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Coaching Die Taktgeber

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Coaches kritisieren ehrlich. Von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten bekommen Führungskräfte „in der Regel nur politische Rückmeldung“, sagt Christopher Rauen, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching. Da bedarf es eines „unabhängigen Dialogpartners, der einen auf blinde Flecken aufmerksam macht“. In einer Gesprächssitzung wurde Rauen beispielsweise Zeuge, wie sein Kunde einen Mitarbeiter heftig kritisierte. „Jemanden vor Dritten bloßstellen und dann über dessen mangelnde Motivation klagen – ein typischer Fall von blindem Fleck“, sagt Rauen und spricht vom „Honecker-Effekt“: Der erste Mann im Arbeiter- und Bauernstaat sah in seiner DDR nur, was er sehen wollte. Doch wer dauerhaft erfolgreich führen will, braucht einen Hofnarren, der die Dinge beim Namen nennt. Unterschwellige Konflikte belasten nicht nur die Psyche, sie rauben auch Energie und behindern die Zusammenarbeit. Carlsberg-Personalchef Dombrowski offenbarte im Gespräch mit Coach Kottmann, dass er den Technikleiter mied. Was dessen Abteilung genau machte – keine Ahnung. Umgekehrt ließ der Kollege aus der Technik durchblicken, dass die Personaler nach seiner Ansicht im 1500-Mann-Betrieb nicht zur Wertschöpfung beitragen. Das Beispiel Carlsberg zeigt, „jetzt entdeckt auch der Mittelstand das Thema für sich“, sagt Wolfgang Looss, Gründungsvater des Coaching in Deutschland. Vorbei die Zeiten, da der Chef eines mittelständischen Betriebes nur seinem Hausarzt und Steuerberater vertraute – und vor allem sich selbst und seiner Fachkenntnis. Mitarbeiterführung hat er jedoch weder in der Ausbildung noch im Studium gelernt. Deshalb kommt die stetig wachsende Nachfrage nach individueller Beratung seit einigen Jahren hauptsächlich aus dem Mittelstand. In den kleinen und mittleren Unternehmen ist das Gros beschäftigt. Etwa 600.000 Führungskräfte arbeiten hier – für Trainer ein großes Potenzial möglicher Kunden. Der Boom beinhaltet aber auch eine Gefahr. Er zieht Scharlatane an, die sich die ungeschützte Berufsbezeichnung zunutze machen. Experten gehen von 3500 ausgebildeten, qualifizierten Coaches aus. Und von der fast zehnfachen Zahl selbst ernannter Trittbrettfahrer.

Die erste Welle schwappte Ende der Neunzigerjahre auf den Markt, als das Psychotherapeutengesetz mit seinen Ausbildungsrichtungslinien in Kraft trat. „Viele durften sich nicht mehr Psychotherapeut nennen und firmierten plötzlich als Coach, um damit in der Wirtschaft Geld zu verdienen“, sagt Harald Geißler, Professor für Pädagogik an der Hamburger Bundeswehr-Universität und Leiter der Forschungsstelle Coaching-Gutachten. Wer einen guten Trainer sucht, hat es mit einer weiteren Schwierigkeit zu tun: Der Coaching-Markt ist unübersichtlich und atomisiert. Allenfalls schließen sich die einzelnen Freiberufler zu Marketing-Netzwerken zusammen und bieten eine Fülle von Bindestrich-Beratungen an: Top-Management-Coaching, Karriere-Coaching oder interkulturelles Coaching. Der wachsende Beratungsbedarf fördert auch den Wildwuchs. Über 80.000 Treffer spuckt die Suchmaschine Google zum Begriff „Coaching“ aus. Hinter dieser Inflation steckt oft nur der Versuch, eine billige Form von Kursus mit dem neudeutschen Modenamen aufzuwerten. Und der Laie ist verwirrt. Für den Hamburger Wissenschaftler Geißler ein Fall von totalem „Marktversagen“: Der einzelne Verbraucher ist „mit dem Angebot überfordert“. Dass es zu 80 Prozent die Personalabteilungen und weniger Einzelkunden – meist Selbstständige – sind, die die Dienstleistung einkaufen, beruhigt nicht. „Viele Personaler haben fachfremde Hintergründe und behelfen sich mit Notlösungen“, sagt Geißler. „Sie richten Coaching-Pools mit Anbietern an, die nicht negativ aufgefallen sind. Und das ist es dann.“ Das Dickicht ist ideales Biotop für unnütze Verbände. Während es in anderen europäischen Ländern nur eine Berufsvereinigung von Coaches gibt, sind es in Deutschland fast 20, die in erster Linie dem Ego ihrer jeweiligen Vorsitzenden dienen. Weiterer Schwachpunkt: 200 Ausbilder — oft die Coaches der ersten Stunde — konkurrieren mit unterschiedlichen Zertifikaten.

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