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Dialog mit den WählernNRW-Politiker brauchen Nachhilfe in Auftreten und Kommunikation

Am 14. Mai wird in NRW gewählt: Der Rhetorik-Experte Michael Ehlers und unser Kolumnist haben analysiert, was die Spitzenkandidaten in ihrer Kampagne und ihrer Kommunikation dringend verbessern müssen.Jochen Maass 25.04.2017 - 09:16 Uhr

Winston Churchill, 18. Juni 1940

„Hitler weiß, dass er uns entweder auf dieser Insel brechen muss oder den Krieg verlieren wird. Wenn wir ihm die Stirn bieten können, wird ganz Europa frei sein, und das Leben der Welt wird in weite, sonnenbeschiedene Höhen aufsteigen. Falls wir aber scheitern, wird die ganze Welt einschließlich der Vereinigten Staaten, einschließlich all dessen, was wir kennen und lieben, im Abgrund eines neuen Dunklen Zeitalters versinken, das aufgrund des Lichts einer pervertierten Wissenschaft vielleicht noch dunkler sein und noch länger dauern wird.“

Kompromisslos, leidenschaftlich und visionär: Der britische Premier Winston Churchill ließ im Juni 1940 keine Zweifel daran, dass er gewillt ist, Nazi-Deutschland die Stirn zu bieten. Belgien, Dänemark, die Niederlande und Norwegen sind zu diesem Zeitpunkt bereits von den Deutschen besetzt sind und auch die Niederlage Frankreichs zeichnet sich ab. Churchill schmiedet Bündnisse, macht klar, dass Verhandlungen mit Hitler nicht in Frage kommen und schart die Engländer um sich. Mit Erfolg. In den Luftkriegen zwischen Großbritannien und Nazi-Deutschland kann sich zunächst keine Seite durchsetzen - als Teil der Allierten wendet sich ab 1943 das Blatt zugunsten des Anti-Hitler-Bündnisses.

Foto: dpa

John F. Kennedy, 26. Juni 1963

„Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur ein Mensch versklavt wird, ist niemand frei. Erst wenn alle frei sind, werden wir uns auf den Tag freuen können, da diese Stadt Berlin und dieser große Kontinent Europa in einer friedlichen und hoffnungsfrohen Welt wiedervereint sein werden. (...)  Alle freien Menschen, wo sie auch leben mögen, sind Berliner. Und als freier Mensch sage ich deshalb voller Stolz: Ich bin ein Berliner.“

Im Juni 1963, etwa zwei Jahre nach Beginn des Baus der Berliner Mauer als politische Grenze zwischen Ost- und Westberlin, reist der amerikanische Präsident John F. Kennedy in die geteilte Stadt - und hält eine denkwürdige Rede. 400.000 Menschen strömen auf die Straße und wollen sich vergewissern, ob die USA kompromisslos an der Seite West-Berlins stehen. So wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Rosinenbomber die Berliner versorgt haben. Kennedy enttäuscht die Berliner nicht, im Gegenteil. Vor dem Schöneberger Rathaus preist der US-Präsident die Werte der Freiheit und macht mit seinem legendären Schlusssatz ("Ich bin ein Berliner") deutlich, dass er die Sorgen und Ängste der Menschen versteht.

Foto: dpa Picture-Alliance

Martin Luther King, Jr., 28. August 1963

„Ich habe einen Traum: dass eines Tages auf den roten Hügeln Georgias die Söhne ehemaliger Sklaven und die Söhne ehemaliger Sklavenhalter sich gemeinsam an den Tisch der Brüderlichkeit werden setzen können. Ich habe einen Traum: dass sich eines Tages selbst Mississippi, ein Staat, der unter der brütenden Hitze der Unterdrückung leidet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandeln wird.“

Der Marsch auf Washington ist einer der Höhepunkte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, Jr., an dem rund 250.000 Demonstranten teilnehmen, um gegen die Gesetze zur Rassentrennung zu protestieren und sich für Gleichberechtigung und Freiheit einzusetzen. Die friedlichen Proteste, die mit dem Bus-Boykott der afro-amerikanischen Rosa Parks beginnen, die sitzen bleibt, als ein weißer Busfahrer ihren Platz einfordert, münden in der Verabschiedung des Civil Rights Act 1964 und dem National Voting Rights Act 1965. Sie setzen wichtige Meilensteine in der Geschichte, indem sie diskriminierende Wahltests für Afroamerikaner für rechtswidrig erklären und Rassentrennung in öffentlichen Räumen verbieten. Die Rede des Geistlichen King, die an besagtem Tag vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. stattfindet, trägt maßgeblich zur Einführung der neuen Gesetzte bei und geht aufgrund ihrer Brisanz und der dramatischen Worte in die Geschichte ein. King wird als Präsident der Southern Leadership Conference zur Ikone der Bewegung, die den zivilen Ungehorsam als Mittel gegen die Rassentrennung propagiert.

Foto: dpa Picture-Alliance

Malcom X, 14. Februar 1965

„Wir entdeckten, dass der Schwarze in diesem Land tief in seinem Unbewussten immer noch eher Afrikaner als Amerikaner ist. Er meint, er wäre eher Amerikaner als Afrikaner, weil er getäuscht und einer ständigen Gehirnwäsche unterzogen wird... Dass ihr in diesem Land seid, macht euch noch nicht zu Amerikanern (...). Ihr müsst die Früchte des Amerikanerseins genießen. Ihr genießt die Früchte nicht. Euch bleiben nur noch die Dornen. Euch bleiben nur die Disteln...“

Malcolm X, die ehemalige Führungsfigur der Nation of Islam (NOI), hält Mitte der Sechzigerjahre in Detroit eine bemerkenswerte Rede zum Lob der afrikanischen Abstammung, in der er seine Unstimmigkeiten mit der islamistisch-orthodoxen Organisation unter Elijah Muhammad ohne Scheu äußert und das Überlegenheitsdenken der weißen US-Amerikaner gegenüber den Afro-Amerikanern kritisiert. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass er dafür eine Woche später mit seinem Leben bezahlen muss, und zwar durch Schüsse dreier Mitglieder der Black Muslims. Malcolm X hatte sich allerdings bereits 1963 mit der Gründung einer eigenen „Organisation für Afroamerikanische Einheit“ und der Erklärung, dass die Ermordung Kennedys als Vergeltung für dessen Tun zu sehen sei, die Feindschaft der schwarzen Nationalismusbewegung gesichert. In die Geschichte ist er nach seinem tragischen Tod als führender Sprecher der radikalen Bürgerrechtsbewegung als Opposition zum zivilen Ungehorsam unter Martin Luther King eingegangen, der für die Werte der Afroamerikaner einstand und den weißen Rassismus ablehnte.

Foto: dpa Picture-Alliance

Ronald Reagan, 12. Juni 1987

„Es gibt ein eindeutiges Zeichen, das die Sowjets geben können und das die Sache der Freiheit und des Friedens dramatisch voranbringen würde. Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden wollen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa wollen, dann kommen Sie hierher zu diesem Tor! Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“

Gut ein Viertel Jahrhundert nach der legendären Rede John F. Kennedys vor dem Rathaus in Schöneberg hält auch der amerikanische Präsident Ronald Reagan eine bedeutende Ansprache in Berlin, in diesem Fall vor dem Brandenburger Tor. Reagan hebt die Missstände der kommunistischen Welt hervor und stellt ihnen die Wohlstandsgesellschaft und Freiheit Westberlins entgegen. Reagan appelliert in eindringlichen Worten an Gorbatschow, der Öffnung verspricht, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Der US-Präsident fordert, die deutsch-deutsche Grenze zu öffnen und die Mauer niederzureißen. Zwei Jahre später wird Reagans Wunsch Wirklichkeit.

Foto: dpa Picture-Alliance

Hans-Dietrich Genscher, 30. September 1989

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..."

Im Garten der bundesdeutschen Botschaft des Palais Lobkowitz in Prag suchen unzählige Botschaftsflüchtlinge Zuflucht, über die meterhohen Zäune der Botschaft sind Tausende Flüchtlinge auf das Gelände gelangt. Ihr Ziel: Die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland. Die Reise in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) ist Einwohnern der DDR auch ohne Visum gestattet. Der Abend des 30. September 1989 ist für sie - und die Geschichtsschreibung - einer der bedeutendsten auf dem langen Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands. Außenminister Hans-Dietrich Genscher lässt nach langen Verhandlungen mit der SED-Führung vom Balkon des Palais verlauten, dass das Ausreiseverbot über die Botschaften in die Bundesrepublik Deutschland aufgehoben ist. Es ist das gute Ende, auf das Tausende von Botschaftsflüchtlingen seit dem Sommer gehofft hatten. Seine Worte werden von den Jubelschreien der Flüchtlinge übertönt. Bis zur Öffnung der Grenze der CSSR erreichen weitere 20.000 DDR-Bürger auf diese Weise die Bundesrepublik. Genscher wird zu einer der tragenden Figuren der Wende.

Foto: dpa Picture-Alliance

Nelson Mandela, 02. Mai 1994

„Die Menschen haben sich für die Partei ihrer Wahl entschieden, und wir respektieren das. Das ist Demokratie. Ich reiche in Freundschaft den Führern und Mitgliedern aller Parteien die Hand und bitte sie alle, gemeinsam mit uns an der Lösung der Probleme zu arbeiten, vor denen wir als Nation stehen. Eine ANC-Regierung wird dem ganzen Volk Südafrikas dienen, nicht nur den ANC-Mitgliedern."

Drei Jahre, nachdem Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft wegen „Sabotage und Verrat an der weißen Minderheit“ 1991 aus dem Gefängnis freigelassen wird, hält er eine Ansprache zum triumphalen Wahlsieg des African National Congress, dessen Führung er von nun an übernimmt, um der Politik der Apartheid endgültig ein Ende zu setzen. Mandela, der so viele Jahre aufgrund seiner Ideale im Gefängnis verbracht hatte, kann nun – nach einer langen Zeit des Aufbegehrens – seinem Volk verkünden, dass es „endlich frei“ ist. Mandelas Worte sind ausgesprochen friedfertig und weisen keinen Funken Erbitterung über seine schicksalhafte Haftstrafe auf. Sie klingen wie ein Nachhall des berühmten Ausspruchs Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum.“ Sie richten sich an das afrikanische Volk, dem er eine gemeinsame Zukunft in einer friedlichen Demokratie verspricht. Südafrika wird zum Vorbild eines ganzen Kontinents.

Foto: imago images

George W. Bush, 11. September 2001

„Ein großartiges Volk sieht sich mobilisiert, eine große Nation zu verteidigen. Terroranschläge können die Fundamente unserer größten Gebäude erschüttern, nicht aber das Fundament Amerikas. Diese Terrorakte zertrümmern Stahl, aber der stahlharten amerikanischen Entschlossenheit können sie nichts anhaben. Die Vereinigten Staaten wurden das Ziel dieses Angriffs, weil wir das hellste Leuchtfeuer der Welt für Freiheit und Chancengleichheit sind. Und niemand wird verhindern, dass dieses Licht weiter leuchtet.“

Zwei Flugzeuge sind in das World Trade Center von New York geflogen und haben die Bürotürme zum Einsturz gebracht, zwei weitere Maschinen wurden von Terroristen entführt und als tödliche Waffe verwendet: Am 11. Spetember 2001 werden die USA von dem islamistischen Netzwerk Al Kaida angegriffen. Am Abend hält US-Präsident George W. Bush eine Rede an die US-Nation. Er verspricht, die Schuldigen aufzuspüren und die Freiheit zu verteidigen. Die USA ziehen in den Krieg gegen den Terrorismus und verlieren schnell das Maß aus den Augen. Die Skandale von Abu Ghraib und Guantánamo Bay beschädigen das Ansehen der USA.

Foto: dpa Picture-Alliance

Barack Obama, 4. November 2008

„(...) heute Abend muss ich vor allem an eine Frau denken, die ihre Stimme in Atlanta abgegeben hat. (...) Ann Nicxon Cooper ist 106 Jahre alt. Sie wurde nur eine Generation nach der Sklaverei geboren, in einer Zeit, als es noch keine Autos und Flugzeuge gab, als jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: weil sie eine Frau ist und wegen ihrer Hautfarbe. Heute Abend denke ich an alles, was sie im Laufe ihres Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten erlebt hat – an Kummer und Hoffnung, an Kämpfe und Fortschritte, an die Zeiten, als uns gesagt wurde, wir könnten es nicht schaffen, und an die Menschen, die an dem amerikanischen Glauben festhielten: Ja, wir schaffen das.“

Barack Obama, der Sohn eines kenianischen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter, schreibt im November 2008 Geschichte. Als erster Afro-Amerikaner wird er zum Präsidenten der USA gewählt. Mit den ermunternden Worten „Yes we can“ zeichnet der Kandidat der Demokratischen Partei den Beginn einer neuen Ära. Nicht nur brachte er die Demokraten zurück ins Weiße Haus, auch wurde er als erster afroamerikanischer Präsident zum Symbol des Triumphes im Kampf für die Gleichberechtigung der Rassen und Bürgerrechte. Nach zwei Amtszeiten des Republikaners George W. Bush will Obama die idealistischen Werte der Demokratie, Chancengleichheit und des amerikanischen Traumes wiederaufleben lassen. Neben konventionellen Dankesworten und einer Würdigung des Wahlgegners John McCain sorgte Obama mit dieser besonderen Anekdote von Ann Nicxon Cooper für eine rhetorische Meisterleistung.

Foto: dpa Picture-Alliance

Wladimir Putin, 18. März 2014

„Alles auf der Krim zeugt von unserer gemeinsamen Geschichte und unserem Stolz. (...) Die Krim hat heute insgesamt 2,2 Millionen Einwohner, davon sind nahezu 1,5 Millionen Russen, 350.000 sind Ukrainer, die überwiegend Russisch als Muttersprache haben, und 290.000 bis 300.000 Krimtartaren, die, wie das Referendum gezeigt hat, ebenfalls zu Russland tendieren... In den Herzen und Köpfen der Menschen war die Krim immer ein untrennbarer Teil Russlands.“

Die Annexion der Krim entfacht den ideologischen Krieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus nach dem Niedergang der Sowjetunion erneut. Der dominante russische Politiker Wladimir Putin setzt mit der gewaltsamen Einnahme der ukrainischen Provinz im März 2014 ein deutliches Zeichen, welches das friedliche Verhältnis zwischen Europa und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges auf eine harte Probe stellt. Die Macht des Kommunismus und einhergehende expansionistische Absichten sind seither präsenter denn je und lassen Gebiete mit ethnisch russischer Mehrheit zittern. In der vor der Föderationsversammlung gehaltenen Rede betrauert Putin den Zerfall der Sowjetunion und behauptet, russische Minderheiten durch die Annexion zu schützen.

(Ausführlichere Passagen aus vielen der hier vorgestellten Reden inklusive Hintergründen und Details bietet das Buch "Reden, die unsere Welt veränderten" aus dem Insel-Verlag)

Foto: dpa Picture-Alliance

Gemeinsam mit dem Rhetorik-Experten Michael Ehlers wollen wir etwas genauer hinschauen, wie die Parteien um Wähler werben. Denn Wahlkampf im größten Bundesland, das ist in der politischen Kommunikation quasi Prime-Time. Der WDR bietet zu dieser Wahl im Internet erstmals die Möglichkeit, sich in einem standardisierten Kandidatencheck über alle NRW-Politiker zu informieren. 20 Fragen, vier Minuten, keine Schnitte.

Jeder präsentiert sich so wie er mag. Dieser Auftritt ist eine Basis unserer Analyse. Hinzu kommen die Plakat-Kampagnen der Parteien.

Das Ergebnis unserer Bewertung: leider viel Mittelmaß aus der Mottenkiste der Kommunikation.

Hannelore Kraft, SPD

Die Kampagne: Die NRW-Ministerpräsidentin setzt vorrangig auf Persönlichkeit und ihre direkte Art. Kraft ist im Umgang gern mal herzlich bis ruppig, doch davon merkt man ihrer Wahlkampagne kaum etwas an. Die ist reichlich verkopft. Hashtag "NRWIR" steht neben Krafts Portrait-Foto. Klingt wie ein bemüht zeitgemäßes und Gemeinschaft suggerierendes Wortspiel, das stark an Radio-Claims wie "Wir von hier" erinnert. Entworfen wurde die Kampagne offenbar vor der Niederkunft des SPD-Messias Martin Schulz.

Denn das SPD-Logo ist so klein, als wolle Frau Kraft die eigene Partei verleugnen. Am gewagtesten sind bei der Kampagne die Themen-Plakate, in denen vollmundig von "Schlaumeiern" und "Malochern" die Rede ist, um damit die Regierungserfolge in puncto Bildung und Arbeitsplätzen herauszustellen. Dass die tatsächlichen Fakten in NRW eher bescheiden ausfallen, macht die Kampagne nicht gerade glaubwürdiger.

Zehn Tipps für die perfekte Rede
Wesentliches Fokussieren
Stichwörter aufschreiben
Präsenz schaffen
Zuhörer ansprechen
Satzzeichen sprechen
Sprechtempo drosseln
Gesten nutzen
Floskeln vermeiden
Wahrheit formulieren
Nervosität hinnehmen

Da wirkt das stylische Plakat einer Frau mit Hund am Schreibtisch vor dem iMac - während durchs Fenster schemenhaft die Ruine eines Zechenturms zu sehen ist - wie der verzweifelte Versuch der Werber, traditionelle Malocher-Klientel und "Generation Y" anzusprechen. Ein großer Spagat und sehr konstruiert.

Die Kommunikation: "Kraft punktet mit seriösen Attributen, die wir von einer deutschen Politikerin erwarten", analysiert Rhetorik-Trainer Michael Ehlers. Die Ministerpräsidentin vereint Verbindlichkeit und Gelassenheit. Mit ihrem Ruhrpott-Regiolekt und einem stetigen, teils verschmitzten Lächeln bricht sie mit dem politischen Konservatismus. Sie kann - je nach Publikum - auch derb. Ehlers: "So entsteht bei den Wählern der Eindruck, Hannelore Kraft sei in ihrem Amt als SPD-Alpha-Frau in NRW genau richtig."  

Der rote Faden

Ein wichtiges Merkmal für eine gelungene Rede ist der rote Faden. Erst wenn eine Ansprache logisch nachvollziehbar ist, werden die Zuhörer Ihrer Argumentation auch folgen – und sich überzeugen lassen. Die richtige Reihenfolge der Argumente im Kopf zu behalten, ist aber gar nicht so einfach. Die Loci-Methode hilft dabei, sich die Rede-Struktur einzuprägen. Dabei entsteht im Kopf eine vertraute, imaginäre Route, etwa von der eigenen Haustür bis zum nächsten Supermarkt, bei der an markanten Stellen Begriffe „abgelegt“ werden können. Bei der Präsentation oder der freien Rede können diese Schlagworte dann wieder – in der richtigen Reihenfolge – eingesammelt werden.

Foto: dpa

Gründe zeigen

Der Autor Simon Sinek hat untersucht, wie es Ikonen wie Martin Luther King oder dem Apple-Gründer Steve Jobs gelang, Massen von Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. In seinem Buch „Start with Why“ kommt Sinek zu dem Schluss, dass sie ähnlich dachten - und sprachen. In großen Reden ging es ihnen vor allem um das "Warum", nicht das übliche "Was?". Der Grund: Menschen lassen sich viel eher auf einer emotionalen Ebene mitreißen - etwa dann, wenn sie das Ziel und den Grund eines Projekts kennen.

Foto: dpa

Beispiele nutzen

Brillante Rhetorik, geschliffene Sätze: Niemandem nutzt die beste Rede, wenn sich kein Zuhörer den Inhalt merken kann. Aber auch dafür gibt es die richtigen Mittel: Beispiele. Lebhafte Beispiele sind häufig nicht schwer zu finden, insbesondere alltägliche Phänomene bieten sich an. Auch die beiden Wissenschaftler und Autoren Chip und Dan Heath sehen darin einen Schlüssel für eine gelungene Präsentation. In ihrem Buch „Made to Stick: Why Some Ideas Survive and Others Die“ beschäftigen sie sich mit der Kommunikation von Ideen. Ein Ergebnis: Erst mit anschaulichen, bildlichen Beispielen lassen sich Menschen überzeugen. Eine Studie ergab: Nur fünf Prozent einer Studentengruppe konnte sich an den Inhalt eines Vortrags erinnern - aber knapp zwei Drittel der Studenten konnten die Beispiele wiedergeben.

Foto: WirtschaftsWoche

Gesten sparsam einsetzen

Beim Gestikulieren gilt es, einen gesunden Mittelweg zu finden. Eine Studie der Psychologin Susan Wagner Cook von der Universität von Iowa ergab, dass gestikulierende Studenten Matheaufgaben effektiver erklären und sich zeitgleich auch eine Buchstabenfolge besser merken konnten als nicht-gestikulierende Kommilitonen. Die Psychologin vermutet, dass die Studenten durch das Gestikulieren mehr „Speicherplatz“ zur Verfügung hatten, mit dem sie sich – neben dem Erklären – noch auf eine andere Aufgabe konzentrieren konnten. Gerade bei Vorträgen ist das ein doppelter Vorteil, denn eine gute Präsentation erfordert wahre Multitasking-Fähigkeiten: Zum einen sollen die Informationen sicher vermittelt werden, andererseits muss der Redner auch die Bildschirmpräsentation bedienen oder auf Stimmungen im Publikum eingehen. Aber Vorsicht: Wer zu viel mit den Armen fuchtelt, der verliert seine Glaubwürdigkeit.

Foto: WirtschaftsWoche

Zielgruppe beachten

Nicht nur Inhalt und Wortwahl beeinflussen den Erfolg der Rede, sondern auch das Verhältnis zwischen Redner und Zuhörern. Der Rhetoriktrainer und Autor Ingo Vogel („So reden Sie sich an die Spitze“) rät, jede Rede und jeden Vortrag genau auf das Publikum abzustimmen. Denn ob die Familie, ob Kollegen oder sogar die Chefetage im Publikum sitzt, macht einen gewaltigen Unterschied. In allen Fällen gilt aber: Verbindungen aufbauen und von Gemeinsamkeiten ausgehen. In Familienkreisen können das längst vergangene Erfahrungen sein, in formaleren Situationen aber auch geteilte Sorgen oder Unternehmenserfolge.

Foto: WirtschaftsWoche

Kurz fassen

60 Sekunden - dann schweifen die Zuhörer ab. Laut Darlene Price, Autorin des Buches "Well Said! Presentations and Conversations That get Results", bleibt in der Regel nicht mehr Zeit, um das Interesse der Zuhörer zu wecken. Umso wichtiger ist es, einen interessanten und lebhaften Einstieg in das Thema zu schaffen. Price warnt davor, die Zeit mit halbherzigen Witzen, Danksagungen oder verwirrenden Details zu verschwenden. Besser: eine kurze, packende Geschichte zum Einstieg, die den Zuhörern die Relevanz und die Kernaussage der Rede deutlich macht.

Foto: WirtschaftsWoche

Klar ausdrücken

Im Mittelpunkt der Rede muss die Information stehen, nicht der Sprecher. In dem Artikel “The New Articulate Executive : Look, Act and Sound Like a Leader“ verrät der Berater Granville Toogood Tricks für gelungene Präsentationen. Ein Tipp: Immer verständlich reden - so wie in einem Dialog. Eine Studie konnte zeigen, dass Redner sich gerne mit Fremdwörtern und Fachbegriffen schmücken um intelligent zu wirken – aber bei ihrem Publikum genau das Gegenteil erreichen.

Foto: WirtschaftsWoche

Struktur wählen

Wählen Sie die Struktur Ihrer Rede je nach Anlass und Absicht. Ein Beispiel ist die „Drei-Zeiten-Methode“, bei der eine Rede von der Vergangenheit („Wie war es früher?“), über die Gegenwart („Wo sind wir jetzt?) bis in die Zukunft („Was ist unser Ziel?“) führt.

Foto: WirtschaftsWoche

PowerPoint ignorieren

Visuelle Unterstützungen sind aus den meisten Präsentationen nicht mehr wegzudenken. Was früher das Flip-Chart war, heißt heute PowerPoint oder Prezi – und überfordert die Zuhörer. In einer Studie der australischen Universität New South Wales bewiesen Forscher um den Professor John Sweller den negativen Einfluss von zusätzlichen Präsentationsanreizen. Professor Sweller ging sogar so weit, die Nutzung von PowerPoint als „Desaster“ zu bezeichnen und lautstark ein „Verbot“ des Programms zu fordern. Ein Problem von PowerPoint sehen Wissenschaftler vor allem dann, wenn sich Vortrag und Bildschirm-Präsentation nicht ergänzen - sondern den gleichen Inhalt doppelt transportieren.

Foto: WirtschaftsWoche

Aussagen wiederholen

Mitdenken ist als Zuhörer gar nicht so einfach. Die sogenannte Radio-Methode hilft, dass Kollegen, Freunde und Zuhörer nicht mit den Gedanken abschweifen. Vor allem Werbeagenturen arbeiten mit diesem Trick, um die Konsumenten zu erreichen. Typisch für diese Strategie ist das häufige Wiederholen von prägnanten Sätzen und Phrasen. Es geht aber auch origineller als „Geiz ist geil“: Wenn der Redner die zentralen Gedanken des Vortrags regelmäßig wiederholt, werden die Zuhörer es ihm danken – mit Aufmerksamkeit.

Foto: dpa/dpaweb

Die Kampagne: Nett, blass, Laschet. Wer die aktuellen CDU-Plakate sieht, kommt sich vor wie auf einer Zeitreise in die politische Kommunikation von ganz früher, als Helmut Kohl noch Deutschland regierte. Auch wenn Laschets Slogan "Zuhören. Entscheiden. Handeln." stark an Gerhard Schröders Kampagne in den 90ern erinnert: Gegen den am Zaun des Kanzleramtes rüttelnden Aufsteiger Schröder wirkt Armin Laschet wie "Muttis Bester".

Mal sitzt er da mit gefalteten Händen und lächelt. Mal gibt er jovial lächelnd in einer Traube von Rentnern den Menschenfreund. Das soll nahbar und sympathisch wirken, weil offenbar der Schock des Norbert Röttgen-Wahlkampfes bei der NRW-CDU noch tief sitzt.

Röttgen galt immer als "Muttis Klügster", doch die Herzen der Menschen erreichte der Vordenker mit seiner Leidenschaft für Visionen nicht. Themen-Plakate wie "Mehr Lehrer. Weniger Unterrichtsausfall" machen den Laschet-Auftritt leider nicht progressiver. Solide, aber für eine Partei, die an die Regierung will, sehr brav.

Tipps für die perfekte Rede
Präsenz schaffen
Nie ohne Plan
Stichwörter
Keine vollgestopfte PowerPoint-Präsentation
Beziehung zum Publikum aufbauen
Gesten nutzen
Floskeln vermeiden
Wahrheit formulieren
Nervosität hinnehmen

Die Kommunikation: "Er versucht als einziger Spitzenkandidat fortlaufend, seine Antworten mit für Politiker typischen Gesten zu unterstützen", hat Rhetorik-Experte Michael Ehlers erkannt. Das Risiko seines Stils: Laschet bleibt nur schwer in Erinnerung. Denn sein Markenzeichen ist in Sprache und Auftritt Konformität. Armin Laschet fehlt es an Ecken und Kanten und er orientiert sich dabei offenbar an Angela Merkel. Ein Mensch ohne Reizpunkte. Das kann - siehe Merkel - durchaus erfolgreich sein.

Sylvia Löhrmann, GRÜNE

Die Kampagne: "Zusammen ist es NRW" lautet der Slogan der grün-gelben Plakate, die an Anti-AKW-Proteste und Sonnenblumen im Bundestag erinnern. Damit fallen die Grünen auf, weil sie wirken wie ein Retro-Trip in die 80er Jahre. Auf dem Plakat: ein Portrait der Spitzenkandidatin, die als Schulministerin des größten Bundeslandes so schlicht präsentiert wird wie eine Kommunalpolitikerin. "1. Mehr Haltung. 2. Weniger Hass." lautet Löhrmanns Botschaft. Oder "1. Neue Energie. 2. Neue Jobs." Das ist einfach, klar, aber sehr angepasst und bürgerlich für eine Partei, die in aktuellen Umfragen gerade Richtung 5-Prozent-Hürde stürzt. Waren die GRÜNEN nicht mal Revoluzzer? Die Kampagne wirkt rückwärtsgewandt und wie aus einer anderen Welt, in der lieber leidenschaftlich über alternative Energien statt über den Kampf gegen den Terror gestritten wird. Eine gewagte Rückkehr zum alten grünen Markenkern.

Gründe zeigen & mobilisieren

Der Autor Simon Sinek hat untersucht, wie es Ikonen wie Martin Luther King oder dem Apple-Gründer Steve Jobs gelang, Massen von Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. In seinem Buch „Start with Why“ kommt Sinek zu dem Schluss, dass sie ähnlich dachten - und sprachen. In großen Reden ging es ihnen vor allem um das "Warum", nicht das übliche "Was?". Der Grund: Menschen lassen sich viel eher auf einer emotionalen Ebene mitreißen - etwa dann, wenn sie das Ziel und den Grund eines Projekts kennen.

Redner sollten Ihre Zuhörer außerdem mobilisieren, etwas zu tun. Hilfreich ist, sich im Vorhinein klar zu machen, was den Zuhörern vermittelt werden soll und welche Reaktion erwünscht ist. Einen Mehrwert hat eine Rede nur, wenn die Zuhörer danach ihre Handlungen und ihr Verhalten hinterfragen und möglicherweise sogar ändern.

Quelle: IESE Business School, München/Barcelona, Conor Neill

Foto: dpa

Einstieg mit griffigem Zitat

Für den Anfang einer jeden Präsentation empfiehlt Kommunikationsexperte und Universitätsprofessor Conor Neill ein griffiges Zitat. Dabei steht es dem Redner frei, ob er sich auf eine persönliche Geschichte, ein fachliches Zitat oder aber eine schockierende Statistik beruft. Egal für welches rhetorische Mittel er sich entscheidet, der Effekt ist der Gleiche: Die Zuhörer können sich dem Bann nicht mehr entziehen und geben sich der Rede offen und unvoreingenommen hin. Ganz nebenbei hat der Redner die Chance, seinen persönlichen Zugang zum Thema zu verdeutlichen.

Foto: WirtschaftsWoche

Struktur geben

Eine Unterteilung des Materials in drei große Abschnitte hilft, der Präsentation eine Struktur zu verleihen. Beginnen Sie mit einem griffigen Zitat am Anfang, gehen Sie dann in den Hauptteil über und beenden Sie Ihren Vortrag mit einem prägnanten Schluss. Stellen Sie stets und unter allen Umständen sicher, dass Sie genau wissen, wovon Sie sprechen. Das gelingt am besten, wenn Sie aufrichtiges Interesse für das Thema entwickeln.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten Sie, indem Sie im Laufe des Vortrags immer wieder lebhafte Beispiele anführen. Sie sind häufig nicht schwer zu finden, insbesondere alltägliche Phänomene bieten sich an. Auch die beiden Wissenschaftler und Autoren Chip und Dan Heath sehen darin einen Schlüssel für eine gelungene Präsentation. In ihrem Buch „Made to Stick: Why Some Ideas Survive and Others Die“ beschäftigen sie sich mit der Kommunikation von Ideen. Ein Ergebnis: Erst mit anschaulichen, bildlichen Beispielen lassen sich Menschen überzeugen. Eine Studie ergab: Nur fünf Prozent einer Studentengruppe konnte sich an den Inhalt eines Vortrags erinnern - aber knapp zwei Drittel der Studenten konnten die Beispiele wiedergeben.

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Üben, üben, üben

„Übung macht den Meister“ – das zumindest suggeriert eine alte Volksweisheit. Und das nicht ganz ohne Berechtigung. Eine junge Studie des Journals "Psychological Science“ zeigt, dass Übung immerhin einen Anteil von 12 Prozent an der späteren Leistung ausmacht. Nutzen Sie daher jede Gelegenheit, in der Öffentlichkeit zu sprechen und anderen Rednern zuzuhören. So werden Sie erfahrener und entwickeln das Selbstbewusstsein, das sie brauchen, um ein guter Redner zu werden. Je frühzeitiger sie damit anfangen, desto besser.

Studieren Sie Ihre Rede am besten laut mithilfe der Unterlagen ein, die Sie auch am Tag der Präsentation benutzen möchten. Bemühen Sie sich, Füllwörter auszuschalten. Bauen Sie Atempausen ein. Mithilfe einer Uhr können Sie zudem Ihren zeitlichen Rahmen prüfen und so noch Puffer für unvorhersehbare Situationen einplanen.

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Zielgruppe beachten

Nicht nur Inhalt und Wortwahl beeinflussen den Erfolg eines Vortrags, sondern auch das Verhältnis zwischen Redner und Zuhörern. Der Rhetoriktrainer und Autor Ingo Vogel („So reden Sie sich an die Spitze“) rät, jede Rede und jeden Vortrag genau auf das Publikum abzustimmen. Denn ob die Familie, ob Kollegen oder sogar die Chefetage im Publikum sitzt, macht einen gewaltigen Unterschied. In allen Fällen gilt aber: Verbindungen aufbauen und von Gemeinsamkeiten ausgehen. In Familienkreisen können das längst vergangene Erfahrungen sein, in formaleren Situationen aber auch geteilte Sorgen oder Unternehmenserfolge.

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Aufbau checken

Selbstsicherheit erlangen Redner vor allem, indem sie sich mit den Räumlichkeiten und technischen Gegebenheiten vertraut machen. Die besten Voraussetzungen schaffen Sie, indem Sie sich frühzeitig in den Vortragsraum begeben und das Mikrofon, sowie weitere Anschauungsmaterialien im Vorhinein auf Funktionalität testen. Das dürfte besonders von Lampenfieber geplagte Nervenbündel beruhigen.

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Für Entspannung sorgen

Kommunikationsexperte Neill rät Referenten außerdem zu Entspannungstechniken. Für eine entspannte Atmosphäre kann beispielsweise der zuvor erwähnte Einstieg mit griffigem Zitat sorgen. Aber auch die persönliche Geschichte als gelungener Eisbrecher verstärkt nicht nur die Glaubwürdigkeit und stellt den Kontakt zum Publikum her. Sie trägt zur guten Stimmung bei und beruhigt so die Nerven.

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Situation im Kopf durchspielen

Auch sehr hilfreich kann es sein, sich die bevorstehende Situation zuvor im Kopf auszumalen. Stellen Sie sich vor, die Rede ist zu Ende und Sie sind umgeben von Menschen, die Ihnen Fragen stellen. Was würden Sie antworten? Spüren Sie den Applaus. Autorin Ute Simon-Adorf weiß: Die mentale Vorbereitung auf eine herausfordernde Situation kann bewirken, dass Sie sich wirklich sicher fühlen. In ihrem Buch "Mentaltraining in Frage und Antwort" erläutert sie, wie Mentaltraining helfen kann, Blockaden abzubauen. Sie rät zu einem Plan B, auf den Redner zurückgreifen können, wenn etwas unerwartetes eintritt. Insofern Sie die Situation in Ihrem Kopf erfolgreich bewältigt haben, kann bei entsprechender fachlicher Vorbereitung am Tag des Vortrags nichts mehr schiefgehen, meint die Expertin.

Foto: WirtschaftsWoche

Pausen einlegen

Kurze Pausen von drei bis acht Sekunden an prägnanten Stellen lassen Zuhörer an den Lippen des Redners kleben. Am besten eignen sich dafür Schlüsselmomente oder Anfang und Ende eines lebhaften Beispiels.    

Foto: WirtschaftsWoche

Lächeln

Auch eine freundliche Ausstrahlung, verstärkt die Glaubwürdigkeit. Mit einem sanften Lächeln zeigen Sie, dass Sie sich für das Thema Ihrer Rede interessieren, erklärt Professor Conor Neill von der IESE Business School München. Das ist elementar: Denn wenn Sie es nicht schaffen, dem Publikum glaubwürdig zu vermitteln, dass Ihnen das Thema am Herzen liegt, werden Sie es umso schwerer haben, es davon zu überzeugen, dass es für sie relevant ist.

Foto: WirtschaftsWoche

Die Kommunikation: "Es fällt schwer, sich auf Inhalte zu konzentrieren, wenn sich Sylvia Löhrmann mit ihrem grünen, von Blumen übersäten Blouson im 70er-Jahre-Stil etwas zu sehr am Parteinamen orientiert", kritisiert Rhetorik- und Kommunikations-Experte Michael Ehlers beim Anschauen des WDR-Kandidatencheck-Videos der grünen Spitzenfrau. Außerdem erkennt er "klare Defizite in Sachen Präzision und Struktur". Sein Urteil: Löhrmanns Äußerlichkeiten lenken ab, ihre Antworten strengen an.

 

So geht es nicht: Die populärsten Irrtümer, wie eine gute Rede aussieht
Der Redner muss sich zuerst vorstellen
Geben Sie eine Übersicht und eine Zusammenfassung
Beginnen Sie mit einem Zitat
Beispiele müssen aus der jeweiligen Berufswelt kommen
Verzichten Sie auf Verneinungen
Lächeln Sie
Sagen Sie "Wir" statt "Ich"
Nutzen Sie genderkorrekte Sprache
Zusätzliche Sinneskanäle ansprechen
Wechseln Sie möglichst häufig das Präsentationshilfsmittel
Körpersprache: Hände an die Hosennaht
Laufen Sie ins Publikum
Ein Ratschlag ist auch ein Schlag

Die Kampagne: An dieser Kampagne scheiden sich die Urteile der Werbe-Experten. Und genau diese Polarisierung macht sie so besonders. Die einen bemängeln, dass die Schwarz-Weiß-Fotos aus dem politischen Alltag des smarten Spitzenkandidaten Christian Lindner eher an "Konzertankündigungen" erinnern, die anderen vermissen den klaren Wiedererkennungswert für die FDP. Mal sieht man Lindner im Autorückspiegel, mal lässig im Hörsaal.

Dann wieder zieht er wie ein Dressman den Mantel an oder liest auf dem Smartphone, während er isst. Das Konzept der Plakate brüllt einen an: Unser Mann ist authentisch. Der Slogan: "Es geht um unser Land." Was auffällt: Im Gegensatz zur großen Oppositionspartei CDU will die kleine Oppositionspartei FDP, die sich neuerdings "Freie Demokraten" nennt, wenigstens ein bisschen frech sein.

Ein Spruch wie "Nur weil Kinder gerne im Dreck spielen, müssen die Schulen nicht so aussehen", provoziert und berührt. Der ungeschminkte Christian Lindner im Unterhemd machte Schlagzeilen von BILD bis meedia.de - und sorgte allein am ersten Tag der Veröffentlichung bei Facebook für mehrere hunderttausend Klicks.

Rhetorik

Sieben Erfolgsfaktoren für die perfekte Rede

Die Macher der Ideenkonferenz Ted propagieren einen besonderen Vortragsstil. Ted-Chef Anderson beispielsweise verwandelt noch so dröge Themen in packende Vorträge. Was sich jeder Redner davon abschauen kann.

von Kristin Rau

Allen Kritikern zum Trotz: Der Wiedererkennungswert der Kampagne ist enorm. Einziges Manko: Sie ist - für die FDP nicht untypisch - eine One-Man-Personality-Show. Das könnte für Verdruss bei potenziellen Wählern in NRW sorgen, denen Lindner ja bereits angekündigt hat, im Herbst auf jeden Fall in den Bundestag einziehen zu wollen.

Die Kommunikation: "Christian Lindner hebt sich rhetorisch durch klare Inhalte und einfache Satzstrukturen von seinen Mitstreitern ab", schwärmt Rhetorik-Trainer Michael Ehlers. Seine Analyse: Lindner beschränkt sich in seinen Antworten auf das Wesentliche und weiß sie an Stellen mit potenziellem Erklärungsbedarf mit simplen, aber präzisen Kausalitätsketten im "Wenn-Dann-Stil" zu ergänzen. Nachdruck verleiht der FDP-ler seinen Interessen durch sogenannte Inversionen. Dabei wird mit der gängigen Satzgliedfolge von Subjekt-Prädikat-Objekt gebrochen und einfach mal das Objekt an den Satzanfang gestellt. Ein Beispiel: "In Bildung müssen wir investieren!" Gern arbeitet Lindner auch mit Antithesen, Steigerungen und Auslassungen. So kann der FDP-Spitzenkandidat in kurzer Zeit wesentliche Informationen vermitteln und filtert für den Zuhörer direkt beim Sprechen alles Wesentliche. Ehlers' Fazit: Lindner ist ein Rhetorik-Profi, dem man sehr gerne zuhört.

Özlem Alev Demirel, DIE LINKE

Die Kampagne: Die Spitzenkandidatin der Linken sucht man in NRW auf Plakaten vergeblich. Stattdessen dominieren kommunale Kandidaten und Symbol-Plakate von Menschen mit kämpferischer Arbeiter-Faust. "Zeig Stärke" steht darüber. Oder - wie in Köln - "Kalle für alle!" Der Kandidat heißt so.

Tipps für den gelungenen Smalltalk
Mit einem Lächeln beginnen
Auf die Distanz kommt es an
Unverfängliche Themen
Tabuthemen
Humor ja, Witze nein
Offene Fragen
Neutrale Fragen stellen
Aufmerksam zuhören
Sparen Sie sich Lästereien und Angeberei

Das wirkt alles ein bisschen wie RTL2-Werbung, schärft aber den Markenkern als Protestpartei gegen soziale Ungerechtigkeit ungemein. Die Kampagne ist eine Heimat für die Stammwählerschaft, aber darüber hinaus?

Die Kommunikation: "Unsicher, die Gesichtszüge entgleiten ihr leicht", bemängelt Kommunikations-Profi Michael Ehlers beim Anschauen des WDR-Kandidatencheck-Videos. Doch er rechnet Frau Demirel an: "Sie spricht aus dem Herzen und für jedermann verständlich." Fazit: Rhetorisch unsicher, aber viel Mensch.

 

Die Kampagne: "Ach, die PIRATEN gibt es noch?", möchte man ausrufen. Es kostet wirklich Mühe, die Plakate der PIRATEN in Nordrhein-Westfalens Städten zu entdecken. Vielleicht ein Grund, warum die Plakate im "Smartgerecht"-Shop ab drei Euro pro Stück für jedermann zu kaufen sind. "Leben ohne Angst: Grundeinkommen!" steht darauf. Oder "Demokratie braucht geile Politik!" Das klingt erstaunlich analog und wenig digital und nach politischem Realismus. Modern, doch am ursprünglichen Markenkern vorbei. Wirkt wie ein Plan.

Die Kommunikation: "Michele Marsching ist der authentischste aller Spitzenkandidaten", analysiert Rhetorik- und Kommunikations-Trainer Michael Ehlers. Er zeigt Nähe zu den Bürgern und Sinn für Humor. Und passend zur Plakatkampagne machen die PIRATEN mit humanitären Themen fast schon der Linkspartei Konkurrenz. Ehlers' Urteil: "Anders als man es früher von den PIRATEN gewohnt war: ein absolut ernstzunehmender Spitzenkandidat."

 

Marcus Pretzell, AfD

Die Kampagne: Der Auftritt der AfD besteht aus Personen- und Themen-Plakaten. Freundlich lächelnd verspricht Pretzell "die Antwort auf KRAFT-lose Politik" zu sein. Der Slogan: "Unser Programm heißt Realität." Bei den Themen-Plakaten wird es dann provokativ. Die AfD textet zum Foto eines lachenden blonden Mädchens: "Mit 18 freut sich Lili noch mehr, dass ihre Eltern AfD gewählt haben." Auf einem anderen Plakat sieht man eine alte Frau im Bundeswehr-Parka, die in einer Mülltonne kramt. Dazu die beißend-zynischen Worte: "Die Früchte eines arbeitsreichen Lebens." Die AfD lebt vom Protest. Je nach Blickwinkel mögen die Plakate fast schon wie Realsatire wirken (Bundeswehr-Parka, blondes Mädchen), den Markenkern "Dagegen!" bespielen sie polternd und optimal.

Die Kommunikation: In TV-Auftritten versucht AfD-Spitzenkandidat Marcus Pretzell den sympathischen Politiker von nebenan zu geben, doch beim WDR-Kandidatencheck verhielt er sich - vermutlich wegen eines Lügenpresse-Reflexes - wenig klug. Pretzell verweigerte sich dem Projekt. Das Urteil von Kommunikationsexperte Michael Ehlers: "Strategisch ein Eigentor. Denn keine Kommunikation ist auch Kommunikation."

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