelle passen. Auch hier helfen Gegenfragen: über die Beschaffenheiten der künftigen Abteilung, über die Aufgaben, darüber, wie der Arbeitgeber Erfolg messen wird. Quelle: dpa

Welche Faktoren bringen nun aus Bewerbersicht Qualität in das Bewerbungsverfahren? Punkten können Arbeitgeber mit Schnelligkeit und einfachen technischen Online-Bewerbungen, bei denen beispielsweise nicht alles nochmal per Hand eingetragen werden muss, obwohl die Lebenslaufdaten ja bereits im Anhang zu finden sind. „Ich finde das Ausfüllen immer der gleichen eigenen Daten anstrengend“, berichtet ein Bewerber. „Deswegen finde ich es gut, wenn man die Möglichkeiten unserer Zeit nutzt, und die Daten aus einem Xing-Profil übertragbar macht.“

Auch wer seinen potentiellen neuen Arbeitnehmern eine schnelle Rückmeldung und Feedback auf seine Bewerbung gibt, hat gute Karten, sich das Talent zu angeln. Ein Kandidat lobt: „Terminabsprache für ein Vorstellungsgespräch zwei Stunden nach meiner E-Mail-Bewerbung. Und das bei einem Unternehmen mit weltweit 20.000 Mitarbeitern.“ Sogar Rückmeldungen, die automatisch versendet werden, kommen bei den Bewerben besser an, als gar keine Nachricht.

In Arbeit
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Gut 95 Prozent der befragten Bewerber sehen einen „starken“ oder „sehr starken Einfluss“ auf die Qualität des Bewerbungsprozesses auch darin begründet, ob die Recruiter sich vor dem Bewerbungsgespräch gut über den Kandidaten informieren. Für ebenfalls 95 Prozent kommt es auf eine „zeitnahe Rückmeldung“ auf die Bewerbung an. Und 91 Prozent schreiben der technischen Stabilität und Verlässlichkeit bei Online-Bewerbungen einen „starken“ oder „sehr starken“ Einfluss auf die Qualität des Bewerbungsprozesses zu, 90 Prozent einfach strukturierten Bewerbungsformularen.

„Unsere Umfrage zeigt, dass es für ein positives Kandidatenerlebnis gleichermaßen auf Verhaltens- wie auf Prozessaspekte ankommt. Unternehmen sollten an beiden Stellschrauben drehen“, sagt Dominik Faber, Geschäftsführer von Softgarden: „Denn schlechte Bewerbungsverfahren schädigen Marken.“

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